14.11.2019 Alexandra Wach

Das Totenreich kann warten

Das Kunstmuseum Bonn spürt noch bis 19. Januar junge Malereipositionen aus Deutschland auf

Alleine ist das Kunstmuseum Bonn mit seinem Anliegen nicht. Mit der Ausstellung „Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“ will das Haus das hartnäckige Vorurteil widerlegen, die „Königsdisziplin“ Malerei hätte spätestens seit der Erweiterung des Kunstbegriffs in der Moderne ihren Zenit überschritten und gehöre ins kunsthistorische Totenreich. Die Schau verteilt sich parallel noch auf Chemnitz und Wiesbaden, im Anschluss wandert ein resümierender Querschnitt in die Hamburger Deichtorhallen.

Max Frintrop, Ohne Titel, (Aphex Twin), 2019, Tusche, Acryl, Pigmente auf Leinwand, 220 x 170 cm, Courtesy der Künstler und Berthold Pott Galerie, Foto: Ben Hermanni
Max Frintrop, Ohne Titel, (Aphex Twin), 2019, Tusche, Acryl, Pigmente auf Leinwand, 220 x 170 cm, Courtesy der Künstler und Berthold Pott Galerie, Foto: Ben Hermanni

Ein Großprojekt

Sieben Kuratoren reisten zwei Jahre lang durch die Republik, um 100 Ateliers von 200 Nominierten aufzusuchen. Die 53 Auserwählten sind jetzt jeweils mit mehreren Arbeiten in drei Häusern vertreten. Das Bonner Haus, ein ausgeprägtes Malereimuseum, verzichtet auf thematische oder konzeptuelle Leitlinien, zieht eine kontrastreiche Hängung allzu sichtbaren Verwandtschaften vor und versammelt für seine Momentaufnahme stolze 177, vage politische bis zu lustvoll figurative Werke von unter 40-Jährigen.

Intelligentes Spiel mit der Gattung Malerei

Berührungsängste mit dem immensen Erbe der Disziplin zeigt diese Nach-Wende-Generation nicht. Und sie versucht auch gar nicht erst, nach noch nicht ausgetretenen Pfaden zu suchen. Die Künstler verweigern sich jeder multimedialen oder installativen Raumausdehnung – nicht ohne Momente humorvoller Wiederverwertung. So der Fall bei Franziska Reinbothe aus Leipzig, die das Konzept Tafelbild zerstört, indem sie Teile der Leinwand zu einem beflügelten Objekt „umfaltet“. Oder auch bei Florian Meisenberg, der seine eigenen Motive so lange kopiert, bis kein Wandzentimeter mehr unbedeckt bleibt. Und wenn ein Bild doch in die Horizontale zu streben scheint, dann nur, weil sich die Farbmasse auf der Leinwand in der Tradition der japanischen Nachkriegsmalerei Gutai zu einer apokalyptischen Kraterlandschaft hochtürmt. Paul Czerlitzki wandelt zwar auf den schwarzsatten Spuren eines Pierre Soulages, stellt aber seine monochromen Variationen auf Sockel und durchkreuzt so immerhin die gattungstypischen Erwartungen. 

Vivian Greven, Leea, 2017, Öl auf Leinwand, 120 x 110 cm, Courtesy SETAREH, Foto: Ivo Faber
Vivian Greven, Leea, 2017, Öl auf Leinwand, 120 x 110 cm, Courtesy SETAREH, Foto: Ivo Faber

Selbst die gute alte Antike feiert eine Wiederauferstehung: Die 1985 geborene Vivian Greven etwa fängt mit Sinn für höchste handwerkliche Ansprüche das digitale Lebensgefühl ein, indem sie unterkühlte Pastelltöne mit Verweis auf die Ästhetik klassischer Skulpturen einer Venus, Amor oder Psyche verwendet. Ihre gottähnlichen Heroen trumpfen mit so makelloser Haut und wohlgeformten Rundungen auf, dass man sogleich einen Fall computergestützer Maschinenkunst wittern möchte, anstatt Liebespaare kurz vor der ersehnten Umarmung zu sehen, die buchstäblich im Rahmen bleiben – und der avantgardistischen Aufforderung zur Erneuerung des Kunstdiskurses eine in Zeiten von Instagram überaus fotogene Absage erteilen. Der schwedische Städelschule-Absolvent Hannes Michanek entwirft fantastische Landschaften, in denen ein fernes Echo frühneuzeitlicher Fegefeuer-Malerei à la Hieronymus Bosch zu vernehmen ist.

Lukas Glinkowski, Funny games, 2018, Öl, Glasfarbe und Spiegelfliesen auf Holzkonstruktion (vierteilig), 210 x 240 x 5 cm, © Lukas Glinkowski, Foto: Lukas Glinkowski
Lukas Glinkowski, Funny games, 2018, Öl, Glasfarbe und Spiegelfliesen auf Holzkonstruktion (vierteilig), 210 x 240 x 5 cm, © Lukas Glinkowski, Foto: Lukas Glinkowski

Simon Modersohn, Urenkel Otto Modersohns, zieht es hin zu nächtlich ausgeleuchteten Satteldachhäusern, die dörfliche Idylle suggerieren – und doch ihre Bewohner seltsam versteckt halten. Manch ein Setting erinnert hier an Arbeiten der einstigen Künstlerkolonie Worpswede, was nicht heißt, dass sich Modersohn selbst in dieser Tradition verortet. Die in Moskau geborene Kristina Schuldt hat ihr Handwerk unter Neo Rauch an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst gelernt. Auf ihren Großformaten schweben verdrehte Frauenkörper durch bonbonfarbene Assoziationswolken, in denen Großkaliber wie Picasso, Fernand Léger oder Konrad Klapheck logieren. Die Münchnerin Dana Greiner wiederum verwendet für ihre psychedelischen Kaleidoskop-Muster Sprühlack auf Acrylglas, als gelte es, den orphischen Kubismus in die Jetztzeit zu übertragen. Selbst die abstrakten Farbfeuerwerke des Albert-Oehlen-Meisterschülers Max Frintrop, der eine Vorliebe für selbst gebastelte Pinsel pflegt, oszillieren zwischen Jackson Pollock, Sprühdose und der zarten Welt der asiatischen Tusche-Zeichnungen.

Immer wieder grüßt die Kunstgeschichte

Was offenbar bei der Auswahl am meisten gezählt hat, ist die persönliche Auseinandersetzung ohne Angst vor Halteverboten, die den allerorten blühenden Aneignungsgestus bremsen könnten. Das versprüht natürlich den unbekümmerten Charme der Jugend, ist aber auf die Dauer auch etwas ermüdend, denn man kommt nicht umhin, auf Schritt und Tritt nach den Vorläufern zu fahnden, die aus der Vergangenheit in das wild collagierte Stile-Rauschen grüßen. Da fröstelt man lieber mit den androgynen Netz-Untoten von Vivian Greven. Sie schaffen es in all ihrer Rückwärtsgewandtheit nämlich, auf Höhe der Zeit zu bleiben, mit Ansätzen von zuckerweichem Kitsch zu provozieren und dabei einem neuromantischen Narrativ unerfüllter Sehnsucht nach Nähe zu folgen. Und das in der real existierenden, analogen Welt, fern der optimierten Narziss-Kulturen der Social Media. Eine Soloschau bitte!

Service

Ausstellung

„Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“

Kunstmuseum Bonn
bis 19. Januar 2020

Dieser Beitrag erschien in

KUNST UND AUKTIONEN Nr. 17/2019