Interview mit Benoit Pierre Emery

„Das perfekte Tuch kennzeichnet Schlichtheit und Spannung“

Der Pariser Designer Benoit Pierre Emery sammelt leidenschaftlich Carrés. Wir sprachen mit ihm über persönliche Lieblingsstücke und die Anfänge seiner außergewöhnlichen Kollektion

Von Simone Sondermann
29.12.2025
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 249

Benoit Pierre Emery, 55, ist Kreativdirektor für Tischgeschirr und Objekte bei Tiffany und hat zahlreiche Tücher für Hermès und andere große Marken entworfen. Er lebt in Paris. Sein Buch „Carré. A Vintage Scarf Collection“ ist 2024 bei Steidl erschienen.

Herr Emery, wir beide unterhalten uns am Telefon. Tragen Sie eigentlich gerade ein Tuch?

Oh nein, ich trage nicht jeden Tag Tücher.

Wie muss ein Tuch aussehen, damit Sie es gern anziehen?

Ich bevorzuge Modelle ohne oder mit nur ganz dezentem Muster. In einem eher maskulinen Stil, Blau- oder Marinetöne, bei Jacquard eine Kombination von Blau und Braun. Nichts Extravagantes, eher klassisch. Bei den Tüchern, die ich sammle, ist das ganz anders!

Wie sind Sie vor 20 Jahren auf die Idee gekommen, Tücher zu sammeln? Womit fing das an?

Das frage ich mich auch! Es sollte zu Beginn gar keine Sammlung werden. Ich habe damals selbst Tücher entworfen, weil mich fasziniert hat, wie Farben reagieren, wenn sie auf Seide gedruckt werden. Das Zusammenspiel des Motivs mit diesem leichten Material war für mich etwas Magisches. Ich hatte zudem eine Leidenschaft für die quadratische Form. Deshalb habe ich eine eigene Kollektion von Tüchern herausgebracht und parallel angefangen, in Vintage-Läden zu stöbern – aus Neugier. Ich hatte keine Ahnung, wie viele unglaubliche Designs es gibt! Ich stieß auf einen alten Christian-Dior-Schal, grafisch, wunderschön, mit einem Frauengesicht. Das war der Anfang. Danach habe ich immer mehr entdeckt – und je mehr Tücher ich fand, desto mehr suchte ich nach weiteren. Irgendwann war ich süchtig danach. Plötzlich hatte ich eine Sammlung, ohne das jemals geplant zu haben. Das ist mir vor allem klar geworden, als meine Frau und ich unser erstes Kind bekamen und wir Platz in unserem Apartment brauchten.

Am Ende sind es 10.000 Tücher geworden!

Ja.

Muss es immer Seide sein?

Nein, ich bin kein Purist. Anfangs war die Kühnheit und Kreativität des Designs mein einziges Kriterium beim Sammeln. Ich erinnere mich an ein Tuch, das ich in der Schweiz gekauft habe, mit einem wahnsinnigen Grafikdesign, auf hochwertigem Stoff, maschinengenäht. Wenn man Schals von Dior, Yves Saint Laurent oder anderen großen Namen kauft, sind die natürlich alle aus Seide, handgemalt, handgenäht – wirklich schön. Daher sind die meisten Stücke meiner Sammlung aus Seide. Aber ich habe auch viele Tücher von unbekannten Designern, ohne Signatur, deren Designs aber so radikal und kraftvoll sind, dass sie mich umgehauen haben.

Benoit Pierre Emery vor Tüchern seiner Sammlung.
Benoit Pierre Emery vor Tüchern seiner Sammlung. © Elliott Verdier/The New York Times/Redux/laif

Hermès hat 1937 das erste Carré-Tuch produzieren lassen, das Modell hieß „Jeu des Omnibus et Dames Blanches“, „Spiel der Omnibusse und der Weißen Damen“. Das Muster spielt auf ein Gesellschaftsspiel der damaligen Zeit an. Wie gefällt Ihnen dieses historische Design?

Es ist wunderschön. Ich habe seit Langem eine große Begeisterung für Hermès-Tücher. Sie sind sehr strukturiert und durchkomponiert. Innerhalb meiner Sammlung gibt es eine eigene Sammlung nur mit Hermès-Tüchern.

