04.10.2019 Sabine Spindler

Rudolf Neumeister: Der kunstsinnige Patriarch

Als Auktionator prägte Rudolf Neumeister den Kunstmarkt ebenso wie den Geschmack seiner Kunden. Jetzt wird seine Sammlung versteigert

Rudolf Neumeister hat in seinem Münchner Auktionshaus für zahlreiche Rekorde gesorgt. Zwei Jahre nach seinem Tod kommt nun seine vielseitige private Kunstsammlung zur Auktion. Gotische Skulpturen und Augsburger Silber setzen die Glanzlichter.

Dem deutschen Kunsthandel hat Rudolf Neumeister Sternstunden beschert. Mit 54 gotischen Skulpturen der Sammlung Oertel setzte er 1979 in nur 68 Minuten unerhörte 5,1 Millionen D-Mark um. Aufsehen erregte 1988 der Weltrekord für Carl Spitzwegs „Friede im Lande“. Das Gemälde kostete 1,2 Million DM – siebenstellige Erlöse waren damals eine Sensation.

Der Kunsthändler und Sammler Rudolf Neumeister in jungen Jahren, Foto: Neumeister/privat
Der Kunsthändler und Sammler Rudolf Neumeister in jungen Jahren, Foto: Neumeister/privat

Wer mit Kunst handelt, ist meist auch ein versierter Sammler. Etwa achthundert Objekte aus der privaten Kollektion des einst erfolgreichsten Auktionators Münchens werden am 22., 23. und 24. Oktober versteigert. Und wer den Katalog durchblättert, erkennt den kunstsinnigen Feingeist hinter dem umtriebigen Geschäftsmann, der schon 1958, als er das Auktionshaus Weinmüller übernahm, ein ausgeprägtes Gespür für die Bedürfnisse des Marktes hatte. Der Berater von Puddingkönig Rudolf-August Oetker, von Industriellen wie Friedrich Karl Flick und Georg Schäfer, aus dessen Sammlung das gleichnamige Schweinfurter Museum hervorgeht, besaß die selbe Leidenschaft wie seine Kunden im wirtschaftlich wieder properen Deutschland, als Antiquitäten und die Genremalerei des 19. Jahrhunderts ein Life Code waren für Kennerschaft, Kultur und Stil.

Spätgotik aus Südtirol

Eine emaillierte Rokoko-Tabatiere mit Jagdmotiv aus der Werkstatt Fromery, nun auf 1200 Euro geschätzt, begeisterte Rudolf Neumeister, der wegen seines autoritären Stils von allen der Patriarch genannt wurde, ebenso wie die expressive Ausdruckskraft der Beweinungsgruppe des Südtiroler Bildhauers Hans Klocker aus der Zeit um 1500. Die ursprünglich zu Klockers Barbara-Altar gehörende Predella ist mit einer Taxe von 120.000 bis 180.000 Euro eines der Highlights.

Hans Klocker, Beweinungsgruppe, um 1495/1500, Zirbenholz mit alter Polychromfassung, 74 × 63 cm, Schätzpreis 120.000–180.000 Euro, Foto: Neumeister/Christian Mitko
Hans Klocker, Beweinungsgruppe, um 1495/1500, Zirbenholz mit alter Polychromfassung, 74 × 63 cm, Schätzpreis 120.000–180.000 Euro, Foto: Neumeister/Christian Mitko

„Das besondere an der Auktion ist die Fülle von interessanten, qualitätvollen Stücken, die manche Lücke einer Privatsammlung oder eines Museums füllen könnten“, sagt Katrin Stoll, zweite von drei Neumeister-Töchtern. Auch Martina Scheublein-Neumeister und Michaela Neumeister-De Pury sind nach der Trennung vom väterlichen Unternehmen weiterhin im Kunstmarkt tätig. Nachfolgerin des gut vernetzen Firmengründers aber wurde die 1962 geborene. Man ahnt, welche Stücke Katrin Stoll meint: Balthasar Permosers tänzelnde kleine Flora aus Lindenholz von 1710/20, geschätzt auf mindestens 150.000 Euro, oder ein Kunstkammerstück wie die anatomisch exakte Kleinplastik eines männliches Aktes mit Turban aus dem frühen 17. Jahrhundert, die schon für 1200 Euro zu haben sein könnte. Stolls Engagement im Hinblick auf Restitutionsfragen knickt übrigens auch in Familienangelegenheiten nicht ein: „Jedes Stück“, sagt sie, „ist mit internationalen Datenbanken abgeglichen“.

