23.02.2018 Simone Sondermann

Emil Cimiotti: Bronze und Papier

Das Edwin Scharff Museum in Neu-Ulm feiert seine Wiedereröffnung – mit einer großen Retrospektive von Emil Cimiotti. Auch das kraftvolle Spätwerk des Bildhauers ist zu erleben

Die Hinwendung zur Abstraktion in der Kunst nach 1945 war der Versuch, dem Schock der Nazijahre mit einer neuen Formensprache zu begegnen. Alles war infrage gestellt, sogar das Existenzrecht der Kunst überhaupt. Am pointiertesten hat dies Theodor W. Adorno in seinem oft missverstandenen Satz formuliert, es sei »barbarisch«, »nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben«. Als Emil Cimiotti 1949 in Stuttgart ein Kunststudium aufnimmt, liest der Arbeitersohn die Schriften Adornos. Mehr noch aber prägt ihn die Begegnung mit Willi Baumeister, dem Übervater der neuen Kunst im Nachkriegsdeutschland. Er fördert den jungen Bildhauer, 1960 werden Cimiottis Arbeiten auf der Biennale von Venedig gemeinsam mit Bildern des verstorbenen Mentors gezeigt.
Cimiotti, der im vergangenen Jahr seinen 90. Geburtstag feierte, hat in fast sieben Jahrzehnten ein umfassendes bildhauerisches Werk geschaffen. Er gilt als Vertreter des plastischen Informel, doch wie so oft beschreiben solche Kategorisierungen die Essenz einer Kunst nur unzureichend. Im jahrtausendealten Wachsausschmelzverfahren, bei dem Form und Modell nach dem Gießen zerstört werden, hat er Unikate aus Bronze gefertigt, die ebenso amorph wie strukturiert sind, porös wie verfestigt, zeitlos wie durchdrungen vom Geist ihrer Zeit. Vor fünf Jahren hat der Künstler altersbedingt die körperlich fordernde Metallbildhauerei aufgegeben und nahtlos ein neues Medium für sich erschlossen: Papier. Noch immer geht er beinahe täglich in sein Atelier in Wolfenbüttel, sein Schaffensdrang ist ungebrochen.

Spätwerk aus Papier

Die Papierreliefs sind von auffallend leuchtender Farbigkeit, die es so intensiv in seinem Werk bislang nicht gab. In der Bearbeitung des Materials ist er ganz Plastiker geblieben – er reißt, knautscht, rollt und schichtet das Papier und formt daraus geometrische Figuren wie das Trapez, das Oval oder Partituren aus farbigen Streifen, die das Thema des Baumes variieren. Tritt man näher an die Reliefs heran, erkennt man, dass die Oberflächenbeschaffenheit an Holz erinnert. So als würde der Künstler sein Material an dessen Ursprung zurückführen, den Holzcharakter des Papiers herausarbeiten. In diesem lebendigen Alterswerk sticht besonders das tiefblaue Segel heraus, voller Knicke und Falten, als sei der Wind darübergefahren, ein monochromer Archetyp, der die Farbe des Meeres in sich aufgenommen hat. Die griechische Mythologie ist hier präsent, die ebenso wie die Philosophie Heraklits in Cimiottis Kosmos eine wichtige Rolle spielt.
Das Georg Kolbe Museum in Berlin hat Cimiotti jüngst mit einer großen Retrospektive geehrt, die nun im wiedereröffneten Edwin Scharff Museum in Neu-Ulm zu sehen ist. Parallel zur Berliner Schau präsentierte die Galerie Haas einige Papier­reliefs und Bronzen. Michael Haas verbindet eine persönliche Beziehung mit Cimiotti, er studierte einst in Braunschweig Kunst bei ihm – ein Grund mehr für den Galeristen, den früheren Lehrer als einen der wichtigsten Bildhauer der Nachkriegsmoderne ins Bewusstsein zu bringen. 

Emil Cimiotti, ohne Titel, 2017 (Foto: Lea Gryze, Copyright: Galerie Michael Haas)
Emil Cimiotti, ohne Titel, 2017 (Foto: Lea Gryze, Copyright: Galerie Michael Haas)

Service

Emil Cimiotti. Denn was innen, das ist außen

Edwin Scharff Museum, Neu-Ulm
24. Februar bis 21. Mai 2018

Dieser Beitrag erschien in

Weltkunst Nr. 139 / 2018