Max Liebermann bei Scheublein

In der Geborgenheit des Gartens

Zwei Gemälde von Max Liebermann sind die Highlights bei der Herbst-Auktion von Scheublein in München

Von Michael Lassmann
21.09.2026
/ Erschienen in KUNST UND AUKTIONEN Nr. 16/26

„Es ist Ihr Garten“, schrieb Max Liebermann seinem Freund Alfred Lichtwark in dankbarer Anerkennung nach der Fertigstellung der Gartenanlage seiner neuerbauten Villa am Wannsee, denn bei deren Planung hatte der Hamburger Kunsthistoriker und Leiter der dortigen Kunsthalle ihm beratend zur Seite gestanden. Das Grundstück hatte der damals bereits gesundheitlich angeschlagene Maler 1909 erworben und das Anwesen schon im Folgejahr als Sommersitz mit seiner Familie bezogen.

Bei der Konzeption suchte man die damals gerade in Mode gekommenen Ideale der „Lebensreform-Bewegung“ zu berücksichtigen, nach denen ein Garten nicht nur als repräsentative Fortsetzung des Innenraums, sondern zugleich als Ort der Erholung wie auch als Wirtschaftsraum zum Zweck der Selbstversorgung begriffen wurde. An die Stelle imposanter Wasserspiele und verspielter Heckenlabyrinthe traten von geradlinigen Wegen durchzogene Terrassen, auf denen neben bäuerlich anmutenden Blumenhecken und -rabatten ebenso selbstverständlich Nutzbeete zur Kultivierung von Gemüsesorten und Kräutern angelegt waren.

Der Plan, für sich und seine Familie neben dem Stadthaus am Pariser Platz eine Sommerresidenz in der damals noch ländlichen Stille am Wannsee zu schaffen, kam dem viel beschäftigten Künstler und Vorsitzenden der Berliner Secession vermutlich nicht von ungefähr – zumal in einer Phase, in der er als Kulturfunktionär unversehens zur Zielscheibe erbitterter Auseinandersetzungen geworden war. Der wohl auch als Generationenkonflikt einzuordnende Streit innerhalb der Secessionsbewegung zwischen den als etabliert beneideten Impressionisten und den gefühlt nicht hinreichend berücksichtigten Expressionisten war nach Jahren unterschwelliger Spannungen 1910 endgültig zum Ausbruch gekommen, nachdem der Secessionsvorstand unter Liebermann 27 überwiegend von Expressionisten eingereichte Arbeiten zurückgewiesen hatte.

Neben dem Austritt Max Beckmanns und der „Brücke“-Mitglieder, die sich neben anderen Refüsierten wie Georg Tappert noch im gleichen Jahr in der frisch gegründeten „Neuen Secession“ versammelten, zogen die wohl auch antisemitisch motivierten Anwürfe Emil Noldes den Zwist gewollt auf ein persönlich verletzendes Level hinab. Als Kritik an Liebermanns Führungsstil zunehmend auch aus den eigenen Reihen kam, legte er den Vorsitz 1911 nieder.

Doch nicht nur kulturpolitische Querelen und gesundheitliche Gründe bedingten seinen Rückzug in die Privatsphäre, die er vor allem mit der Wannsee-Villa verband, auch der Krieg sorgte für eine Einschränkung seiner Mobilität: Mit Ausnahme zweier Kuraufenthalte in Wiesbaden 1915 und 1917 verließ er Berlin nicht mehr. Das großbürgerliche Ambiente seines Wannsee-Gartens wurde sein favorisierter Rückzugsort, den er entsprechend häufig malte: Mehr als 200 Mal hielt er ihn im Bild fest, in Ölgemälden, Pastellen, Kohle- oder Bleistiftzeichnungen, in immer wieder neuen Lichtstimmungen und Blickrichtungen – zu einem Großteil in den Jahren um 1920, weshalb die Max-Liebermann-Gesellschaft sich später für die Rekonstruktion des Gartens an Bildvorlagen aus diesem Zeitraum orientierte.

Für seine Herbst-Auktion am 24. September akquirierte das Münchner Auktionshaus Scheublein ein Spitzenwerk aus diesen Jahren, das in sommerlicher Farbenpracht der Palette und großzügiger, pastoser Pinselschrift titelgemäß „Blumenstauden am Gartenhäuschen nach Nordosten“ zeigt. Bei Eberle aufgeführt und ins Jahr 1926 datiert, wird es in Relation zu vergleichbaren Arbeiten der Schaffensphase mit überraschend moderat geschätzten 400.000 Euro ins Rennen geschickt.

Max Liebermann, „Gartenlokal am Wannsee", 1933. © Scheublein, München

Als zweites Highlight präsentieren die Münchner in der gleichen Auktion ein weiteres Parade-Motiv des Künstlers, ein gut besetztes „Gartenlokal in Wannsee“. Diese späte Werk-Gruppe ist in engem Zusammenhang mit seinen zeitgleichen „Wannsee-Gärten“ zu sehen, da sie – ähnlich wie der Rückzug in die Geborgenheit des privaten Anwesens – den zunehmend eingeschränkten Radius des alternden Malers dokumentieren, der nur durch den gelegentlichen Ausflug in ein nahegelegenes Gartenlokal durchbrochen wurde.

Das Sujet des belebten Ausflugslokals entdeckte Liebermann erstmals während eines München-Aufenthalts 1878 bei einer Exkursion nach Etzenhausen bei Dachau. Es wurde zum festen Bestandteil seines Themen-Repertoires – angefangen bei den bäuerlich geprägten bayrischen Biergärten über die urbanen Ausflugslokale und Café-Terrassen, die der Maler in Holland und Hamburg kennenlernte, bis zu den Gartenrestaurationen an Havel und Wannsee, die an den Wochenenden vom erholungssuchenden Berliner Publikum frequentiert wurden.

Der erste Besuch des Etzenhauser Biergartens mag Liebermann sogar in seiner Hinwendung zum Impressionismus bekräftigt haben, denn die Beobachtung der durch die Laubkronen der Kastanienbäume einfallenden Sonnenflecken war für den am Naturalismus der Niederländer geschulten Realisten ein durchaus denkbarer Anstoß für seine spätere Auseinandersetzung mit der Erscheinung des Gegenstands, die er nun in Abhängigkeit von veränderlichen Lichtbedingungen begriff. Gesteigert wurde dieser Aspekt bei den späten Gartenlokalen am Wannsee durch den stets thematisierten Ausblick auf das Wasser mit seinen Lichtreflexen; allein zwischen 1930 und 1934 entstanden dort rund 20 Variationen des Sujets. Für das vorliegende Gemälde werden 200.000 Euro erwartet.

Service

AUKTION

Scheublein, München

Auktion: 24. September

Besichtigung: 21.–23. September

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