07.03.2018 Ingo Barlovic

Zeugin dunkler Zeiten

Die Versteigerung einer Benin-Bronze im Auktionshaus Zemanek-Münster berührt nicht nur jüngste deutsche, sondern auch koloniale Geschichte

Die Skulpturen sind rar und schön, doch der Handel mit ihnen birgt Probleme. „Leider heikel“ lautet auch das Urteil des Provenienzforschers Andreas Schlothauer zur Herkunft jener Benin-Bronze, die das Auktionshaus Zemanek-Münster am 10. März in Würzburg versteigert. Eine Königinmutter mit charakteristisch hohem Kragen, Schmucknarben auf der Stirn und aufwendig gearbeitetem Haarnetz. Schlothauer konnte den Gedenkkopf aus dem Königreich Benin eindeutig identifizieren: Er ist im Deutschen Zentrum Kulturgutverluste als NS-Raubkunst dokumentiert und stammt aus der Sammlung des 1920 verstorbenen deutsch-jüdischen Verlegers Rudolf Mosse, die 1934 zwangsversteigert wurde. Kurz nach dieser Entdeckung haben sich die Erben des Verlegers und der Einlieferer zwar gütlich darüber geeinigt, was im Fall eines Verkaufs mit den Einnahmen passiert.

Aber ist die Provenienz damit tatsächlich geklärt?


Denn das Objekt berührt nicht nur die jüngste deutsche, sondern auch koloniale Geschichte. Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Briten ihre Herrschaft in Nigeria auf das Königreich Benin auszudehnen versucht. Weshalb im Dezember 1896 eine britische Delegation unter der Leitung von James Phillips mit 240 afrikanischen Begleitern den Oba, Gottkönig des Königsreichs, besuchte, ist bis heute umstritten. In Großbritannien spricht man nach wie vor vom friedlichen Besuch einer Handelskommission mit einheimischen Trägern, nigerianische Historiker dagegen von einer Invasion mit getarnten Soldaten. Die Truppen des Oba töteten fast alle der beim Angriff unbewaffneten Afrikaner und Briten.

Den Briten lieferte dieses ‚Benin Massacre‘ einen willkommenen Vorwand zur Revanche. Nur sechs Wochen später schickten sie eine ‚Strafexpedition‘ nach Benin City, die die Stadt einnahm und Teile der Architektur zerstörte oder niederbrannte. Über die Zahl der Toten ist wenig bekannt, doch die Soldaten stießen im königlichen Palast und im Lagerhaus auf Tausende von Kunstobjekten: Werke aus Elfenbein und Bronze. Kleinere Arbeiten wie Armreife oder Hüftmasken waren darunter, Reliefplatten, Figuren und königliche Gedenkköpfe, deren Entstehungszeit bis in das 15. Jahrhundert zurückreicht. Sie wurden handwerklich virtuos mit Hilfe der Technik der verlorenen Form hergestellt.

Wie die Bronzen in den Westen kamen


Die Truppen plünderten den Königshof, einen großen Teil der Stücke verteilten sie unter sich. Vor allem die Reliefs gingen über ein Ministerium an das British Museum und wurden teilweise von dort verkauft. Solche Vorgehensweise war kein Einzelfall, Napoleon hatte beispielsweise auf seinen Feldzügen Kunstwerke nach Frankreich verfrachtet.
Als die Bronzen in der westlichen Welt eintrafen, begeisterten sie Kunstexperten wie Justus Brinckmann vom Hamburger Museum für Kunstgewerbe oder den Berliner Forscher Felix von Luschan. Diese bis dato unbekannten, kunstfertigen Schmiedearbeiten hatte man den „Primitiven“ nicht zugetraut. Ein Run auf die Werke begann, Institutionen wie das deutsche Völkerkundemuseen Berlins kauften die schönsten Stücke an.


