Artur Walther ist einer der bedeutendsten Sammler für Fotografie weltweit, kürzlich schenkte er die meisten seiner Werke dem Metropolitan Museum in New York. Wir sprachen mit ihm über Serialität, die Grenzen des westlichen Kanons und seine neue Liebe zur Landschaft
ShareOkwui Enwezor war für mich ein großer Seher. Er war einer der ersten, der mit seinen Ausstellungen wirklich den globalen Zusammenhang und Ansatz in der Kunst herstellte. In seiner letzten, das war ja die Venedig-Biennale, oder der Documenta 2002 oder den Ausstellungen am Haus der Kunst in München. Er ist leider 2019 zu früh verstorben.
Um meinen Ansatz zu verstehen, empfehle ich das Buch „The Order of Things“, das bei Steidl in Koproduktion gedruckt wurde. Es geht darin um Serialität in der Fotografie und beginnt mit Arbeiten von Bernd und Hilla Becher, Karl Blossfeldt, August Sander und geht dann weiter mit Richard Avedon, Samuel Fosso, Zanele Muholi und vielen anderen bis Ai Weiwei, Song Dong, Zhang Huan und Nobuyoshi Araki – alles Werke aus der Sammlung. Mein Ansatz bezog sich immer auf Typologie, Taxonomie, Serialität, Tableaus, es ging nie um das Einzelbild.
Die Reisen nach China. Nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989 gab es zunächst einen vollkommenen Shutdown in Bezug auf die Kunstproduktion. Es begann erst Mitte der 1990er-Jahre wieder, dass die Künstler frei waren zu arbeiten. Zum Teil konnten sie ihre Arbeiten aber gar nicht zeigen, weshalb es damals viel Performancekunst gab, die unterbrochen werden konnte, wenn die Polizei kam. Das war aber auch die Zeit, wo sich Digital etablierte, wo Farbe sehr stark wurde und das Großformat. Das war eine ganz andere Bilderwelt als die, die ich vorher erlebt und mit der ich mich auseinandergesetzt hatte. Ich unternahm viele Reisen nach China. Es dauerte drei Jahre, bis ich das erste Bild gekauft habe. Ich wusste intuitiv, da passiert etwas ganz Besonderes, aber ich habe Zeit gebraucht, um mich darauf einzulassen. Dann fing ich an, die ersten Arbeiten zu kaufen, und begann eine intensive Auseinandersetzung damit. Ich war bis Mitte der 2000er-Jahre dort involviert und schuf eine der größten Sammlungen weltweit. Dann geriet alles außer Kontrolle. Die Künstler, die vorher in Arbeiterwohnungen lebten, hatten jetzt riesige Fabrikhallen und Häuser und beschäftigten oft bis zu 50 Mitarbeiter. Und danach brach der Markt ein.
Mein Ratschlag ist einfach: das zu sammeln, was einen anzieht, zu dem man eine Beziehung hat. Und dann das, was man gesammelt hat, wirklich zu untersuchen. Sich zu fragen: Warum habe ich das, warum will ich das, wie passt es zusammen? Oder was sind die Unterschiede, und was hat das mit mir zu tun? Sich einzuarbeiten und auseinanderzusetzen. Man findet damit viel über sich selbst heraus.
Ich habe mich nicht nur mit Fotografie auseinandergesetzt, sondern auch mit Architektur, mit Design und Möbeln. Und mit Landschaft und Natur. In letzter Zeit beschäftige ich mich mit Landschaftsgestaltung und Landschaftskunst, im Englischen sculpting the land, und mit rewilding, der Wiederherstellung von Wildnis. Im Hudson Valley, wo ich neben New York lebe, habe ich einen riesigen Garten angelegt mit Gemüse, Beeren, Kräutern und Pilzen. Ich pflanze einheimische Obst- und Naturbäume, lege Blumenwiesen an, saniere Teiche und lege Felsstrukturen frei.
Ich lerne gerade, dass die Natur die stärkste Wirkung auf mich hat, um abzuschalten. Sich auf die Natur einzulassen ist etwas sehr Beruhigendes, aber auch sehr Gestalterisches. Ich brauche jetzt eigentlich nicht mehr so viele Bilder. Die Baumstrukturen, die Blätter, die Pflanzen und die Landschaft, das sind jetzt die Bilder. Ich muss aber gestehen, dass an meinen Wänden Typologien der Bechers hängen und 120 Heliogravüren von Karl Blossfeldts „Urformen der Kunst“.
„Into the Unseen – The Walther Collection“,
Deichtorhallen Hamburg,
bis 26. April