09.11.2019 Gloria Ehret

Psyche und Pomp: Van Dyck in München

Die Alte Pinakothek in München führt vor, wie aus dem Wunderkind Anthonis van Dyck ein Spiegel der europäischen Eliten wurde

Man kann sich seinem tiefen Blick kaum entziehen. Den Kopf leicht geneigt, schaut der schöne junge Mann mit den goldblonden Locken den Betrachter aus seinen blauen Augen eindringlich an – die roten Lippen einen Hauch geöffnet, als wollte er mit ihm ins Zwiegespräch treten. Dass sich der Maler Anthonis van Dyck schon mit Anfang zwanzig perfekt zu inszenieren wusste, zeigt das Münchner Selbstbildnis, das um 1620/1621 entstand. 1627 hat er es überarbeitet, angestückt und zum Halbfiguren-Bildnis vergrößert. Nun liegt seine rechte Hand, die er vordem zum Kinn führte, wie auf einer Brüstung vor ihm. Eine schwere Goldkette ziert die Schulter. Vermutlich hat er sie während seines Italienaufenthaltes 1622 vom Herzog Ferdinando Gonzaga in Mantua erhalten.

Der Beginn einer steilen Karriere

Van Dyck zählt zu den berühmtesten Malern des 17. Jahrhunderts. Ihm verdanken wir historische, mythologische, religiöse Gemälde und repräsentative Porträts der europäischen Elite seiner Zeit. Doch über das Leben des weltberühmten Kosmopoliten gibt es wenig Dokumentarisches. Man weiß, dass er 1599 als Sohn eines Tuchhändlers in Antwerpen geboren wurde. Sein Geburtshaus steht noch heute am Grote Markt. Mit zehn Jahren begann er eine Lehre bei Hendrik van Balen, dem angesehenen Dekan der Lukasgilde. Schon 1615 eröffnete van Dyck eine eigene Werkstatt. Zwei Jahre später ist bereits eine Zusammenarbeit mit Peter Paul Rubens belegt. Mit zwanzig wird er als Meister in der Antwerpener Lukasgilde geführt.

Anthonis van Dyck, Selbstbildnis, um 1615, Öl auf Eichenholz, 43 x 32,5 cm, Foto: © Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste, Wien
Anthonis van Dyck, Selbstbildnis, um 1615, Öl auf Eichenholz, 43 x 32,5 cm, Foto: © Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste, Wien

Auf Veranlassung des Grafen Arundel reiste van Dyck im Herbst 1620 nach England. Das Prachtporträt der Gräfin ist ein Highlight der Schau in der Alten Pinakothek. Ein Jahr später brach er nach Italien auf. Mit Unterbrechungen verweilte er dort fünf Jahre. Ausführlich setzte er sich mit der venezianischen Malerei und Tizian auseinander. Venezianische Bildideen und Naturstudien, die sich in späteren Gemälden niederschlugen, hielt er im „Italienischen Skizzenbuch“ fest. 1632 avancierte er zum englischen Hofmaler. Zeitlich endet die Ausstellung vor dieser Periode: München ist stolzer Besitzer einer ganzen Reihe bedeutender Van-Dyck-Werke aus dessen früherem Schaffen, doch die englische Phase ist nicht mehr vertreten.

Van Dyck im künstlerischen Austausch mit Malerkollegen

Dank internationaler Leihgaben sind dafür detaillierte Vergleiche mit Gemälden von Rubens, Tizian oder Tintoretto möglich. Ölstudien, Zeichnungen und Druckgrafiken erhellen van Dycks künstlerische Vorgehensweise und seinen arbeitsteiligen Werkstattbetrieb. Um 1616 bis 1620 hat er viele Ölstudien, vorwiegend Köpfe alter Männer, gemalt, die in mehrfigurige Gemälde Eingang fanden. Im reichen Flandern war Kunst gefragt. Kollegen mit unterschiedlicher Spezialisierung arbeiteten da auch gern zusammen. Die monumentale, wild bewegte „Eberjagd“ gilt als Gemeinschaftswerk van Dycks mit dem 20 Jahre älteren Frans Snyders.

