11.09.2019 Gloria Ehret

Venezianischer Schlüsseldienst

Ermöglichten die schweren Bronze-Türklopfer einstmals Einlass in venezianische Paläste, so sind sie dank ihrer reichen künstlerischen Gestaltung längst in internationalen Museen zu Hause

Die sind ein Gegenmodell zu „form follows function“ – und trotzdem tauglich, die schweren Palastportale der Lagunenstadt zu öffnen! Dass die aufwendig gearbeiteten, mit Göttern, Heroen oder mythischen Mischwesen fantasievoll ausgestalteten Türklopfer ihre Hochblüte in Venedig erlebten, ist kein Zufall. Schwelgt die Serenissima im Meer doch seit alters und bis heute in Kunst und Luxus. Auch an zahlreichen mittelalterlichen Domen haben sich bronzene Türzieher in Gestalt von Löwenköpfen mit dichter Mähne und einem Ring im Maul erhalten – stand die Respekt gebietende Raubkatze doch für Gut und Böse, sollte Sünden und Schlechtes abwehren und gleichzeitig das Heiligtum beschützen. 

Venedig und der Bronzeguss

Dem Wiederaufleben der Antike in der Renaissance verdanken wir das erste monumentale Bronze-Reiterstandbild der Neuzeit: Donatellos um 1450 gegossenen Condottiere „Gattamelata“ in Padua. In der humanistisch geprägten Universitätsstadt blühte im 15. Jahrhundert die Medaillenkunst, die wiederum Bronzewerke der angewandten Kunst wie Kandelaber, Öllampen, Schreibgerät, Feuerböcke oder Tischglocken inspiriert hat. Doch in der zweiten Hälfte des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts stieg das benachbarte Venedig zum größten Produzenten von Bronze-Türklopfern auf.

Türklopfer von anonymem Künstler im Metropolitan Museum, Bild: Metropolitan Museum, Fletcher Fund, 1949
Türklopfer von anonymem Künstler im Metropolitan Museum, Bild: Metropolitan Museum, Fletcher Fund, 1949

Als Gebrauchsgegenstand sind sie auf den ersten Blick kaum zu erkennen: Die Grundform einer Lyra bilden figürliche Meeresbewohner wie Fische oder Delphine, kombiniert mit Statuetten oder Masken. Nereiden waren besonders beliebt, weil ihre biegsamen Körper mit den vegetabilen Elementen zu einer attraktiven Einheit verschmolzen. Häufig nimmt ein von Voluten und Blattwerk flankierter Wappenschild die obere Mitte ein. Vielfach diente eine muschelförmige Mulde als Griff.

In vielfältigste Formen gegossen, kopiert und variiert

Die Kupfer-Zinn-Legierung Bronze war ein Lieblingsmaterial der Epoche: auch für Türklopfer. Im Wachsmodell konnten die Bildhauer feine Details ausarbeiten, denen das flüssige Metall im Guss folgte. Die Gussform wurde nach dem Wachsausschmelzverfahren mithilfe von Gipsnegativen nach dem ursprünglichen Modell reproduziert. Anschließend ließen sich die gegen Witterungseinflüsse unempfindlichen, circa 30 Zentimeter hohen, schweren, rückseitig hohlen Bronzegüsse auf verschiedenste Weise nacharbeiten und patinieren. Beliebte Modelle gibt es in großen Stückzahlen, im Detail variierte Liebhaberstücke für den privaten oder häuslichen Bereich. Meist haben sich jedoch nur die beweglichen Teile erhalten.

Jacopo Sansovino, Türklopfer mit Nymphe, Neptun und Putti, National Gallery in Washington, Bild: Pepita Milmore Memorial Fund
Jacopo Sansovino, Türklopfer mit Nymphe, Neptun und Putti, National Gallery in Washington, Bild: Pepita Milmore Memorial Fund

Eine Anzahl von Modellen wird so bedeutenden Bildhauern wie Jacopo Sansovino (1486–1570), Tiziano Aspetti oder Alessandro Vittoria zugeschrieben. Inwieweit sie selbst an deren Umsetzung beteiligt waren, sei dahingestellt. Ein besonders attraktives Exemplar mit einer barbusigen weiblichen Gestalt, die als Stadtgöttin Venezia interpretiert wird, soll auf Aspetti zurückgehen. Volker Krahn, Spezialist zum Thema, vermutet, dass die Türklopfer wohl eher aus verschiedenen Werkstätten stammen. Denn die meisten sind aus austauschbaren Einzelelementen kombiniert. So besitzen das Kunsthistorische Museum in Wien und das Bayerische Nationalmuseum in München Ausformungen eines venezianischen Greifen-Türklopfers vom ausgehenden 16. Jahrhundert.

Türklopfer in europäischen Sammlungen

Ebenfalls in diesen beiden Museen befinden sich Varianten eines Neptuns mit Dreizack über einer wassergefüllten Pilgermuschel und seitlichen Seepferdchen.

Alessandro Vittoria, Türklopfer mit Neptun, Bayerisches Nationalmuseum, Bild: Bayerisches Nationalmuseum, Bild: 2019 Bayerisches Nationalmuseum, Inventarnummer: 65/132
Alessandro Vittoria, Türklopfer mit Neptun, Bayerisches Nationalmuseum, Bild: Bayerisches Nationalmuseum, Bild: 2019 Bayerisches Nationalmuseum, Inventarnummer: 65/132

Das beliebte Motiv wurde bis ins 19. Jahrhundert reproduziert. Und die Graphische Sammlung in München besitzt die Kreideskizze eines Türklopfers von Sansovino. Von diesem großen Bildhauer und Architekten inspiriert ist ein Beispiel mit Triton, der mit ausgestreckten Armen seine von Akanthus-Blattwerk umhüllten Fischschwänze umgreift. Das große Blatt vor seinem Rumpf diente als Zug-Griff. Bei einem Modell mit symmetrisch angeordneten Schlangen könnte es sich um Naturabgüsse handeln, wie sie seinerzeit in Padua oder Nürnberg praktiziert wurden. Ebenfalls ­Jacopo Sansovino zugeschrieben, wurde es mehrfach kopiert und variiert, eins kam als James-Simon-Geschenk ans Berliner Bode-Museum, ein weiteres besitzt das Cleveland Museum of Art. 

Vorbild für nordalpine Werkstätten

Dass die venezianischen Türklopfer Jahrhunderte geschätzt wurden, belegt Pietro Gradenigos 1758 erschienenes Skizzenbuch „Raccolta di battitori a Venezia“ mit Zeichnungen des Flamen Jan II. Grevenbroeck und Ortsangaben wie „Palazzo Flangini a S. Geremia“ oder dem Palazzo Querini in Cannaregio. Auch Künstler nördlich der Alpen lehnten sich eng an venezianische Vorbilder an. So folgt ein Türklopfer aus dem Fugger-Schloss in Kirchheim der typischen Lyraform mit figurenbelebtem Bügel und einer zentralen Kinderherme des flämischen Bildhauers und Giambologna-Schülers Hubert Gerhard um 1585/90, der seinen künstlerischen Höhepunkt in München erlebte. Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg besitzt ein Modell mit Meermädchen aus der Zeit um 1530 von Peter Vischer, das den italienisch-deutschen Kulturtransfer nach Nürnberg belegt.

Service

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 158/2019