14.04.2020 Sebastian C. Strenger

„Der Markt wird insgesamt schwieriger werden“

Der international agierende Galerist Thaddaeus Ropac macht eine Bestandsaufnahme des Kunstmarkts in der Corona-Krise – und wirft einen Blick zurück auf die eigene Geschichte

Die Corona-Krise wirbelt den Kunstmarkt durcheinander. Noch weiß niemand, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Zeit für eine Bestandsaufnahme – und einen Blick zurück. Der Top-Galerist Thaddaeus Ropac (60) spricht mit unserem Autor Sebastian C. Strenger über Höhen und Tiefen der vergangenen 40 Jahre und gibt Hinweise auf die neuralgischen Punkte im System eines sich immer schneller verändernden Kunstmarkts.

Herr Ropac, Sie führen heute Galerien in Salzburg, Paris und London. Wie war die Situation, als Sie vor nahezu 40 Jahren angefangen haben?

Mein Vater handelte mit Rohleder. Damit konnte ich nur wenig anfangen. Aber in der Nähe von Lienz (Tirol), wo meine Mutter herkam, arbeitete ein österreichischer Bildhauer, der hieß Karl Prantl. In einem Steinbruch dort hat er minimalistische Skulpturen gemacht und interessierte Leute und Studenten dazu eingeladen, ihm zu helfen. Unter seiner Anleitung konnte sich jeder mal an einer Skulptur versuchen – und davon hatte ich gehört. Also habe ich mich da vorgestellt. 

Die Provinz als Impulsgeber? 

Ich stamme ja aus der Provinz – und Tirol ist einfach sehr inspirierend. Dazu kam dieser großartige Sommer 1981 mit Karl Prantl im Steinbruch. Dort habe ich Künstler kennengelernt und dann einfach aus einem Impuls heraus einen Ausstellungsraum gesucht, gefunden und bespielt. Ich hatte da nur 60 Quadratmeter. Es war auch weniger eine Galerie als vielmehr ein Projektraum. Aber es wurden immerhin fünf mehr oder weniger unprofessionell gestaltete Shows. Zu Hause ist das gar nicht gut angekommen. Mein Vater glaubte, das sei eine Laune, die vorübergeht, und sagte: „Das nächste Mal machst du dann mal was Richtiges.“ 

Er sollte sich täuschen. Was waren das denn für anfängliche Ausstellungen? Und haben Sie damit bereits Ihr erstes Geld verdient?

Damals bin ich nach Wien zu einem Vortrag von Joseph Beuys an die Hochschule für angewandte Kunst gefahren, da habe ich dann den Oswald Oberhuber kennengelernt. Er war dort Rektor. Ich erzählte ihm von meinem Ausstellungsraum in Tirol – und er war ja Tiroler. Er hat dann ziemlich spontan für eine Ausstellung zugesagt. Dabei war ich erst 21 Jahre alt und hatte damals noch gar nichts vorzuweisen. Arnulf Rainer hat mir damals Radierungen gegeben und so entstanden meine ersten drei Ausstellungen. Es folgten weitere Shows, unter anderem eine mit Maria Lassnig, Valie Export, Arnulf Rainer, Günter Brus, Rudolf Schwarzkogler – Künstlern des Aktionismus und der performativen Kunst. Valie Export hatte mir auf Anfrage drei Fotos dafür geschickt. Die Ausstellung damals hieß „Körperzeichen“. Das Publikum kam aus dem Ort, aber gekauft wurde nichts. Daher musste ich auch nachher noch alles alleine machen – die Bilder abholen, rahmen etc. Denn ich hätte zu der Zeit niemanden bezahlen können. War ich nicht da, war die Galerie geschlossen. Alles war selbstgemacht, unprofessionell – aber sehr ambitioniert.“

Wie war die österreichische Gesellschaft Anfang der Achtzigerjahre? Wie kamen die oft polarisierenden Bilder von Brus, Lassnig und Export damals an?