Anthonis van Dyck, Die Heilige Familie in einer Landschaft, um 1630, Öl auf Leinwand, 134,7 x 114,8 cm, Foto: © Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, München

Der „Trunkene Silen“ gehört zu den weltberühmten Rubens-Gemälden in der Alten Pinakothek. Van Dyck reduziert das sinnlich-bacchantische Vorbild auf den berauschten Protagonisten und seine Helfer, die er ins Dunkel taucht. Auch nackte junge Märtyrer-Heilige waren beliebte Sujets. Hat Rubens Laurentius’ Martyrium zum Mittelpunkt eines Mehrfiguren-Bildes gemacht, so verwandelte van Dyck den schönen Leidenden mehrfach in den heiligen Sebastian, was sich an Gemälden aus München, Edinburgh, Dublin und Madrid nachvollziehen lässt. Bei Madonnendarstellungen stand hingegen häufig Tizian Pate, wie Bilder beider Maler vor Augen führen. Einen Höhepunkt in der Barockmalerei markiert van Dycks „Susanna und die beiden Alten“. Kein erzählerisches Beiwerk, keine Nebenszenen, keine Parklandschaft, in der die Voyeure die schöne Nackte im Bade­idyll ausspähen. Die Szene ist auf den körperlichen Übergriff der drohenden Vergewaltigung verdichtet, die Bedrängte im steilen Hochformat nah an den Bildrand gerückt. Sie hält ein blutrotes Tuch vor den hell strahlenden, nackten Leib. Einer der beiden Verführer berührt die Ausgelieferte an der freien Schulter. Ein schier auswegloser Augenblick!

Anthonis van Dyck, Susanna und die beiden Alten, um 1621/22, Öl auf Leinwand, 194 x 144 cm, Foto: © Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, München
Anthonis van Dyck, Susanna und die beiden Alten, um 1621/22, Öl auf Leinwand, 194 x 144 cm, Foto: © Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, München

In den Porträts zeigt sich van Dycks ganzes Können

Den Auftakt bei den Porträts bildet das Wiener Selbstbildnis von 1615. Zum eingangs gepriesenen Münchner Selbstporträt gesellt sich eine Variante aus New York, zum Kniestück vergrößert. Hier lehnt sich der Maler mit sprechenden Händen selbstbewusst an eine Säulenarchitektur. Man denkt an Tizian. Damit signalisierte van Dyck möglichen Auftraggebern, wie er sie standesgemäß ins rechte Licht setzen könnte. Tizians grandioses Münchner Bildnis Kaiser Karls V. wird in den Kontext eingebunden – denn van Dyck setzte zwei, drei Generationen später Macht- und Herrschaftsrelikte wie Brokatstoffe, Säulen, Architekturzitate und Landschaftsausblicke gezielt ins Bild. Und Rubens betört im Vergleich mit dem Prunkgemälde der Gräfin Arundel, umringt vom Gatten und den Kindern samt Hund. Zu Recht wird auch van Dycks Gespür für die Schilderung von Kindern betont – zu sehen auf dem Porträt der Susanna Fourment mit ihrer Tochter Clara del Monte aus Washington oder dem Münchner Bildnispaar des Malerfreundes Theodor Rombouts mit Gemahlin und Tochter.

Anthonis van Dyck, Susanna Fourment mit ihrer Tochter Clara del Monte, 1621, Öl auf Leinwand, 172 x 117 cm, Foto: © National Gallery of Art, Andrew W. Mello
Anthonis van Dyck, Susanna Fourment mit ihrer Tochter Clara del Monte, 1621, Öl auf Leinwand, 172 x 117 cm, Foto: © National Gallery of Art, Andrew W. Mello

Van Dycks Geschick, die Psyche der Individuen mit ihrer gesellschaftlichen Stellung in Einklang zu bringen, gipfelt in den Pendants der Eheleute Sebilla vanden Berghe und Filips de Godines: Die blass-blonde Nordeuropäerin und der beleibte portugiesische Steuereinnehmer in spanischen Diensten in Antwerpen sind ebenso differenziert erfasst wie ihre kostbaren spitzenverbrämten Damast- und Seidengewänder. Zum Defilee bedeutender Van-Dyck-Porträts gehören auch die Feldherren des Dreißigjährigen Krieges, Gustav II. Adolf von Schweden, Wallenstein oder Tilly, sowie Potentatinnen wie Maria de Medici oder Margarethe von Lothringen. Dass die beiden Letzteren sich in Frisur, Putz und Pose verdächtig ähnlich sehen, mag den Dargestellten zeitlebens verborgen geblieben sein. Dank der feinen Münchner Zusammenstellung wird es offensichtlich.

Service

Ausstellung

„Van Dyck“

Alte Pinakothek, München
bis 2. Februar

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 163/2019