27.02.2019 Lisa Zeitz

Raden Saleh: Der Prinz von Java

Dresden empfing den Spätromantiker Raden Saleh einst mit offenen Armen, in seiner Heimat war er lange verpönt. Jetzt überschlagen sich die Preise

Die große Wende im Leben von Raden Saleh Syarif Bustaman (1811–1880) war sein Umzug von Den Haag nach Dresden im Jahr 1839. Der von der Insel Java stammende Künstler mit persischen Wurzeln hatte – als Ausnahmegestalt seiner Zeit – in Holland eine traditionelle Ausbildung zum Maler erhalten, fühlte sich aber von den Kolonialherren wie ein „Eingeborener“ behandelt. Dresden dagegen öffnete ihm ganz neue Möglichkeiten, erzählt der Kunsthistoriker Dr. Werner Kraus, der dessen Œuvre so gut kennt wie kein anderer und an einem stetig wachsenden Werkverzeichnis arbeitet: „Heute sind 264 Gemälde von ihm bekannt, vor 25 Jahren waren es halb so viele“, sagt er am Telefon. In Dresden sei man geradezu hungrig nach Exotik gewesen und habe den gebildeten Dandy aus niederem Adel zum „javanischen Prinzen“ stilisiert. Um den hohen Dresdner Erwartungen gerecht zu werden, malte Raden Saleh 1840 zur Akademie-Ausstellung sein bis dato größtes Seestück und eine „Löwenjagd“, die sehr positiv vom Publikum aufgenommen wurden. „Zwei Pole, einander entgegengesetzt und doch beide hell und freundlich, üben auf meine Seele einen mächtigen Zauber aus“, schrieb Raden Saleh, bevor er 1851 als wohlhabender Künstler in seine Heimat zurückkehrte. „Dort das Paradies meiner Kindheit im heißen Sonnenstrahl und von Hindostans Ozean umrauscht … hier Europas glücklichste Länder, leuchtend im Diamantgeschmeide der Kunst, Wissenschaft und hohen Bildung.“

Wilde Motive in Dresden

Erst in Dresden fand er zu den Motiven, mit denen man ihn heute verbindet: orientalische Krieger, Jagdszenen und gefährliche Tiere. Da gab es schon mal den ­blutigen Kampf zweier Tiger mit einem Nashorn – Kreaturen, die in ihrem natürlichen Lebensraum sonst friedlich zusammenleben.

Raden Saleh Syarif Bustaman,
Raden Saleh Syarif Bustaman, "Schiffe auf stürmischer See", 1840, Öl auf Leinwand, Foto: Van Ham Kunstauktionen, Köln

„Das konstruierte Wilde“, so Kraus, „stand scharf im Gegensatz zur behüteten bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts.“ Und erzeugte damit im biedermeierlichen Dresden wohlige Schauer. Auch an den Höfen des europäischen Hochadels war Raden Salehs Kunst begehrt und er selbst ein gern gesehener Gast. Er wurde ein enger Freund von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha, seine Bilder sind auch im Buckingham ­Palace und in Windsor Castle zu finden.

Die Zuschläge gehen nach Indonesien

Die „Schiffe auf stürmischer See“, die bei Van Ham in Köln 2018 einen Hammerpreis von 600 000 Euro erzielten, gehören jetzt wie die „Löwenjagd“, die Van Ham zuvor für 660 000 Euro versteigerte, zu einer Privatsammlung in Surabaya. Kraus kennt die vermögenden indonesischen Sammler, die eigentlich immer zugreifen, wenn wieder einmal ein bedeutendes, meist lange vergessenes Werk von Raden Saleh bei einer Auktion in Europa auftaucht.

Gewandelte Wahrnehmung des Künstlers

Ihr Interesse für den Künstler ist allerdings erst in jüngerer Zeit erwacht. Man kann sagen, dass Kraus mit seinen Forschungen die erstaunliche Marktentwicklung überhaupt erst ausgelöst hat, verstärkt durch die erste Raden-Saleh-Ausstellung in Indonesien, die er 2012 mit dem Goethe-Institut Jakarta organisierte. Der Künstler war in Indonesien lange nicht gut gelitten, da die Unabhängigkeitsbewegung ihn als „Kind der Holländer“ verunglimpft hatte. Dieses Urteil hat Kraus mithilfe von Dokumenten und durch die neue Interpretation seines Hauptwerks korrigiert. Raden Salehs „Verhaftung des Unabhängigkeitskämpfers Diponegoro“ zeige die Kolonialherrschaft, so Kraus, durchaus mit dämonischen Zügen. Das historische Ereignis hatte übrigens zur Folge, dass Familienmitglieder des Künstlers wegen ihrer Bekanntschaft mit Diponegoro ins Exil gezwungen wurden.

Spektakuläre Szenen, spektakuläre Preise

Heute ist Raden Saleh für Van-Ham-Chef Markus Eisenbeis der „Warhol des asiatischen Raums“. Er hat immer wieder spektakuläre Gemälde von ihm versteigert. Die dramatische Komposition „In letzter Not“ stieg 2011 sogar auf den damaligen Rekordzuschlag von 1,6 Millionen Euro. Das Motiv vermittelt die Spannung eines Actionfilms: Ein Löwe verbeißt sich im Hals eines Pferdes, dessen Reiter sich gerade noch an einem Ast festhalten kann, während das Knäuel aus Mensch und Tier vor rauschendem Wasserfall in einen Abgrund stürzt.

Raden Saleh Syarif Bustaman,
Raden Saleh Syarif Bustaman, "In letzter Not", 1842, Öl auf Leinwand, Foto: Van Ham Kunstauktionen, Köln

Seit Januar 2018 gibt es einen neuen Rekord. Ein älteres Hausmeisterehepaar aus der Bretagne hatte seit Jahrzehnten das Gemälde einer Büffeljagd im Keller. Sie hätten sich wohl auch mit 500 Euro dafür zufriedengegeben, sagt Kraus. Aber der Auktionator des kleinen bretonischen Auktionshauses Jack-Philippe Ruellan identifizierte Raden Salehs Signatur, kontaktierte den Ex­perten zur Bestätigung der Echtheit und schätzte das Werk auf 150 000 Euro. Wie gerne wäre man im Auktionssaal dabei gewesen! Der indonesische Shopping-Mall-Milliardär Alex Tedja war eigens angereist und gab hartnäckig Gebote ab, bis er das Werk zum Zuschlag von 7,2 Millionen Euro mit nach Hause nahm. Solche Summen liegen außerhalb der Reichweite deutscher Museen, mögen sich die Dresdner Gemäldesammlungen ein Werk des Künstlers auch noch so sehr wünschen. Doch es gibt Hoffnung, so Eisenbeis: „In Deutschland wird noch so manches Bild schlummern, denn hier hat seine Karriere stattgefunden.“

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Dieser Beitrag erschien in

Weltkunst Nr. 153/2019