Wir besuchen den Dogenpalast am Markusplatz und gelangen über den Campo Santa Margherita zur Peggy Guggenheim Collection, wo passend zur Kunstbiennale die avantgardistische Pionierarbeit der Amerikanerin gezeigt wird
ShareWir beginnen unseren Besuch im schönsten Wohnzimmer der Welt, dem Markusplatz. In den frühen Morgenstunden ist es hier menschenleer und man kann beobachten, wie die Sonne langsam die Mosaiken am Markusdom zum Funkeln bringt. Auf der Piazzetta vor dem Dogenpalast, zwischen den beiden Säulen von San Marco und San Tòdaro, schaut man auf den bacino, das Becken, in dem Canal Grande und Giudecca-Kanal zusammenfließen. Die morgendliche Stille wird erst von Straßenkehrern durchbrochen, dann von Fotografen mit Hochzeitspaaren, die vor dieser atemberaubenden Kulisse posieren.
Für die Frühaufsteher bietet der Dogenpalast ab 9 Uhr neben den pompös ausgestatteten Prunksälen mit Gemälden von Jacopo Tintoretto, Paolo Veronese und Giovanni Battista Tiepolo die Ausstellung „Etruschi e Veneti. Acque, culti e santuari“ (Etrusker und Venetier. Wasser, Kulte und Heiligtümer), welche die spirituellen und sozialen Entwicklungen des ersten Jahrtausends v. Chr. zwischen der Toskana und Venedig untersucht (bis 29. September 2026). Wer den Rundgang rasch absolviert und einen saltacoda (Schnelleinlass) bucht, kann direkt anschließend in die daneben liegende Markusbasilika, die ab 9.30 Uhr für das Publikum öffnet. Die prächtigen Goldmosaiken, die aufgrund des hohen Salzgehalts in der Luft ständig restauriert werden müssen, erzählen christologische Begebenheiten wie die Translatio (Überführung) der Gebeine des Heiligen Markus von Alexandrien nach Venedig. Übrigens gilt das Ticket neuerdings auch für den Besuch der Basilica di Santa Maria Assunta auf der Insel Torcello in der Nordlagune mit dem berühmten Weltgerichtsmosaik auf der Westwand.
Auf dem Markusplatz befindet sich neben dem Ensemble der städtischen und staatlichen Museen auch ein Zentrum für zeitgenössische Kunst. Der San Marco Art Centre (SMAC) in den Procuratie Vecchie, unter anderem geleitet von dem deutschen Kunstmanager David Hrankovic, präsentiert zusammen mit der Dia Art Foundation als offizielles Collateral-Event der Kunstbiennale eine Einzelausstellung von Lee Ufan. Zum 90. Geburtstag des koreanischen Superstars, der 2001 mit dem japanischen Praemium Imperiale ausgezeichnet wurde, werden neben Schlüsselwerken auch neue ortsbezogene Installationen gezeigt.
Wer das pulsierende Zentrum rund um den Markusplatz lieber meiden möchte, der macht es wie die Venezianer und geht zum Rialto-Markt, der morgens um halb acht öffnet. Außer montags gibt es hier eine große Auswahl von saisonalem Fisch und Meeresfrüchten zu bestaunen. Bei den Einheimischen sind jetzt in den Sommermonaten besonders die bovoeti beliebt, kleine Schnecken aus den grünen Küstenstreifen der Lagune, die nur kurz gekocht und dann mit Knoblauch und Petersilie abgeschmeckt werden. Für Vegetarier bietet der Markt frisches Gemüse, unter anderem von der sogenannten Gemüseinsel Sant’Erasmo in der Nordlagune, die besonders für die Artischockenzucht berühmt ist. Wem bei dem Anblick der Köstlichkeiten das Wasser im Mund zusammenläuft, dem sei ein cicheto, ein venezianischer Happen in einer der Bars empfohlen. Die traditionsreiche, bereits 1462 gegründete Weinhandlung Cantina ai do Mori versorgt ab acht Uhr nicht nur Bootsleute und Händler mit typischen Gerichten wie mesi vovi, halbe gekochte Eier, die mit Zwiebeln oder Sardellen garniert werden.
