Unterwegs auf Inseln

Heute geht es auf die Inseln San Giorgio Maggiore und Giudecca. Am Nachmittag besuchen wir die Casa dei Tre Oci sowie den Garten des Redentore-Klosters auf der Giudecca

Wir verlassen das fischförmige Stadtgebiet und fahren mit dem Vaporetto auf die Insel San Giorgio Maggiore. Hier verändert sich die Perspektive auf die Lagunenstadt auf die angenehmste Weise: Man hat einen Blick auf das Markusbecken und die architektonischen Schätze, entkommt dabei aber dem Gedränge. In der hallenartigen Palladio-Basilika stellt in diesem Jahr der US-amerikanische Bildhauer Barry X Ball aus, der unter dem Titel „The shape of time“ klassische christologische Motive mit Buddha-Skulpturen kombiniert (bis 22. November 2026). Wir nehmen uns Zeit und besichtigen die zwei großformatigen Spätwerke von Tintoretto am Hauptaltar – „Das letzte Abendmahl“ und „Israeliten in der Wüste“ – die unlängst mit Unterstützung des Verbands Save Venice restauriert wurden. Abschließend fahren wir mit dem Aufzug auf den Glockenturm und genießen die großartige Rundum-Aussicht auf die Lagunenstadt.

Barry X Ball, Pietà, Installationsansicht. © Francesco Allegretto
Barry X Ball, Pietà, Installationsansicht. © Francesco Allegretto

Den späten Vormittag verbringen wir nebenan auf der Giudecca-Insel, auf der es schön ruhig ist, obwohl sich hier in den vergangenen Jahren vermehrt Galerien und Projekträume angesiedelt haben. In der Casa dei Tre Oci, dem Sitz des Berggruen Institutes an der Vaporetto-Haltestelle Zitelle, werden Ausstellungen gezeigt, die einen direkten Bezug zu Venedig haben. Der Konzeptkünstler Joseph Kosuth hat für seine Schau „The-exchange-value-of-language-has-fallen-to-zero“ (bis 22. November 2026) eine neue ortsspezifische Arbeit geschaffen. Im Atrium des neugotischen Palastes ist unterhalb der Balkendecke das Motto „A Chain of Resemblance“ in Neon-Schreibmaschinenschrift zu lesen, das Zitat stammt von dem Philosophen Michel Foucault. Der Künstler reflektiert dessen Beschreibung der Welt als ein System von Analogien und Berührungen, in dem sich die Dinge gegenseitig widerspiegeln. Außerdem sind sein Schlüsselwerk „One and Three Mirrors“ und andere Arbeiten aus den Sixties zu sehen. Auch am Campo Santa Maria Formosa leuchtet nachts etwas von Kosuth: „La materia dell’ornamento“ (1997), eine Neon-Installation an der Fassade eines Renaissance-Palastes, wurde kürzlich zu seinem 80. Geburtstag restauriert.

Eine Vaporetto-Haltestelle weiter liegt der neu angelegte Garten des Redentore-Klosters, den die Venice Garden Foundation auf der Vorlage von überlieferten Dokumenten detailliert botanisch und architektonisch rekonstruiert hat. Die Präsidentin der Stiftung Adele Re Rebaudengo berichtet, dass die Besucher an diesem spirituellen und symbolträchtigen Ort, an dem die Mönche noch immer leben, ein großes Gefühl des Friedens und der Harmonie mit der Natur verspüren. Wir spazieren zwischen den langen Laubengängen aus Trauben und Rosen und verweilen im Café, wo Koch Lorenzo die Produkte des Gartens nach antiker Tradition zubereitet.

Wer es belebter mag, läuft am Ufer entlang zur Bar Palanca, der Stammkneipe der auf der Insel lebenden Künstlercommunity. Hier tummeln sich junge Leute wie die Malerin Sophie Westerlind und der Fotograf Ugo Carmeni ebenso wie der betagte Installations- und Videokünstler Fabrizio Plessi, der täglich vom historischen Stadtzentrum zu seinem Atelier übersetzt.

Wenn die Tagesgäste langsam die Stadt verlassen, fahren wir mit dem Boot zurück in die Stadt und kehren im „Ristorante Al Colombo“ ein, wo man vom malerischen Campiello auf die Rückseite des Teatro Goldoni schaut, auf der abends stumm italienische Filme der 1950er Jahre projiziert werden. Im Restaurant sitzt man umgeben von Kunstwerken, die den Besitzern von Künstlern geschenkt wurden, unter anderem eine kleine Arbeit von Marc Chagall und ein handsigniertes Seidentuch von Giorgio De Chirico, aber auch neue Werke von Michelangelo Pistoletto, Thomas Zitzwitz und Peggy Milleville. Besser als hier beim Patron Domenico Stanziani mit venezianischen Spezialitäten wie granseola, einer großen Seespinne, kann man eine Reise in die Lagunenstadt nicht beschließen.