18.12.2019 Petra Schaefer

Ein Garten für Venedig

Die Serenissima hat in den letzten Wochen unter katastrophalem Hochwasser gelitten. Zu Weihnachten haben die Venezianer ein Geschenk bekommen, das Menschen und Natur versöhnen will: Die Turiner Mäzenin Adele Re Rebaudengo hat die Giardini Reali mit viel Sinn für historische Details restaurieren lassen

Anfang des 19. Jahrhunderts ließ Napoleon die Prokuratien, die seit dem Mittelalter bestehende Baubehörde direkt am Markusplatz, in eine königliche Residenz umwandeln. Damals wurde auch ein alter Kornspeicher am Ufer abgerissen, um Platz für die Giardini Reali, die Königlichen Gärten zu schaffen. So konnten die von den Venezianern wenig geliebten Franzosen, die der alten Löwenrepublik nach tausend Jahren ein Ende bereitet hatten, den Blick aus ihren Gemächern über zartes Grün und das ganze das Markusbecken schweifen lassen. Während der anschließenden österreichischen Besatzung verbrachte auch Kaiserin Sissi hier längere Aufenthalte. Heute genießen die Besucher des Städtischen Museums Correr diesen Blick, wenn sie Sissis Wohnung im ehemaligen Prokurazienpalast besuchen. 

Königliche Gärten in Venedig, Foto: Petra Schaefer
Königliche Gärten in Venedig, Foto: Petra Schaefer

Für die Öffentlichkeit wurden die prächtigen Gärten erst zugänglich, als sie am 23. Dezember 1920 in den Besitz der Stadt Venedig übergingen. Seither war die Garteninsel – das Areal ist vom Markusbecken und Kanälen umgeben – über Brücken zugänglich, wobei zu den Innenhöfen der Procuratie am Markusplatz eine Zugbrücke führte. Mit den Jahrzehnten wurde die Zugbrücke baufällig und war hochgeklappt, die Gärten wurden mit einem Bunker und brutalistischen Rundbeeten verschandelt, schließlich sammelte sich der Unrat und die gusseisernen Säulen der Pergola fielen in sich zusammen. Ob die Venezianer den Park vernachlässigten, weil er sie immer noch an die Zeit der Fremdherrschaft erinnerte?

Luftaufnahme Venedig mit Königlichen Gärten, Foto: nullplus/iStock
Luftaufnahme Venedig mit Königlichen Gärten, Foto: nullplus/iStock

Es war jedenfalls kein schöner Anblick, der sich der Turiner Patrizierin Adele Re Rebaudengo bot, als sie vor wenigen Jahren begann, sich für die Gärten zu interessieren. Heute, fünf Jahre nach der Übernahme der Gärten durch ihre Venice Gardens Foundation, kann sie eine Erfolgsgeschichte präsentieren. Mit dem ebenfalls aus Turin stammenden Landschaftsarchitekten Paolo Pejrone und dem venezianischen Architekten Alberto Torsello studierte sie die alten Pläne und führte die architektonischen Elemente und den Baumbestand zurück auf den Stand des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.

Königliche Gärten in Venedig, Foto: Martino Lombezzi
Königliche Gärten in Venedig, Foto: Martino Lombezzi

Die Nähe zum damaligen Eröffnungsdatum erklärt, warum die Mäzenin ausgerechnet am 17. Dezember 2019 zur Wiedereröffnung eingeladen hatte, wo doch erst im März die Blüte beginnt und die längste Glyzine Italiens an der neunzig Meter langen zentralen Pergola ranken wird. „Es braucht viel Mut ein solches Projekt voranzutreiben und es braucht noch mehr Mut, einen solchen Garten im Dezember zu eröffnen“ bescheinigt ihr Pejrone. Man habe sich dafür entschieden, mit viel Immergrün zu arbeiten, damit die Gärten auch im Winter ansehnlich sind.

Venedig hat nun wieder eine grüne Lunge im Herzen der Stadt. Im Winter können sich die Besucher in Ermangelung der Blütenpracht auf die Restaurierung der Architektur konzentrieren. Großartig ist die wiederhergestellte Zugbrücke, die Anfang des 19. Jahrhunderts von den Österreichern gebaut und 1893 von Filippo Lavezzari ersetzt wurde. Heute stellt sie eine vollkommen neue Wegführung dar, die für viele Venezianer eine Erleichterung sein wird. Bemerkenswert ist auch die Restaurierung des neoklassizistischen Caféhauses von Lorenzo Santi (1816-1817), das seine wienerische Benennung eingebüßt hat und nun Padiglione del caffè heißt. An dieses schließen sich L-förmig zwei Gewächshäuser an, die in Zukunft für Veranstaltungen genutzt werden sollen. Auch die Venice Gardens Foundation, der die Gärten im Gegenzug für die rund 6 Millionen teure Restaurierung für 19 Jahre zur Verfügung gestellt werden, zieht hier ein und wird über die nächsten Jahre in Zusammenarbeit mit der Stadt über die Pflege des Parks wachen. Auch sollen Singvögel angesiedelt und Bienenstöcke aufgestellt werden, um die klimatischen Eigenheiten zu studieren.

Königliche Gärten in Venedig, Foto: Petra Schaefer
Königliche Gärten in Venedig, Foto: Petra Schaefer

Man darf sich also freuen auf diese Oase, die im Sommer Schatten spenden wird und schon jetzt zu einem Spaziergang einlädt. “Es ist eine wunderschöne Geschichte über Liebe und Großzügigkeit“ lobte der italienische Kulturminister Dario Franceschini das Engagement von Adele Re Rebaudengo, das dank des von ihm neu eingeführten Art Bonus mit Steuererleichterung maßgeblich von der Versicherungsgesellschaft Generali finanziert wurde. Der Italienische Staat tut viel für den Kulturgüterschutz, aber ohne privates Engagement kann man der ungeheuren Fülle an Patrimonium nicht gerecht werden. Gerade in Venedig wurde das in den letzten Wochen wieder mehr als deutlich: Das Extrem-Hochwasser flutete am 12. November für einige Stunden die ganze Stadt. In der Markusbasilika stand das Wasser rund einen Meter hoch und das Salz zog in die Höhe, wo es in den Mosaiken feine Blüten bildet.

 

Kulturminister Dario Franceschini und Petra Schaefer. Foto: Sebastiano Casellati
Kulturminister Dario Franceschini und Petra Schaefer. Foto: Sebastiano Casellati

Die Königlichen Gärten haben die Flut erstaunlich gut überstanden, nur der Sturm hatte offenbar einige Schäden angerichtet, doch davon war nichts mehr zu sehen. Allerdings führte der Weg über den Markusplatz zu den Gärten am Tag der Eröffnung über Hochwasserstege. Die Flut gehört im Winter zu Venedig, sie kommt und geht, liegt aber in diesem Jahr besonders häufig über dem Normalstand. „Venedig lebt und wir engagieren uns dafür“ sagte Kulturminister Dario Franceschini. In der Markusbasilika konnte er sich am Abend beim Weihnachtskonzert selbst ein Bild von den Flutschäden machen. Die Marmorwände in der Sockelzone sind großflächig von Salzkrusten bedeckt. Wenn die nationale und internationale Gemeinschaft hier nicht bald helfend einschreitet, verwandelt sich die Basilika in einen Salzpalast.