Balthasar Permoser, Flora, um 1710/15, Lindenholz, Höhe 22,5 cm, Schätzpreis 150.000–200.000 Euro, Foto: Neumeister/Christian Mitko
Balthasar Permoser, Flora, um 1710/15, Lindenholz, Höhe 22,5 cm, Schätzpreis 150.000–200.000 Euro, Foto: Neumeister/Christian Mitko

Neumeisters Generation war keramikversessen. Diese Sparte spannt einen Bogen  vom Creussener Planetenkrug aus dem Jahr 1668, der auf 5000 bis 7000 Euro taxiert ist, bis zum braun und gelb glasierten Rochlizter Honigkrug, der aus dem 18. Jahrhundert stammt und 400 bis 500 Euro einspielen soll. Ein Prachtstück ist zweifellos ein Nürnberger Hausmaler-Enghalskrug von 1719/29 mit einer Darstellung der Hochzeit von Kana, in schrillen Farben vermutlich von Justus A. E. Glüer bemalt. Für ihn werden 14.000 bis 16.000 Euro erwartet. 

Hausmaler-Enghalskrug, Nürnberg, um 1719–29, Höhe 36 cm, Justus Alexander Ernst Glüer zugeschrieben, Schätzpreis 14.000–16.000 Euro, Foto: Neumeister/Christian Mitko
Hausmaler-Enghalskrug, Nürnberg, um 1719–29, Höhe 36 cm, Justus Alexander Ernst Glüer zugeschrieben, Schätzpreis 14.000–16.000 Euro, Foto: Neumeister/Christian Mitko

Das Sammeln muss für den gut vernetzten Kunsthändler eine kulturelle Expedition quer durch Epochen und Kunstgattung gewesen sein. Besonders wertgeschätzt hat er die Arbeiten Augsburger Silberschmiede.  Nun kommt ein Schlangenhautbecher aus dem Jahr 1610, geschätzt auf 1200 bis 1400 Euro, ebenso unter den Hammer wie barocke Deckelhumpen mit dem modern wirkenden Diamantbuckeldekor (Taxe 5000 bis 7000 Euro). Als berühmtester Künstler getriebener Arbeiten ist Johann Andreas Thelott schon 1780 erwähnt. Ein Monatsbecher dieses Meisters von 1690, dessen Wandung den September versinnbildlicht, wird bei 12000 Euro aufgerufen.

Kein Spitzweg in Sicht

Seltsam nur, dass sich in der Sammlung jenes Mannes, der selbst Persiens Ex-Kaiserin Soraya zum Kauf eines Spitzweg-Werkes überzeugte und dessen Haus bis heute mit seinen pittoresken Bildern assoziiert wird, nicht ein einziges Gemälde dieses Malers befindet. „Er hat sehr streng Geschäft und Privatsammlung auseinandergehalten“, erklärt Katrin Stoll dazu.

Max Liebermann, „Der Nutzgarten in Wannsee nach Nordosten“, 1920 (?), Öl auf Leinwand, 36 × 48 cm, Schätzpreis 200.000–300 000 Euro, Foto: Neumeister/Christian Mitko
Max Liebermann, „Der Nutzgarten in Wannsee nach Nordosten“, 1920 (?), Öl auf Leinwand, 36 × 48 cm, Schätzpreis 200.000–300 000 Euro, Foto: Neumeister/Christian Mitko

Aber eine Neumeister-Auktion ganz ohne Malerei des 19. Jahrhunderts ist undenkbar. So gibt es mehr als eine Handvoll Werke des Genremalers Hugo Kauffmann, Heinrich Bürkels fabulierfreudig, präzise dargestellte „Rückkehr von der Bärenjagd“ (Taxe 30 000/40 000 Euro) und vor allem Carl Blechens atmosphärische Ölskizze des „Golf von Neapel vom Posilipp aus“ (15 000 bis 20 000 Euro). Auch Max Liebermanns spätimpressionistische Ansicht „Der Nutzgarten in Wannsee nach Nordosten“ aus der Zeit um 1920 wird die Sammler in das Schwabinger Traditionshaus führen. Mit seiner Schätzung von 200 000 bis 300 000 Euro könnte es zum Spitzenlos der Sammlung Neumeister avancieren. 

Service

Auktion

Sonderauktion „Sammlung Rudolf Neumeister“
Neumeister, München

22. bis 24. Oktober
Besichtigung 16.-20. Oktober

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 163/2019