Nun, mehr als hundert Jahre später, wird um jene Schätze gestritten: Aktivisten in Europa wie Nigeria sehen die Museen in der Pflicht zur Rückgabe der ‚Beutekunst‘. Babatunde Adebiyi, der ehemaligen Rechtsberater der nigerianischen National Commission for Museums and Monuments, ist überzeugt davon, dass ihre Restitution den Tourismus ebenso fördern könnte wie den Stolz der Nigerianer auf ihre Kultur. Solche Forderungen stützen sich allerdings auf keine rechtliche Grundlage. Die Haagener Landkriegsordnung, in der unter anderem die Rückgabe von Beutekunst geregelt ist, wurde erst nach der britischen Expedition beschlossen. Auch in der Washingtoner Erklärung, die den Umgang mit NS-Raubkunst regelt, fehlt eine Vereinbarung dazu. Im speziellen Fall der Benin-Bronzen herrscht überdies noch eine weitere Unklarheit. Wem stünden die Objekte zu? Dem nigerianischen Staat oder der heutigen Provinz Edo, auf der einst das Königreich errichtet wurde? Vielleicht hat aber auch der jetzige Oba, ein Nachkomme des 1914 von den Briten abgesetzten Herrschers, einen Anspruch auf das kulturelle Erbe.


Aber stammen tatsächlich alle in Europa kursierenden Objekte aus jenem Beutezug?

Bei dem überwiegenden Teil der Bestände in den Museen kann man sicher sein, da der Werkstoff Bronze dem Oba vorbehalten war. Andere alte Objekte kam bereits vorher entweder als Geschenk oder Ankauf nach Europa oder wurde nach 1897 abgegeben. Dazu gehört jener Bronze-Altar, der sich im New Yorker Metropolitan Museum befindet. 
Früher galt auf dem Kunstmarkt nur als echt, was aus der Strafexpedition und damit der Plünderung stammte. Mittlerweile argumentiert man differenzierter. So vermutet die Expertin des Auktionshauses Sotheby’s, Marguerite de Sabran, dass es authentische Stücke gibt, die nicht aus der Plünderung stammen. Im Dezember 2017 ließ sie in Paris einen Bronze-Kopf für fast 1,9 Millionen Euro versteigern, dessen Provenienz bis Anfang der 1930er Jahre belegt werden konnte. Die Geschichte davor blieb ungeklärt. Zehn Jahre früher hatte das Auktionshaus noch geradezu stolz darauf verwiesen, dass ein für über 4,7 Millionen Dollar versteigerter Kopf im Besitz eines Mitglieds der Strafexpedition gewesen sei: Dies galt als unzweifelhafter Beleg für die Authentizität des Werks.

Doch auch, wenn nun sensibler mit dem Thema umgegangen wird, hat es den Anschein, dass bei der Provenienzforschung hinsichtlich kolonialer Beutekunst noch lange nicht dasselbe Problembewusstsein herrsche wie bei NS-Raubkunst, meint Jürgen Zimmerer, Professor für Afrikanische Geschichte an der Universität Hamburg: „Zwar ist es möglich, dass Benin Bronzen auf legalem Wege nach Europa kamen, dennoch steht außer Frage, dass der Großteil der sich heute in deutschen und europäischen Museen befindlichen Bronzen aus der Eroberung und Plünderung Benins 1897 stammt, mithin also geraubt wurde. Im Einzelfall müsste nachgewiesen werden, dass ein Stück rechtmäßig erworben wurde. Hier zählt nicht von wem das Museum es erworben hat, sondern wie es in Westafrika veräußert wurde“.


Der Bronzekopf im Würzburger Auktionshaus Zemanek-Münster wird auf einen Wert zwischen 40000 und 80000 Euro geschätzt und kostet damit ein Bruchteil jener Stücke, die bei Sotheby’s versteigert wurden. Es handelt sich um eine Arbeit aus dem späten 19. Jahrhundert, das in der Kunst des Bronzegusses qualitativ hinter den frühen Objekten aus dem Königsreich Benin zurückbleibt. Nicht mehr geklärt werden wird wohl, wie und wo Rudolf Mosse ihn seinerzeit erworben hat.