23.02.2018 Simone Sondermann

Emil Cimiotti: Bronze und Papier

Der Bildhauer Emil Cimiotti ist mit 92 Jahren gestorben. Neben seinen Metallarbeiten fand auch sein kraftvolles Spätwerk aus Papier viel Beachtung

Die Hinwendung zur Abstraktion in der Kunst nach 1945 war der Versuch, dem Schock der Nazijahre mit einer neuen Formensprache zu begegnen. Alles war infrage gestellt, sogar das Existenzrecht der Kunst überhaupt. Am pointiertesten hat dies Theodor W. Adorno in seinem oft missverstandenen Satz formuliert, es sei »barbarisch«, »nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben«. Als Emil Cimiotti 1949 in Stuttgart ein Kunststudium aufnimmt, liest der Arbeitersohn die Schriften Adornos. Mehr noch aber prägt ihn die Begegnung mit Willi Baumeister, dem Übervater der neuen Kunst im Nachkriegsdeutschland. Er fördert den jungen Bildhauer, 1960 werden Cimiottis Arbeiten auf der Biennale von Venedig gemeinsam mit Bildern des verstorbenen Mentors gezeigt.
Cimiotti, der nun mit 92 Jahren verstorben ist, hat in fast sieben Jahrzehnten ein umfassendes bildhauerisches Werk geschaffen. Er gilt als Vertreter des plastischen Informel, doch wie so oft beschreiben solche Kategorisierungen die Essenz einer Kunst nur unzureichend. Im jahrtausendealten Wachsausschmelzverfahren, bei dem Form und Modell nach dem Gießen zerstört werden, hat er Unikate aus Bronze gefertigt, die ebenso amorph wie strukturiert sind, porös wie verfestigt, zeitlos wie durchdrungen vom Geist ihrer Zeit. Vor fünf Jahren hat der Künstler altersbedingt die körperlich fordernde Metallbildhauerei aufgegeben und nahtlos ein neues Medium für sich erschlossen: Papier. Noch immer geht er beinahe täglich in sein Atelier in Wolfenbüttel, sein Schaffensdrang ist ungebrochen.

Spätwerk aus Papier

Die Papierreliefs sind von auffallend leuchtender Farbigkeit, die es so intensiv in seinem Werk bislang nicht gab. In der Bearbeitung des Materials ist er ganz Plastiker geblieben – er reißt, knautscht, rollt und schichtet das Papier und formt daraus geometrische Figuren wie das Trapez, das Oval oder Partituren aus farbigen Streifen, die das Thema des Baumes variieren. Tritt man näher an die Reliefs heran, erkennt man, dass die Oberflächenbeschaffenheit an Holz erinnert. So als würde der Künstler sein Material an dessen Ursprung zurückführen, den Holzcharakter des Papiers herausarbeiten. In diesem lebendigen Alterswerk sticht besonders das tiefblaue Segel heraus, voller Knicke und Falten, als sei der Wind darübergefahren, ein monochromer Archetyp, der die Farbe des Meeres in sich aufgenommen hat. Die griechische Mythologie ist hier präsent, die ebenso wie die Philosophie Heraklits in Cimiottis Kosmos eine wichtige Rolle spielt.
Das Georg Kolbe Museum in Berlin hat Cimiotti 2018 mit einer großen Retrospektive geehrt, die danach im wiedereröffneten Edwin Scharff Museum in Neu-Ulm zu sehen war. Parallel zur Berliner Schau präsentierte die Galerie Haas einige Papier­reliefs und Bronzen. Michael Haas verbindet eine persönliche Beziehung mit Cimiotti, er studierte einst in Braunschweig Kunst bei ihm – ein Grund mehr für den Galeristen, den früheren Lehrer als einen der wichtigsten Bildhauer der Nachkriegsmoderne ins Bewusstsein zu bringen.