Hamburg 2. Tag

Von Harburg bis St. Pauli

Von den Deichtorhallen fahren wir zur Sammlung Falckenberg in Harburg. Der Abend gehört Hamburgs berühmtesten Viertel: St. Pauli

Den heutigen Tag beginnen wir in der Innenstadt. Nach einer Besichtigung des imposanten Rathauses im Stil der Neo­renaissance schauen wir im benachbarten Bucerius Kunst Forum vorbei, einem von der ZEIT-Stiftung getragenem Ausstellungshaus, wo man in angenehm ruhiger Atmosphäre immer wieder beeindruckende Schauen genießen kann. ­Derzeit zeigt man hier Werke von Hieronymus Bosch und ­seinen Einfluss auf die Kunst des 16. Jahrhunderts.
Vom Rathausmarkt geht es zu Fuß oder mit der U-Bahn zu den Deichtorhallen am Rande der Speicherstadt. Architekturinteressierte sollten auf dem Weg am Chilehaus stoppen, einem fantastischen Bau des Backsteinexpressionismus, der mit seiner schwindelerregend spitz zulaufenden Fassade, typisch Hafenstadt, an ein Schiff erinnert und von der UNESCO mit der Speicherstadt zum Welterbe erklärt wurde.
Die Deichtorhallen sind zwei ehemalige Markthallen vom Beginn des 20. Jahrhunderts und heute eine inter­national renommierte Kunst­institution für Fotografie und zeitgenössische Kunst. Bestückt werden die Hallen unter anderem durch den Hamburger Sammler Harald Falckenberg. Dieser hat 2007 noch einen weiteren (nach Anmeldung) öffentlich zugänglichen Kunstort geschaffen. Um dorthin zu gelangen, machen wir einen kleinen Ausflug in die Berge. Na ja, fast – zumindest ist der Höhenzug im südlich der Elbe gelegenen Stadtteil Harburg mit seinen 155 Metern Hamburgs höchste Erhebung. In diesem Stadtteil präsentiert Falckenberg in den umgebauten Phoenix-Fabrikhallen wichtige Werke der zeitgenössischen Kunst und noch bis September eine große Ausstellung des amerikanischen Zeichners Raymond Pettibon.

»Das Schlaraffenland« (1560) von Pieter van der Heyden im Bucerius Kunst Forum
»Das Schlaraffenland« (1560) von Pieter van der Heyden im Bucerius Kunst Forum

Zurück in der Stadt spazieren wir vom Gänsemarkt aus ins Gängeviertel, wo sich seit einigen Jahren Künstler und Stadtteilaktivisten für den Erhalt der historischen Gebäude zwischen Valentinskamp und Caffamacherreihe einsetzen. Mit Erfolg, mittlerweile gibt es hier nahe dem Springer-Hochhaus alternative Läden, Konzerte, Street-Art und kleine Kunstausstellungen zu sehen. Vorbei an der Laeiszhalle, bis zur Eröffnung der Elbphilharmonie im Januar noch Hamburgs wichtigstes Konzerthaus, und dem imposanten Backsteinkoloss Brahms Kontor aus dem frühen 20. Jahrhundert geht es durch den schönen Innenstadtpark Planten und Blomen in Richtung St. Pauli.

Der Kiezmaler Erwin Ross schuf die berühmten gespreizten Beine am Eingang der St.-Pauli-Kneipe »Zur Ritze«, hier ein Gemälde von 2008
Der Kiezmaler Erwin Ross schuf die berühmten gespreizten Beine am Eingang der St.-Pauli-Kneipe »Zur Ritze«, hier ein Gemälde von 2008

Hamburgs berühmtes Rotlichtviertel ist in den vergangenen Jahren stark gentrifiziert worden, legendäre Bauten wie die Esso-Tankstelle, wo die reichen Zuhälter einst ihre Ferraris wachsen ließen, sind mittlerweile abgerissen, und doch bleibt St. Pauli unverwechselbar. Die »sündige Meile« war stets auch ein Anziehungspunkt für Künstler und Intellektuelle. Auf dem Hans-Albers-Platz steht (in Kopie) eine Skulptur von Jörg Immendorff, der hier mal die Kneipe La Paloma besaß, der Maler Daniel Richter oder der Schriftsteller Hubert Fichte haben das Eros-Center auf der Reeperbahn in ihren Werken verewigt. Nahe den legendären Hafenstraßenhäusern weisen künstliche Palmen auf ein kleines Stück Park mit traumhaft unverbautem Hafenblick hin, das von der Künstlerinitiative Park Fiction Mitte der Neunzigerjahre erkämpft wurde. Am Abend machen wir die Kieznostalgie perfekt und kehren im Restaurant Cuneo ein, wo schon der junge Rudolf Augstein in seiner Zeit bei den St. Pauli Nachrichten italienisches Essen und viel Wein und Astra-Bier genoss.

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