Zeitgenössische Kunst bei Döbritz

Spur des Begehrens

Bei Döbritz in Frankfurt treffen in der Märzauktion zeitgenössische Werke aus zwei Sammlungen in surrealistischer Weise aufeinander. Eine ergänzende Benefizversteigerung kommt Kunstschaffenden im Lockdown zugute

Von Ivo Kranzfelder
01.03.2021
/ Erschienen in Kunst und Auktionen Nr. 3

Das bronzene Objekt sieht aus wie die Klaue eines gepanzerten Echsenwesens: Vier Finger liegen annähernd nebeneinander, einer in Opposition. Jeweils am Ende der einzelnen Gliedmaßen ragt eine spitz zulaufende, goldene Kralle heraus. Die Klaue selbst ist dunkel patiniert und zeigt hellere, abgenutzten Stellen. Ruht das Objekt auf den Krallen – und zwar auf den vier benachbarten –, erweckt es einen wehrhaften, sogar aggressiven Eindruck. Dreht man es jedoch wie eine geöffnete Hand um, gibt es eine ovale Öffnung frei. Dieser Gegenstand ist aufs Höchste suggestiv, er vereint goldenes Versprechen mit bedrohlicher Verletzungsgefahr. Das Werk stammt von Louise Bourgeois, trägt den Titel „Give or Take II“ und wurde 1991 – die Künstlerin war da schon 80 Jahre alt – in einer Auflage von 30 Exemplaren gegossen. Bourgeois war der Pathologie des Begehrens auf der Spur, mit allen dazugehörigen Abgründen. Beeinflusst war sie unter anderem vom französischen Surrealismus, für den dies auch ein zentrales Thema war.

Die kleine, etwa handgroße Bronze wird am 6. März bei Döbritz in Frankfurt angeboten und stammt aus der Sammlung der international tätigen Wirtschafts- und Steuerkanzlei Clifford Chance, die – nach Angaben des Auktionshauses – aufgrund eines Umzugs ihre Kunstbestände umstrukturieren will. Mit einer vorsichtig bemessenen Taxe von 12.000 Euro gehört die Arbeit von Bourgeois – neben drei großformatigen Landschaftszeichnungen von Günther Förg aus dem Jahr 2008 (Taxe je 14.000 Euro) – zu den Highlights aus dieser Kollektion.

Kalinowski Trophée Döbritz Auktion
Horst Egon Kalinowski (1924 – 2013) fertigte das Werk „Trophée“ (78 x 110 x 25 cm) 1970 aus Leder und einer Eisenkette. Der Schätzpreis beträgt 2400 Euro. © Döbritz, Frankfurt am Main/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Ein weiteres Konvolut bildet die Privatsammlung von Wolfgang Rothe. Rothe hatte 1958 die dem deutschen Informel gewidmete „Edition Rothe“ gegründet und daraus drei Jahre später eine Galerie gleichen Namens entwickelt. Auch seine eigene Kollektion war hauptsächlich dem Informel gewidmet. Döbritz offeriert daraus unter anderem Werke von Bernard Schultze und K. O. Götz – hier sowohl frühe Arbeiten als auch eine Serie von fünf sehr schönen und typischen gestischen Tuschezeichnungen von 1985 (Taxe 5500 Euro). Auch Bilder von K. F. Dahmen, Fred Thieler und Hans Platschek (unter anderem mit einer Arbeit aus den Fünfzigerjahren, Taxe 800 Euro) sind vertreten – mit insgesamt moderaten Schätzpreisen. Zwei größere Leinwände des 1949 geborenen Max Neumann aus den Achtzigerjahren repräsentieren die neuere Generation (Taxen 1800 und 1200 Euro).

Besonders interessant ist „Trophée“  aus dem Jahr 1970 von Horst Egon Kalinowski (Taxe 2400 Euro) – gerade im Zusammenhang mit der oben beschriebenen Arbeit von Louise Bourgeois. Kalinowskis bevorzugtes Material war Leder, und zwar auch in dreidimensionaler Form. Von einem zentralen Körper gehen nach links und rechts unten nach außen gebogene Ansätze oder Stümpfe von Gliedmaßen ab, die durch eine Eisenkette miteinander verbunden oder aneinander gefesselt sind. Vom Auktionshaus wird diese „Trophäe“ als „Ensachement“ bezeichnet, was sich schwer ins Deutsche übersetzen lässt, aber den Charakter dieses Objekts gleich in mehrfacher Hinsicht gut trifft.

Was die Objekte von Kalinowski und Bourgeois (die übrigens auch viel und gerne mit Säcken arbeitete, die sie durch Füllung zu allerlei Figuren formte) ausmacht – die hier in durchaus surrealistischer Weise aufeinandertreffen –, ist ihre eindeutige Uneindeutigkeit. Auch bei Kalinowski spielen Gegensätze – Lust und Schmerz, Dominanz und Unterwerfung (sowie das Verschwimmen der Grenzen dazwischen) eine große Rolle, und dementsprechend auch die Auswahl und Behandlung des Materials. Die Stiftung Kunstfonds, die den Nachlass des Künstlers verwaltet, hat es für ihn im besten Kunsthistoriker-Deutsch auf den Punkt gebracht: „Die französischen Titel verweisen auf große mythologische Themen genauso wie auf religiöse Themen des Martyriums und persönliche Erfahrungen gelebter zwischenmenschlicher Beziehungen.“

Thomas Bayrle Döbritz Auktion
Thomas Bayrles (* 1937) Relief-Objekt „S“ von 1981 aus bemaltem Karton und Spielzeugautos (104,5 x 72,5 x 9,5 cm) geht mit 20.000 Euro ins Rennen. © Döbritz, Frankfurt am Main/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Im Gegensatz dazu lässt Thomas Bayrles Relief-Objekt „S“ – eine Art flächendeckendes Straßen- oder Autobahnkreuz mit Spielzeugautos in Form eines Dollar-Zeichens – an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig (Taxe 20.000 Euro). Und manchmal ist ja tatsächlich auch klare Kante gefragt – bei mancher derzeit geführter Kontroverse allerdings wünschte man sich mehr Vertiefung in die Grauzonen und die Berücksichtigung nicht wegzudiskutierender menschlicher Abgründe statt simpler Schwarz-Weiß-Malerei.

Eine angeschlossene Benefiz-Auktion zugunsten Frankfurter Künstlerinnen und Künstler im Lockdown – bei der wieder Thomas Bayrle, aber auch Arbeiten Christa Nähers, Tobias Rehbergers und Anne Imhoffs vertreten sind – soll daran erinnern, dass wir ohne die Erkenntnisse und Erfahrungen, die uns Kunst vermitteln kann, wieder – oder sollte man sagen: noch weiter? – in die Barbarei zurückfallen. Die Preise dafür können gar nicht hoch genug sein.

Service

AUKTION

Modern & Contemporary
und Benefiz-Auktion für Kunstschaffende

Döbritz, Frankfurt am Main

Auktion 6. März 2021,
Besichtigung 27. Februar, 1. bis 4. März 2021

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