Schon sehr positiv. Ich erinnere mich: Es war ein sehr, sehr kleiner Kreis, der sich damals dafür interessierte. Es waren Leute, die man in Deutschland zum Bildungsbürgertum zählen würde: gebildet, belesen. Kunst war bei ihnen definitiv ein Thema. Nein, das war schon gut, da gab es keine Aufregung, keinen Skandal – gar nichts.

Und danach …?

1982 ging ich nach Deutschland, dann nach Amerika. Und 1983 eröffnete ich meine Galerie in Salzburg. Durch meine Amerika-Erfahrung – auch in der Factory mit Andy Warhol – war ich jetzt geschulter in kaufmännischen Dingen. Und die Verbindungen von dort, vor allem mit dem New Yorker Galeristen Leo Castelli, konnte ich nutzen, um mit wichtigen Künstlern wie eben Warhol, aber auch Rauschenberg, Basquiat und Jasper Jones Ausstellungen zu machen.

Konnten Sie diesmal Ihre Exponate verkaufen? 

Mein damaliges Publikum hat meine Ausstellungen schon sehr gemocht, aber oft doch nicht das Geld zum Kauf gehabt. Dennoch waren es sehr erfolgreiche Events. Die wirklichen Sammler kamen damals aus Deutschland. Ich erinnere mich an einen meiner ersten Kunden – das war der Industrielle Reinhold Würth. Der hat deutsche, österreichische und amerikanische Kunst gekauft. Auch der große Sammler Peter Ludwig kam einmal mit seiner Frau in meine Galerie, aber ich hab nie etwas an ihn weitergereicht. Wir haben uns dann nochmal in Köln gesehen. Das Rheinland war damals ja der wichtigste Ort für Zeitgenossen. Auf dem „Kölner Kunstmarkt“ war ich dann erstmals 1986 mit meiner Galerie vertreten. Das hat dann eine Regelmäßigkeit bekommen. Zwar habe ich die Art Cologne, wie sich die Messe später nannte, zwischenzeitlich auch mal aufgegeben, weil sie an Relevanz verloren hatte. Aber die Art Basel habe ich seit 1986 jedes Jahr gemacht. Und später auch deren Ableger in Miami und Hongkong – von Beginn an.

Thaddaeus Ropac (links) trifft auf David Hockney, eine Arbeit der Foto-Künstlerin Angelika Platen, Abbildung: Angelika Platen
Thaddaeus Ropac (links) trifft auf David Hockney, eine Arbeit der Foto-Künstlerin Angelika Platen, Abbildung: Angelika Platen

Sollten Sie einem jungen Sammler heute mit Ihrer Erfahrung etwas empfehlen – was wäre Ihre Goldene Regel? 

Etwas ganz Wichtiges gibt es, das ich jedem Sammler nahelegen würde. Und zwar: Man sollte weniger mit dem Ohr an die Sache rangehen – also weniger darauf hören, was einem von anderen gesagt wird. Man sollte vielmehr erst einmal selbst das Schauen lernen. Man kann sich in Museen umsehen. Man sollte auch lernen, die Kunst, die gerade entsteht, einzuordnen. Man muss dafür gar nicht Kunstgeschichte studieren und jeden Alten Meister kennen, aber man muss ein Gefühl dafür bekommen: Was bedeutet Kunst überhaupt in einer bestimmten Zeit? Es gilt, einen eigenen Geschmack zu finden. Dieses zu begreifen, hilft bei der Einschätzung, was gute Kunst ist.

Was wäre jetzt also die Strategie fürs Sammeln?

Natürlich gibt es Sammler, die mit einer Wunschliste ankommen, die irgendjemand für sie zusammengestellt hat – und die sammeln dann mal eben von oben bis unten. Ich habe so etwas immer mit Bedauern verfolgt. Uns interessiert diese Art Sammler auch gar nicht so sehr, denn wir möchten Beratung und Orientierung mitliefern. Man kann Kunst kaufen, die jemand empfiehlt. Aber man kann auch Kunst kaufen, die einen wirklich berührt. Da hat man als Sammler dann einen wesentlich größeren Schritt gemacht.