Tendieren Sie, wenn Sie selbst entwerfen, eher zur Abstraktion oder zum Figürlichen? Man findet beides bei Ihnen.

Mein Stil ist nicht festgelegt. Ich experimentiere gern und will mich immer selbst überraschen, neue Ausdrucksformen finden. Aber wenn ich für meine eigene Marke entwerfe, habe ich eine Vorliebe für sehr grafische Ansätze. Wenn ich hingegen für andere Marken arbeite, versuche ich, deren Ton zu treffen, ohne mich zu verstecken, aber so, dass es zur jeweiligen Marke passt.

Sie sind Kreativdirektor für Tischgeschirr und Objekte, erst lange Jahre bei Hermès und seit Kurzem nun bei Tiffany. Worin liegt der Unterschied zwischen dem Design eines Tuches und dem Entwerfen von Tassen oder Tellern?

Das unterscheidet sich ziemlich, aber ich mag beides. Ein Tuch ist ein Einzelobjekt. Es zu entwerfen, ist eine eher einsame Arbeit, fast ein meditativer Prozess, und kommt der Malerei nahe, ich male ja auch. Man arbeitet mit dem Quadratformat, ordnet Formen und Farben. Für die Kollektion eines Tafelgeschirrs muss man hingegen mehrere Stücke entwerfen, die miteinander harmonieren – wie ein Puzzle. Man arbeitet im Team mit Handwerkern und Ateliers, es ist ein Gemeinschaftsprojekt. Spannend ist, dass man bei einem Tuch schon beim Entwerfen überlegen muss, wie es getragen aussieht. Man sieht später oft nur eine Ecke, die aus einem Hemd ragt, oder einen Ausschnitt, wenn das Tuch um den Hals geschlungen ist. Deshalb drucke und falte ich meine Entwürfe häufig. Manchmal sieht ein Entwurf flach großartig aus, getragen aber nicht. Umgekehrt sieht man bei einem Tuch, das getragen wird, mitunter ein kleines Detail in der Ecke, das sehr wichtig ist.

Sie haben ein Buch über Ihre Sammlung herausgebracht. Wie kam es dazu? 

Das Buch ist eine Hommage an die Kreativität all der bekannten und unbekannten Designer von Tüchern – und an das Objekt selbst, das Carré. Ich wollte meine Sammlung schon lange mit der Öffentlichkeit teilen. Aus diesem Grund habe ich mit meinem jüngeren Bruder Vincent als Erstes angefangen, die Tücher zu fotografieren. Wir haben uns dafür eine Hasselblad-Kamera gekauft. Schließlich haben wir mehr als 10.000 Stücke fotografiert – das hat anderthalb Jahre gedauert! Man darf meinen Bruder heute nicht mehr darauf ansprechen. (lacht) Danach habe ich einen Verlag gesucht. Es war immer mein Traum, mit Gerhard Steidl zu arbeiten …

… dem berühmten Verleger aus Göttingen.

Über eine Bekannte kam der Kontakt zustande, mitten im ersten Lockdown. Irgendwann konnte ich in den Zug steigen und nach Göttingen zu einem ersten Treffen im Steidl Verlag fahren. Ich war noch nie in der Stadt gewesen und verirrte mich ein wenig. Und das erste Schild, das ich sah, war auf Französisch. Darauf stand Carré. Offenbar war das der Name eines Supermarkts dort. Ich nahm das als Zeichen, und als Gerhard Steidl und ich unser erstes Gespräch über das Buch hatten, fragte er mich: „Hast du schon einen Titel im Kopf?“ Und ich sagte: „Ja, Carré.“

„Perspektive“, Hermès, 1951 entworfen von A. M. Cassandre.
„Perspektive“, Hermès, 1951 entworfen von A. M. Cassandre. © Benoit Pierre Emery 2022

Wie ging es dann weiter?

