Die japanischen Netsuke zeigen mit viel Witz die merkwürdigen und berührenden Seiten der Geister, der Menschen und der Natur. Es ist ein Sammelgebiet auch für bescheidene Geldbeutel
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28.12.2020
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 175
Bushell übergab 650 Netsuke 1980 dem Los Angeles County Museum, während die anderen nach seinem Tod 1998 in mehreren Auktionen von Christie’s und Sotheby’s verkauft wurden. Katchens Stücke kamen in London 2005 zuerst bei Sotheby’s und dann 2016/17 bei Bonhams unter den Hammer – mit Zuschlägen, die nur knapp unter den Rekorden der Sammlung von Harriet Szechenyi 2011 zurückblieben. Und von den über die Nazizeit geretteten Netsuke der Familie Ephrussi – weltberühmt geworden durch Edmund de Waals Erinnerungsbuch „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ – übergab der Autor und Porzellankünstler, Nachfahre der Ephrussis, 157 Schnitzwerke dem Jüdischen Museum in Wien für zehn Jahre als Leihgabe, während er 79 Stücke bei Matthew Barton in London zugunsten des UK Charity Refugee Council versteigern ließ.
Die Frage, was mit der Sammlung geschehen soll, wenn sich die Lebensjahre des passionierten Käufers dem Ende zuneigen, die Erben keinen Sinn für diese schöne Kleinigkeit haben, stellt sich immer wieder. Man kann es wie Edmond de Goncourt halten, der testamentarisch festlegte, sein Kunstbesitz sollte nicht in einem Museum begraben, sondern versteigert werden, damit auch andere die Freude genießen könnten, die er selbst beim Erwerb hatte. Aber man kann sich auch mit der Stiftung an ein Museum ein kleines Denkmal setzen, wie etwa Anna und Christian Trumpf, die dem Stuttgarter Linden-Museum 2000 japanische Objekte überließen, darunter 800 Netsuke. Oder wie Bruno Werdelmann, der dem Kunstpalast in Düsseldorf rund 1100 Netsuke schenkte.
Wie bei allen Sammelleidenschaften gibt es auch bei den Netsuke die Geschichten von der guten alten Zeit, in der man mit Glück oder Sachkenntnis ein besonderes Stück besonders günstig bekommen konnte. Albert Brockhaus ist dafür das Standardbeispiel. Denn sein erstes Netsuke, ein Frosch, kaufte er 1877 in einem Pariser Spielzeugladen für fünf Franc. Aber selbst aus den 945 Pfund (damals 10.000 Mark), die Julius Katchen 1965 bei Boons Park in Kent für einen Welpen von Kaigyokusai Masatsugu zahlte, was damals als Wahnsinnspreis galt, wurden 2017 bei der Bonhams-Auktion der Sammlung dann 30.000 Pfund. Sind Netsuke also ein gutes Investment? Immerhin liegt der Höchstpreis seit 2011 für ein (unsigniertes) Shishi aus dem Kyoto des späten 18. Jahrhunderts bei 265.300 Pfund brutto. Die Nummer zwei, ein zerzauster Hund mit seinen Welpen von Gechu aus dem Nachlass der Katchens, brachte es 2016 auf 221.000 Pfund.
Der Weg in diese Höhen war allerdings lang. Als Anfang der Siebzigerjahre der Händler Ouchi in Tokio, so erzählt es die Kölner Auktionatorin und Japanspezialistin Trudel Klefisch, Raymond Bushell fragte, ob er bereit sei, für ein Netsuke 1000 Dollar zu zahlen, verließ der Sammler empört das Geschäft. Umgerechnet 50 bis 200 Mark waren damals üblich. Katchens Rekorderwerbung von 1965 wurde deshalb erst nach acht Jahren von Christie’s in London mit umgerechnet 70.000 Mark überboten. Ein Meilenstein in Europa waren die 130.000 Mark, die 1988 ein Kirin des späten 17. oder frühen 18. Jahrhunderts bei Klefisch schaffte.
Nach weiteren Rekorden in den Neunzigern stagnierte der Markt, ehe er 2011 und 2016/17 mit den Nachlässen von Harriet Szechenyi sowie Julius und Arlette Katchen zu neuen Höhenflügen mit inzwischen zehn sechsstelligen Pfundpreisen ansetzte. Unerwartete Ausreißer inbegriffen. So sprang 2017 bei Van Ham das Gespenst einer Frau, das aus Flammen emporsteigt, von taxierten 6000 auf 80.000 Euro; mit Aufgeld zahlte der Bieter 102.500 Euro.
Doch wachsen die Bäume auf dem Netsuke-Markt nicht in den Himmel. So wurden bei der Brockhaus-Auktion in diesem Juni bei Lempertz zwar alle Stücke verkauft, aber lediglich zehn trugen mehr als 10.000 Euro und ein einziges (mit Aufgeld) genau 100.000 Euro ein. Bei den fast anderthalbtausend Netsuke der Kolodotschko-Sammlung, die Lempertz 2014/15 in sechs Tranchen aufrief, kamen nur acht auf mehr als 10.000 Euro. Der höchste Preis lag mit 30.000 Euro brutto weit vor den anderen; der Durchschnitt musste sich mit niedrigen vierstelligen Zuschlägen begnügen, gut ein Viertel blieb sogar im dreistelligen Bereich. Auch bei Van Ham, bei Nagel und anderen Häusern, die Netsuke versteigern, lassen sich mit gutem Auge und etwas Kennerschaft schöne Entdeckungen zu sehr moderaten Preisen machen. Es ist ein Sammelgebiet, in das man auch mit bescheidenen Mitteln einsteigen und eine spannende Kollektion aufbauen kann.