Möchte die junge Generation überhaupt noch sammeln? 

Da mache ich mir wenig Sorgen. Ich habe in meinen mehr als 35 Jahren im Kunstmarkt oft genug gesehen, wie die Kunst – vom Elfenbeinturm kommend – im Zentrum des Lebens gelandet ist. Wenn man heute mit Schülern spricht, so ist Kunst bereits Teil ihres Lebens. Es sind heute die Dreißigjährigen, die zum Beispiel Baselitz kaufen – aber auch den jüngeren Marc Brandenburg.

Wie sieht denn eigentlich Ihre Privatsammlung aus? 

Na ja, die ist schon sehr verwoben mit dem Galerieprogramm. Persönlich wollte ich allerdings immer nur Werke sammeln, die die jeweiligen Künstler gut beschreiben. Vor allem habe ich auch darauf geachtet, Arbeiten aus allen Perioden „meiner“ Künstler zu besitzen – von Duchamp, Beuys, Kiefer, Polke, Baselitz, Gilbert & George. Durch meinen privilegierten Zugang zu ihren Arbeiten – aber auch durch Ankäufe in Auktionen und bei Kollegen – konnte ich viele Lücken schließen. Arbeiten Imi Knoebels aus den Sechziger- bis Achtzigerjahren gehören ebenfalls zu meiner Kollektion. Bei Blinky Palermo kam ich leider zu spät. Von ihm besitze ich nur zwei Zeichnungen. Mir war es aber stets auch wichtig, das Ganze nicht zu breit werden zu lassen, damit die Sammlung keine Ansammlung wird.

Das Handy klingelt. Ropac führt ein Gespräch. Anschließend …

Es ging um Baselitz. Der hat ja im Herbst eine große Retrospektive im Centre Pompidou in Paris. Die Schau eröffnet am 18. Oktober. Und am Montagabend wäre jetzt der Termin für die Schlussbesprechung gewesen. Es handelt sich um die bislang wichtigste Baselitz-Retrospektive, mit allen wichtigen Werken aus 60 Jahren Arbeit. Also ganz, ganz toll.

Und Sie halten an dem Termin fest?

Ich bin ja nicht der, der das entscheidet. Wir hoffen, dass wir das bis dahin auf die Reihe kriegen. Das kann man jetzt aber noch nicht sagen.

Die Corona-Krise bringt nicht nur Unwägbarkeiten für die Planung mit sich, sondern auch fürs Geschäft …

Ja. Alles wird verschoben. Keine Galerie arbeitet mehr aktiv – weltweit. Wir müssen jetzt zunächst einmal schauen, dass alle unsere 100 Mitarbeiter gehalten werden können, und dass es den Künstlern in ihren Ateliers gut geht. Unsere größte Herausforderung ist derzeit, mit ihnen im ständigen Kontakt zu sein. Ein Mitarbeiter betreut dabei bis zu fünf Künstler. Aber auch das Content-Team hat viel zu tun mit dem Verschieben von geplanten Ausstellungen. Dabei fahren wir gerade auf Sicht und hoffen, dass die Welt sich vielleicht in drei Monaten schon wieder normalisiert hat.

Und die Messen?

Mit dem September-Termin der Art Basel haben wir jetzt erstmal eine gewisse zeitliche Entfernung zur Frieze London und Fiac Paris. Die Messen finden ja beide im Oktober statt. Dadurch können wir logistisch besser planen. Manchmal ist es aber auch besser, eine Messe ganz abzusagen. Beispielsweise fand ich es von der Frieze New York an sich ganz klug, nicht in den Herbst zu gehen wie die Frieze London, wo man sich selbst nur Konkurrenz gemacht hätte. 

