05.08.2019 Christoph Emmendörffer

Fuggerputten aus Augsburg: Sensationsfund und Top-Zuschlag

Zwei verschollene Meisterwerke der Augsburger Renaissance wurden in Paris versteigert und kehren nun an ihren Ursprungsort zurück

Die Sammlung Schickler-Pourtalès, die am 16. Mai bei Sotheby’s in Paris unter den Hammer kam, umfasste Kunst vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert, Tapisserien und orientalische Waffen. Ihr Gründer Baron Arthur von Schickler war preußischer Unternehmer und Bankier – das Bankhaus Schickler zählte im späten 19. Jahrhundert zu den vornehmsten Geldinstituten Berlins. Seine Tochter Marguerite hatte 1890 Hubertus Graf Pourtalès geheiratet. Die in Paris lebende Familie besaß mehrere Landsitze: Auf Schloss Martinvast in der Normandie befand sich der Großteil ihrer Sammlung.

Zwei Putten übertreffen ihren Schätzpreis weit

Das Hauptlos der Auktion waren zwei Meisterwerke der deutschen Renaissancekunst, deren Wiederentdeckung eine wahre Sensation ist: Die kleinen, hervorragend erhaltenen Engelsfiguren aus Kalkstein wurden um 1530 vom Augsburger Bildhauer Hans Daucher (1486–1538) geschaffen. Dass der hohe Schätzpreis von 800 000 bis 1 200 000 Euro weit übertroffen wurde und der Hammer erst bei 1 950 000 Euro fiel (inkl. Aufgeld 2 433 000 Euro), lag an der einzigartigen Provenienz der Putten: Sie stammen aus der Fuggerkapelle bei St. Anna in Augsburg, der Grablege des berühmtesten deutschen Bankiers, Jakob Fuggers des Reichen (1459–1525).

Die Figuren als Teile des Gesamtkunstwerks

Die Rückkehr der Skulpturen, die ab Mitte August mit ihren Pendants im Augsburger Maximilianmuseum zu sehen sein werden, gelang durch das konzertierte Engagement der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Monika Grütters, der Kulturstiftung der Länder sowie der Stadt Augsburg. Die Fuggerkapelle in St. Anna ist ein Hauptwerk der deutschen Renaissance. Von Jakob Fugger und seinen Brüdern Georg und Ulrich als Familiengrablege gestiftet, wurde sie 1518 geweiht. Künstler wie Albrecht Dürer, Jörg Breu d. Ä. und Hans Daucher wirkten an ihr mit und machten sie zu einem Gesamtkunstwerk von nationaler Bedeutung.

Die Fuggerkapelle in Augsburg, Foto: Fuggersche Stiftungen
Die Fuggerkapelle in Augsburg, Foto: Fuggersche Stiftungen

Dauchers Puttenfiguren sind dabei ein wichtiges Ausstattungselement. Sechs von ihnen schmückten einst die Balustrade, die die Kapelle vom Kirchenraum trennt. 1817/18 wurden sie entfernt und verblieben in Fugger’schem Besitz; Ende des 19. Jahrhunderts wurden zwei Figuren veräußert. Im Zuge der Rekonstruktion der Kapellenausstattung Anfang der 1920er-Jahre fand man fünf Putten. Der fehlende sechste Engel wurde durch eine Neuschöpfung ersetzt.

Eine stimmige Sechsergruppe

Die Aufsehen erregende Wiederentdeckung von zwei Putten stellt nicht nur die vor hundert Jahren vorgenommene Rekonstruktion infrage, sondern sie klärt auch die bis heute ungelöste Frage nach der Bedeutung des Putten-Ensembles, das wohl Jakobs Kunst liebender und humanistisch gebildeter Neffe Raymund Fugger (1489–1535) in Auftrag gegeben hatte. Den beiden wiederentdeckten Putten sind wie ihren Augsburger Brüdern Kugeln beigegeben. Der eine trägt ein kurzes Hemdchen und einen Blütenkranz. Mit zusammengezogenen Augenbrauen und schmerzverzerrtem Mund verrät seine Mimik Trauer und Verzweiflung. Die zum Gebet gefalteten Hände hat er auf die Kugel gelegt. Der zweite Putto, in Brokatgewand und rankenverziertem Helm, stützt den Kopf mit seinem rechten, auf die Kugel gesetzten Ärmchen und hat dabei einen Finger in den Mund gesteckt. 

Hans Daucher, zwei Putten, Kalkstein, Höhe circa 30 cm, Foto: Sotheby’s
Hans Daucher, zwei Putten, Kalkstein, Höhe circa 30 cm, Foto: Sotheby’s

Stilistisch und ikonografisch weisen sie enge Parallelen mit vier in Augsburg verbliebenen Putten auf und bilden mit ihnen eine in sich stimmige Sechsergruppe. Dagegen muss der seinerzeit aufgestellte barhäuptige fünfte Putto mit fülligen Locken und Notenblatt wegen stilistischer und thematischer Abweichungen ausscheiden. Er stammt wohl aus einem anderen architektonischen Zusammenhang.

Wächter der Familiengrablege der Fugger

Die Kugel als Sinnbild der Welt steht als Attribut der Göttin Fama für Ruhm und Ansehen. Nur drei der sechs Putten haben einen Lorbeerkranz im Haar, während die weiteren einen anderen Kopfschmuck tragen: einen Blumenkranz, einen Helm und einen Flügelhelm. Die Lorbeerkränze als Ehrenzeichen verweisen wohl auf die drei Stifter der Kapelle: Georg, Ulrich und Jakob Fugger. Den Lobpreis auf die mit Jakob dem Reichen in den Adelsstand erhobene Familie Fugger setzt der Putto mit Brustharnisch und Flügelhelm fort, denn beides war schon in antik-römischer Zeit Attribut der Tugendgöttin Virtus. Wörtlich bedeutet das lateinische Wort „Mannhaftigkeit“. Dies veranschaulicht der Putto ganz ungeniert, indem er die Beine übereinanderschlägt und sein Geschlecht zur Schau stellt. 

Nahsicht der Balustrade, Fuggerkapelle in Augsburg, Foto: Fuggersche Stiftungen
Nahsicht der Balustrade, Fuggerkapelle in Augsburg, Foto: Fuggersche Stiftungen

Der aufmerksam blickende Kompagnon mit Helm und Brokatgewand fungiert als Wächter der Fugger’schen Familiengrablege. Als Zeichen der Vergänglichkeit ist der Blumenkranz im Haar des verzweifelt-trauernden Putto zu deuten. Sein Gebetsgestus bezeugt zugleich Vertrauen in Gott und in das Erlösungswerk Jesu Christi, dessen Passion und Auferstehung die übrige skulpturale Ausstattung der Fuggerkapelle thematisiert. Der christliche Glaube an die leibliche Auferstehung wird auf sehr subtile Weise visualisiert, indem fünf Putten mit dezenten Gesten auf einen menschlichen Sinn – Hören, Riechen, Schmecken, Sehen und Fühlen – hinweisen. Die Fuggerputten sind Inkunabeln der deutschen Renaissance. Mit allen Mitteln musste versucht werden, die zwei neu aufgetauchten Putten an den Ort ihrer Entstehung zurückzubringen. Dies ist durch das gemeinschaftliche Engagement der eingangs genannten Akteure gelungen, sodass sie nun dauerhaft der Öffentlichkeit präsentiert werden können.

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Über den Autor

Christoph Emmendörffer ist Leiter des Maximilianmuseums in Augsburg

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 160/2019