09.12.2019 Dorothee von Flemming

Ein weites Feld: Millet und seine Nachfolger

Das Van Gogh Museum in Amsterdam würdigt den Maler Jean-François Millet als Sämann der Moderne

„Für mich ist nicht Manet, sondern Millet der wesentliche moderne Maler, der den Horizont für viele öffnete“, schrieb 1884 Vincent van Gogh seinem Bruder Theo. Van Gogh, der Jean-François Millet sein Leben lang verehrte, blieb nicht der einzige große Bewunderer. Millets unakademische Malweise mit groben Farbstrichen, überwiegend in Erdfarben, vor allem aber seine Themen aus dem Bauernleben haben folgende Generationen stark inspiriert. Das Van Gogh Museum in Amsterdam zeigt jetzt in einer großartigen Schau den Einfluss und die Wechselwirkungen mit Künstlern aus ganz Europa und den USA und macht klar, warum Millet in seiner Zeit als der bedeutends­te Moderne galt.

Vincent van Gogh, „Der Sämann“, 1888, Sammlung Köller-Müller Museum, Otterlo, Abbildung: Sammlung Köller-Müller Museum, Otterlo
Vincent van Gogh, „Der Sämann“, 1888, Sammlung Köller-Müller Museum, Otterlo, Abbildung: Sammlung Köller-Müller Museum, Otterlo

Millet starker Einfluss auf Van Gogh

Schon bevor van Gogh Maler wurde, hatte er Drucke von Millets Werken gesammelt, die seinem Interesse an der Natur und an einem mit tiefer Religiosität verbundenen Landleben entsprachen. Zu Beginn seiner künstlerische Laufbahn ab 1880 kopierte er sein Vorbild immer wieder und fühlte sich ihm aufgrund des ähnlichen familiären Hintergrunds so nahe, dass er ihn als „Vater“ Millet bezeichnete. Die Betonung des Vordergrundes, die Haltung der Bauern bei der Arbeit ziehen sich durch beider Werke, und das zu sehen ist ein besonderer Gewinn der Ausstellung. Nach dem Vorbild von Millets viel bewundertem „Sämann“ zeichnete und malte van Gogh zahlreiche „Sämann“-Bilder wobei er die erdigen Töne des älteren Franzosen durch leuchtende Farben ersetzte. Höhepunkt ist der Sämann von 1888, den er „modern“ konzipierte und hinter dem er eine zur Krone stilisierte Sonne malte.

Jean-François Millet, „Ährenleserinnen“, 1857, Abbildung: Donation subject to usufruct of Mrs. Pommery, Musée d’Orsay, Paris
Jean-François Millet, „Ährenleserinnen“, 1857, Abbildung: Donation subject to usufruct of Mrs. Pommery, Musée d’Orsay, Paris

Das „Angelusläuten“, ein Hauptwerk Millets, war für Salvador Dalí sehr wichtig, wie eine Gegenüberstellung in der Schau belegt. Max Liebermann hingegen ist Millet vielleicht in Barbizon begegnet, wo der Deutsche 1875 eine „Kartoffelernte“ malte. Er glaubte, dass Bauernbilder helfen würden, soziale Reformen auf den Weg zu bringen. Auch wie Camille Pissarro, Claude Monet, Paul Cézanne, Paul Gauguin und selbst Kasimir Malewitsch sich von der Bildsprache Millets beeinflussen ließen, ist nun in Amsterdam zu sehen.

Service

Ausstellung

„Jean-François Millet“

Van Gogh Museum, Amsterdam
bis 12. Januar

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 165/2019