Und wie sieht es mit der Planung in Ihren Galerien aus? 

Die nächste Ausstellung in London ist Emilio Vedova gewidmet. Für die Eröffnung war der 17. April vorgesehen: Es sollte um Vedova und eine Rekonstruktion der Documenta 1982 gehen – die erste Documenta, die ich selbst erlebt habe. Zu Vedova stand ich Zeit seines Lebens, nachdem ich ihn vor langer Zeit einmal in seinem Atelier in Venedig besucht habe, immer in Verbindung. Inzwischen haben wir gemeinsam mit dem Estate sehr viele Ausstellungen gemacht. Auch in wichtigen Museen haben wir Werke Vedovas platzieren können. Aber jetzt müssen wir all unsere Aktivitäten vorerst verschieben. Wir haben jährlich 30 bis 35 Ausstellungsprojekte. 

Für London wird zum Jahreswechsel dann der Brexit interessant – welchen Einfluss hat er auf Ihr Geschäft?

Ich denke, dass sich das gar nicht so sehr auswirken wird. Außer natürlich für unsere drei Standorte in Paris, die dort nach der Corona-Krise sicherlich weiter aufblühen werden. Denn der Zuzug von großen Händlern und Galerien aus London tut der französischen Metropole gut. Londons Bedeutung für den Kunstmarkt wird aber weiterhin groß bleiben. Allerdings – nach einem, wie es aussieht, harten Brexit – wird dort in Zukunft leider auch der administrative Aufwand groß sein.

Thaddaeus Ropac (rechts) mit „seinem“ Künstler Georg Baselitz, Abbildung: Thaddaeus Ropac
Thaddaeus Ropac (rechts) mit „seinem“ Künstler Georg Baselitz, Abbildung: Thaddaeus Ropac

Hat die derzeitige Krise vielleicht auch etwas Gutes? 

Wir restrukturieren uns – und kommen dann hoffentlich schon bald wieder gestärkt zurück. Vielleicht sind dann auch weniger Kunst-Spekulanten im Markt unterwegs. Die haben uns eigentlich noch nie interessiert. Wir haben es immer vermieden, an sie zu verkaufen. Aber man wird in Zukunft wohl noch viel genauer hinschauen müssen, wem man ein Werk gibt. Denn der Markt wird in den kommenden Monaten und Jahren insgesamt schwieriger werden. Glücklicherweise haben wir das Privileg, schon seit Jahren mit vielen großartigen Sammlern zusammenzuarbeiten.

Welchen Rat können Sie weitergeben?

Man muss ein Gefühl für seine Kunden entwickeln und diese entsprechend begleiten. Wichtig ist, dass sich jemand ehrlich und ernsthaft mit Kunst auseinandersetzt. Dann eröffnen sich neue Horizonte. Das zu erleben, war immer mein großes Glück.

Und für Galeristen?

Der Kontakt zu den Künstlern ist wesentlich – und Ehrlichkeit ihnen gegenüber. Das ist das Wichtigste, um durch schwierige Zeiten zu gehen. Für junge Galeristen gilt das doppelt. Ich habe geschäftlich auch mehrere dramatische Erfahrungen gemacht. Zunächst 1988, als der Kapitalmarkt zusammenbrach und sich dies sofort auf den Kunstmarkt auswirkte – das war damals ein Schock für mich. Aber mit Durchhalteparolen, Durchstehvermögen und vielen Mühen habe ich es damals zurückgeschafft – bis 1991 ein noch größerer Zusammenbruch folgte. Jedes Mal haben viele Galerien danach schließen müssen – auch 2008, nach der Pleite von Lehman Brothers. Einige sind aber immer auch gestärkt aus diesen Krisen rausgekommen. Da muss man einfach durch. Leider geht es nur so. 

Service

Galerie Thaddaeus Ropac

Paris, London, Salzburg

www.ropac.net

Dieser Beitrag erschien in

KUNST UND AUKTIONEN Nr. 6/2020