Interview mit Benoit Pierre Emery

„Das perfekte Tuch kennzeichnet Schlichtheit und Spannung“

Der Pariser Designer Benoit Pierre Emery sammelt leidenschaftlich Carrés. Wir sprachen mit ihm über persönliche Lieblingsstücke und die Anfänge seiner außergewöhnlichen Kollektion

Von Simone Sondermann
29.12.2025
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 249

Sie haben ein Buch über Ihre Sammlung herausgebracht. Wie kam es dazu? 

Das Buch ist eine Hommage an die Kreativität all der bekannten und unbekannten Designer von Tüchern – und an das Objekt selbst, das Carré. Ich wollte meine Sammlung schon lange mit der Öffentlichkeit teilen. Aus diesem Grund habe ich mit meinem jüngeren Bruder Vincent als Erstes angefangen, die Tücher zu fotografieren. Wir haben uns dafür eine Hasselblad-Kamera gekauft. Schließlich haben wir mehr als 10.000 Stücke fotografiert – das hat anderthalb Jahre gedauert! Man darf meinen Bruder heute nicht mehr darauf ansprechen. (lacht) Danach habe ich einen Verlag gesucht. Es war immer mein Traum, mit Gerhard Steidl zu arbeiten …

… dem berühmten Verleger aus Göttingen.

Über eine Bekannte kam der Kontakt zustande, mitten im ersten Lockdown. Irgendwann konnte ich in den Zug steigen und nach Göttingen zu einem ersten Treffen im Steidl Verlag fahren. Ich war noch nie in der Stadt gewesen und verirrte mich ein wenig. Und das erste Schild, das ich sah, war auf Französisch. Darauf stand Carré. Offenbar war das der Name eines Supermarkts dort. Ich nahm das als Zeichen, und als Gerhard Steidl und ich unser erstes Gespräch über das Buch hatten, fragte er mich: „Hast du schon einen Titel im Kopf?“ Und ich sagte: „Ja, Carré.“

„Perspektive“, Hermès, 1951 entworfen von A. M. Cassandre.
„Perspektive“, Hermès, 1951 entworfen von A. M. Cassandre. © Benoit Pierre Emery 2022

Wie ging es dann weiter?

Bei unserem nächsten Treffen sahen wir uns die verschiedenen Arten von Papier an, wir rochen sogar daran. Gerhard Steidl hat eine fantastische Beziehung zum Drucken, ich auch. Auch bei den Tüchern geht es um Siebdruck und um die Farben. Ich glaube, das ist der Grund, warum Gerhard interessiert war. Er erwähnte, dass er als Siebdrucker begonnen hat. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit und großartige Erfahrung für mich. Wir haben mehrere Jahre an dem Buch gearbeitet, Farben kalibriert, Layouts überarbeitet.

Haben Sie ein persönliches Lieblingsstück in Ihrer großen Sammlung?

Mehrere – je nach Stimmung. Da ist zum einen das Dior-Tuch, das ich eingangs erwähnt habe …

… das, mit dem Ihre Sammelleidenschaft begann.

Ja, genau. Ich liebe die schlichten Tücher von Yves Saint Laurent, die an Josef Albers erinnern, an seine Serie „Homage to the Square“. Aber ich mag auch figürliche Designs und manchmal auch welche mit vermeintlich schlechtem Geschmack, die mich aber herausfordern. Bestimmte Designs haben etwas Seltsames, das mich anzieht. Geschmack ändert sich ständig, was man heute mag, mag man in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr. Sammeln bedeutet, den eigenen Blick immer wieder zu hinterfragen.

Betrachten Sie die Tücher als Kunstwerke?

Ja. Für mich gibt es keine Trennung zwischen Kunst, Kunsthandwerk und Design. Wenn etwas mit Leidenschaft und Kreativität gemacht ist, mit dem Anspruch, etwas Einzigartiges zu schaffen, ist es für mich Kunst, egal ob es ein Dekorationsobjekt ist oder ein Kunstwerk der Vergangenheit im Museum. In meinem Buch sind die Tücher flach und von oben abgebildet, der Fokus liegt auf dem Design. Sie sind kleine Kunstwerke, auch wenn die Designer sie vielleicht nicht mit diesem Anspruch entworfen haben. Sie waren nicht dazu gedacht, etwas anderes zu sein als das Objekt selbst – ein Tuch, das man tragen kann. Aber vermutlich hatte jeder Designer, der eines dieser Tücher entworfen hat, die Absicht, das Format – das Quadrat und den Stoff – als eine Art Leinwand zu nutzen, um etwas Kraftvolles und Schönes auszudrücken. Darin liegt eine Suche nach Schönheit, die mich sehr bewegt. Wenn man diese Stücke aus der Vergangenheit ausgräbt, kann man sich vorstellen, wie der Designer damals an diesem Tuch gearbeitet hat, versucht hat, die verschiedenen Muster, die Farben auf bestimmte Weise, in bestimmten Kombinationen und Harmonien anzuordnen. Ist das nicht berührend?

Polyestertuch von Honey.
Polyestertuch von Honey. © Benoit Pierre Emery 2022

Von welchem Künstler der Gegenwart oder Vergangenheit würden Sie sich gern ein Tuch entwerfen lassen?

Oh, das ist schwer. Ich mag es, dass viele Tücher meiner Sammlung von unbekannten Designern stammen, von Außenseitern. Aber natürlich wären Tücher von Künstlern wie Alexander Calder oder Josef Albers interessant. Ich habe tatsächlich ein Tuch von Pablo Picasso, aus dem Jahr 1951. Es ist aus Leinen. Picasso war damals in der kommunistischen Partei und hat es für ein Friedensfest entworfen …

… die Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Ostberlin.

Das Besondere daran ist, dass er nicht einfach ein Gemälde adaptiert hat, sondern wirklich ein Tuch entworfen hat, speziell für das quadratische Format.

Was macht für Sie das perfekte Tuch aus?

Schlichtheit, mit einer Spannung in der Komposition. Ein klarer, starker visueller Eindruck. Fast wie bei einem Verkehrsschild, ich habe da gerade ein Tuch vor Augen, wo rote Elemente diagonal den blauen Stoff kreuzen. Einfache, aber mutige Formen und starke Farben. Es gibt heute immer noch Künstlerinnen und Künstler, die es schaffen, ein einfaches Objekt auf eine neue Weise zu zeichnen, Natur, eine Landschaft auf neue Art wiederzugeben. Das gibt es auch bei den Tüchern. Es gibt Designs, die kommen aus dem Nichts und sind vollkommen überraschend.

Zur Startseite