Vom Rialto-Markt aus spazieren wir im Santa Croce-Viertel zum Campo San Giacomo dell’Orio. Am Campo, der rund um die Jakobus-Kirche liegt, ist man mitten im venezianischen Leben. Die Eltern bringen ihre Kinder zur Schule, an der Bar stehen Pensionäre beim caffè auf ein Schwätzchen und der Bäcker trinkt nach der Nachtschicht seinen ombra, ein kleines Glas Wein. Wir laufen weiter zum San Polo-Viertel über den weiten Campo San Polo zur nahe gelegenen Frari-Kirche, die um neun zur Frühmesse öffnet. Die Bettelordenskirche bietet einen einzigartigen Überblick über die venezianische Kunstgeschichte und lohnt den Besuch, zumal Tizians fünfhundertjähriges Altargemälde „Mariä Himmelfahrt“ unlängst restauriert wurde und ebenso in neuem Glanz erstrahlt wie seine ebenfalls restaurierte Pesaro-Madonna im linken Seitenschiff. In unmittelbarer Nähe liegt die Scuola Grande di San Rocco, die um halb zehn öffnet, mit dem großen Versammlungsort der karitativen Laienbruderschaft, die bis heute existiert. Die sechzig großformatigen Gemälde von Jacopo Tintoretto (um 1518/19–1594), die sich über zwei Stockwerke erstrecken, wurden mit einem modernen Beleuchtungssystem ausgestattet, was eine vollkommen neue Seherfahrung ermöglicht.
Wir bleiben im Frari-Viertel und gehen mittags an den Campo San Stin, wo die Bar La Bottiglia mit regionalen Weinen, Handcraft-Bier und lokalen Bioprodukten punktet. Am Ufer sitzt man vor der Prunkfassade des Palazzo Zen, einer der letzten Patrizierpaläste, die noch im Besitz von Nachfahren der Gründerfamilie ist, und beobachtet das via vai der Venezianer. Am frühen Nachmittag werfen wir einen Blick in den Palazzo Pisani Moretta unweit des Campo San Tomà am Canal Grande, wo die neu gegründete Stiftung Fondazione Dries van Noten unter dem Titel „The Only True Protest Is Beauty“ einen atemberaubenden Mix aus Haute Couture und zeitgenössischen Setzungen zeigt (bis 4. Oktober 2026). Nach seinem Ausstieg aus der Modewelt hat sich der Belgier Dries van Noten zusammen mit seinem Mann Patrick Vangeluwe in Venedig niedergelassen, um sich der Förderung des Kunsthandwerks zu widmen. Dass ihm besonders der Nachwuchs am Herzen liegt, zeigt der Beitrag des 2002 geborenen Künstlers Joseph Arzoumanov, dessen allegorisches Schachspiel „L’Échiquier des Songes“ traditionelles Handwerk mit modernster Technologie verbindet.
Anschließend laufen wir über den Campo Santa Margherita zur Peggy Guggenheim Collection, die vermehrt Wechselausstellungen zu Künstlerinnen und Künstlern bietet, die von der exzentrischen Mäzenin gefördert und gesammelt wurden. Hier interessiert uns besonders die Neugestaltung der ständigen Sammlung durch ihre Enkelin Karole Vail, die das Haus seit einigen Jahren leitet. Sie räumt den Werken von Peggys Lebensgefährten Max Ernst und Jackson Pollock mehr Raum ein und misst ihnen somit die Bedeutung bei, die sie im Leben der Amerikanerin innehatten. Vail, die als Kind oft im Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande war, hat außerdem altes Mobiliar neu positioniert, was die vielen Werke von Paul Klee, Wassily Kandinsky, Pablo Picasso, Georges Braques und nicht zuletzt Alexander Calder in einer anderen, privateren Dimension zeigt.
Bis Mitte September beleuchtet die Ausstellung „Peggy Guggenheim in London“ die avantgardistische Pionierarbeit der amerikanischen Sammlerin in der britischen Metropole mit fulminanten Bildern der Moderne unter anderem von Wassily Kandinsky, Piet Mondrian und Sophie Taeuber-Arp (bis 19. Oktober 2026).
In der Dämmerung schließen wir den Tag mit einem Spaziergang zu den Zattere ab, wo wir vom Ufer des Giudecca-Kanals aus den Sonnenuntergang sehen. Die Venezianer setzen sich gerne auf den Holz-Ponton der Bar Da Nico, die in jedem Reiseführer wegen des berühmten Giandiuotto, einem Nougateis mit Sahne, vermerkt ist. Dies gibt es auch a passeggio, wenn man noch eine Runde bis zur Spitze von Dorsoduro, der Punta della Dogana laufen möchte, von der man auf das Markusbecken schaut.