Bild des Tages

Meeresrauschen

Mit Gerhard Richters „Seestück (See-See)“ von 1970, das aktuell in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist, feiern wir den Internationalen Tag des Meeres

Von Tim Ackermann
08.06.2023

Heute ist der internationale Tag des Meeres, und das lässt sich gar nicht groß genug feiern. Denn das menschliche Schicksal ist seit Urzeiten mit dem Meer verknüpft: Als Lebensspender und Todbringer wurde es bereits in der Antike verehrt. Zahllose Darstellungen von göttlichen Verkörperungen der elementaren Fluten wie Thalassa, Okeanos oder Poseidon sind erhalten. Sie bezeugen die damalige Wichtigkeit dieses Lebensraums für die Menschen, im Bereich des Handels oder der Ernährung. Für die Kunst hat das Meer als Motiv, nicht überraschend, immer eine große Bedeutung gehabt. Die Romantik des späten 18. und 19. Jahrhunderts etwa suchte beim schweifenden Blick über unendliche Wellengebirge das zarte Schaudern der Seele, das mit der Präsenz des Erhabenen verbunden ist. Atmosphärische Seestücke wurden zum Beispiel vom Engländer William Turner oder vom russisch-armenischen Künstler Iwan Aiwasowski gemalt.

Als Gerhard Richter 1970 zum Pinsel griff, um sein „Seestück (See-See)“ in variantenreichen Tönen grauer Ölfarbe nahezu fotorealistisch auf der Leinwand erscheinen zu lassen, zitierte er dabei die Tradition des romantischen Landschaftsbilds – und wandelte sie doch in einem entscheidenden Punkt ab: Statt eines realistischen Himmels malte er über die Horizontlinie eine zweite Meereslandschaft, nur diesmal um 180 Grad gedreht. Auf den ersten flüchtigen Blick fällt gar nicht auf, dass die Wolken in Wahrheit Wellen sind. Richters Bild ist ein Trugbild, eine Augentäuschung oder Illusion, anhand derer wir unser eigenes Sehen und Handeln reflektieren. Und so führt uns der Künstler mit seiner konzeptuellen Landschaftsbildcollage letztlich auch zu der Frage, welchen Stellenwert das Meer heute für uns hat.

Übrigens: Richters „Seestück (See-See)“ ist bis 27. August in einer Ausstellung der Hamburger Kunsthalle neben Werken der Künstlerin Vija Celmins zu sehen, die seit Ende der Sechzigerjahre ebenfalls zahlreich graue Meeresansichten geschaffen hat.

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