Ein heikler Aspekt ist das Elfenbein. Das Washingtoner Artenschutzabkommen „Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora“ (Cites) wird immer strenger umgesetzt und betrifft zunehmend auch historische Kunstwerke aus Elefantenzahn. Noch ist der Transfer innerhalb der EU möglich, darüber hinaus wird es oft problematisch. In den USA etwa kann man die Stücke mittlerweile weder ein- noch ausführen. Wie sich der Brexit für das auf den Haupthandelsplatz London, wo viele Netsuke verkauft werden, auswirken wird, ist noch völlig offen.
Schwierig wird es auch bei der Frage „Echt oder falsch?“. Denn bei den Netsuke, wie generell bei der Kunst Ostasiens, gibt es viele Zwischenstufen vom Original über die Replik und die Kopie bis hin zur kriminellen Fälschung. Dem Werk des verehrten Meisters möglichst nahe zu kommen, es ihm gleichzutun, war der Ehrgeiz jedes Schülers. Deshalb war es ein Zeichen der Wertschätzung – und kein Versuch einer Täuschung –, wenn er sein Werk mit dem Namen des Lehrers versah. Zuweilen wurde ein Künstlername nicht nur dem Sohn vererbt, sondern auch mit der Adoption eines talentierten Schülers lebendig gehalten.
Die Signatur steht also häufig weniger für das Werk eines Einzelnen als für eine Familientradition und die Kontinuität der Motive und ihres Stils. „Man erzählte mir von einer Familie, die über drei Generationen Mäuse schnitzte, nichts anderes als Mäuse“, notierte Edmond de Goncourt verwundert. Das macht die Zuweisung an einen Künstler wie die Datierung so schwierig – und erleichtert Fälschern das Handwerk. Denn bislang gibt es kein technisches Verfahren mit dem sich das Alter von Elfenbein bestimmen lässt.
Signaturen, wie sie sich im 18. Jahrhundert einbürgerten, sind nur bedingt eine Echtheitsgarantie. Viele berühmte Schnitzer verzichteten darauf, weil sie überzeugt waren, der Kenner bedürfe solcher Krücken nicht. Shuzan, der vielen als einer der ungewöhnlichsten Netsuke-Schnitzer gilt, hat nie signiert. Trotzdem werden immer wieder signierte Shuzan-Netsuke angeboten; es sind bemalte Figuren aus dem weichen Hinoki-Holz. Deshalb spotten Händler gern: „Wollen Sie ein signiertes Netsuke? Oder ein außergewöhnliches?“
Ein historischer Aspekt: Die Reform durch Kaiser Meiji mit der rigorosen Verwestlichung Japans verdrängte auch den Kimono und damit den Gebrauchswert der Netsuke. Den meisten Japanern galten sie – wie die Farbholzschnitte – als nutzlose Gestrigkeit. Doch die Westler entdeckten und sammelten sie als Kunstwerke, deshalb wurden sie weiterhin, nun vor allem für das Ausland produziert. Oft als Dutzendware, aber durchaus auch mit Ambitionen. So lässt sich in vielen Fällen kaum entscheiden, ob die Anlehnungen an berühmte Beispiele als moderne Repliken oder als Fälschungen gedacht waren. Sogenannte Hongkong-Netsuke als Airport-Art gibt es allerorten: aus Elfenbein seriell geschnitzt oder aus Kunstharz gegossen und Elfenbein vortäuschend.
Anders ist es mit jenen Stücken, die erheblich mehr einbringen sollen, als sie wert sind. Das können unsignierte Netsuke sein, denen nachträglich eine Pseudo- oder Meistersignatur verpasst wird. Auch muss, was aus altem Elfenbein geschnitzt wurde, keine alte Schnitzerei sein. Zudem kann Elfenbein durch Wechselbäder mit heißem und kaltem Wasser oder mit Chemikalien künstlich gealtert und rissig werden. Da verraten dann vielleicht Staubpartikel, ob sie „historisch“ oder appliziert sind. Und anders als bei echter Patina, bei der sich durch das Tragen Vorder- und Rückseite in Nuancen unterscheiden, lassen sich mit einiger Übung originale und künstliche Alterung an der Verfärbung erkennen.
Das gilt auch für die Himotoshi, die Schnurlöcher auf der Rückseite, deren Ränder bei echten Stücken abgeschliffen und nicht scharfkantig sind. Das Argument, es handle sich um ein gut verwahrtes Sammlerstück, ist da wenig überzeugend, denn ungetragen gesammelt wurden Netsuke in Japan erst seit Ende des 19. Jahrhunderts.
Netsuke aus Holz zu fälschen ist zu diffizil und zu zeitaufwendig, um gewinnbringend zu sein. „Alle Fälschungen, die ich gesehen habe“, meint ein Fachmann, „waren aus Elfenbein und signiert. Ist es aus anderem Material und nicht signiert, steigt die Chance, dass es ein Original ist.“ Aber gegen Irrtümer ist niemand gefeit. Schon weil die Welt „flüchtig wie Tau“ ist.
Hier geht’s zum Service des Sammlerseminars über japanische Netsuke.