Bei unserem nächsten Treffen sahen wir uns die verschiedenen Arten von Papier an, wir rochen sogar daran. Gerhard Steidl hat eine fantastische Beziehung zum Drucken, ich auch. Auch bei den Tüchern geht es um Siebdruck und um die Farben. Ich glaube, das ist der Grund, warum Gerhard interessiert war. Er erwähnte, dass er als Siebdrucker begonnen hat. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit und großartige Erfahrung für mich. Wir haben mehrere Jahre an dem Buch gearbeitet, Farben kalibriert, Layouts überarbeitet.

Haben Sie ein persönliches Lieblingsstück in Ihrer großen Sammlung?

Mehrere – je nach Stimmung. Da ist zum einen das Dior-Tuch, das ich eingangs erwähnt habe …

… das, mit dem Ihre Sammelleidenschaft begann.

Ja, genau. Ich liebe die schlichten Tücher von Yves Saint Laurent, die an Josef Albers erinnern, an seine Serie „Homage to the Square“. Aber ich mag auch figürliche Designs und manchmal auch welche mit vermeintlich schlechtem Geschmack, die mich aber herausfordern. Bestimmte Designs haben etwas Seltsames, das mich anzieht. Geschmack ändert sich ständig, was man heute mag, mag man in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr. Sammeln bedeutet, den eigenen Blick immer wieder zu hinterfragen.

Betrachten Sie die Tücher als Kunstwerke?

Ja. Für mich gibt es keine Trennung zwischen Kunst, Kunsthandwerk und Design. Wenn etwas mit Leidenschaft und Kreativität gemacht ist, mit dem Anspruch, etwas Einzigartiges zu schaffen, ist es für mich Kunst, egal ob es ein Dekorationsobjekt ist oder ein Kunstwerk der Vergangenheit im Museum. In meinem Buch sind die Tücher flach und von oben abgebildet, der Fokus liegt auf dem Design. Sie sind kleine Kunstwerke, auch wenn die Designer sie vielleicht nicht mit diesem Anspruch entworfen haben. Sie waren nicht dazu gedacht, etwas anderes zu sein als das Objekt selbst – ein Tuch, das man tragen kann. Aber vermutlich hatte jeder Designer, der eines dieser Tücher entworfen hat, die Absicht, das Format – das Quadrat und den Stoff – als eine Art Leinwand zu nutzen, um etwas Kraftvolles und Schönes auszudrücken. Darin liegt eine Suche nach Schönheit, die mich sehr bewegt. Wenn man diese Stücke aus der Vergangenheit ausgräbt, kann man sich vorstellen, wie der Designer damals an diesem Tuch gearbeitet hat, versucht hat, die verschiedenen Muster, die Farben auf bestimmte Weise, in bestimmten Kombinationen und Harmonien anzuordnen. Ist das nicht berührend?

Polyestertuch von Honey.
Polyestertuch von Honey. © Benoit Pierre Emery 2022

Von welchem Künstler der Gegenwart oder Vergangenheit würden Sie sich gern ein Tuch entwerfen lassen?

Oh, das ist schwer. Ich mag es, dass viele Tücher meiner Sammlung von unbekannten Designern stammen, von Außenseitern. Aber natürlich wären Tücher von Künstlern wie Alexander Calder oder Josef Albers interessant. Ich habe tatsächlich ein Tuch von Pablo Picasso, aus dem Jahr 1951. Es ist aus Leinen. Picasso war damals in der kommunistischen Partei und hat es für ein Friedensfest entworfen …

… die Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Ostberlin.

Das Besondere daran ist, dass er nicht einfach ein Gemälde adaptiert hat, sondern wirklich ein Tuch entworfen hat, speziell für das quadratische Format.

Was macht für Sie das perfekte Tuch aus?

Schlichtheit, mit einer Spannung in der Komposition. Ein klarer, starker visueller Eindruck. Fast wie bei einem Verkehrsschild, ich habe da gerade ein Tuch vor Augen, wo rote Elemente diagonal den blauen Stoff kreuzen. Einfache, aber mutige Formen und starke Farben. Es gibt heute immer noch Künstlerinnen und Künstler, die es schaffen, ein einfaches Objekt auf eine neue Weise zu zeichnen, Natur, eine Landschaft auf neue Art wiederzugeben. Das gibt es auch bei den Tüchern. Es gibt Designs, die kommen aus dem Nichts und sind vollkommen überraschend.

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