Kunsthandel

Tefaf – Ein Museum auf Zeit

Die Tefaf in Maastricht trotzt dem Coronavirus und lädt zur 33. Ausgabe der größten und schönsten europäischen Kunst- und Antiquitätenmesse

Von Alexandra Wach
06.03.2020

Auch diesmal belohnt der Weg zur Tefaf durch den nüchternen Vorort Randwyck mit jenen Kostbarkeiten, die man nun seit über drei Jahrzehnten verlässlich von Europas führender Kunst- und Antiquitätenmesse gewohnt ist. Wo sonst tummeln sich derart viele exqusite, und seltene Objekte wie hier? Und wo sonst würde etwa die Pariser Galerie Delalande das einzig bekannte Astrolabium in Elfenbein zum Verkauf anbieten?

Um Präzision geht es bei dem Astrolabium der Galerie Delalande – ein außergewöhnliches Stück, um 1480 in Deutschland entstanden und nach Recherchen der Experten für historische wissenschaftliche Instrumente das einzige mit einer Scheibe aus Elfenbein, Abbildung: Delalande, Paris
Um Präzision geht es bei dem Astrolabium der Galerie Delalande – ein außergewöhnliches Stück, um 1480 in Deutschland entstanden und nach Recherchen der Experten für historische wissenschaftliche Instrumente das einzige mit einer Scheibe aus Elfenbein, Abbildung: Delalande, Paris

Das auf 1480 datierte und in Augsburg angefertigte astronomische Instrument ist im Segment „Tefaf Antiques“ zu finden. Genau wie ein Diamantendiadem, das sich einst im Besitz von Lord Paget befand, dem bereits zu Lebzeiten der Ruf eines typisch britischen Exzentrikers vorausging. Der 5. Marquess of Anglesey spazierte mit weißen Pudeln durch die Straßen von Mayfair, erwarb Schmuck und Pelze und gab extravagante Partys. Seine privaten Theateraufführungen kosteten derart viel, dass er 1904 Konkurs anmelden musste. Guy Burton vom Londoner Schmuckhändler Hancocks erzählt: „Dies ist in jeder Hinsicht ein einzigartiges Stück. Der 5. Marquess war selbst nach damaligen Maßstäben ein sagenhaft extravaganter Charakter. Das schwarze Schaf seiner sehr angesehenen Familie. Wenn Juwelen sprechen könnten, hätte die von uns angebotene Tiara eine faszinierende Geschichte zu erzählen. Sie wurde zweifellos vom Marquess in seinen Produktionen getragen.“

Der Heilige Georg im Drachenkampf steht im Zentrum des sakralen Hochreliefs des Bamberger Kunsthandels Senger. Es stammt aus der Werkstatt oder dem Umkreis des spätgotischen Bildschnitzers Valentin Lendenstreich, davon zeugt die eindrucksvolle Plastizität der Figuren mit kantigem Faltenwurf und fast puppenhaften Zügen. Der gute Zustand und die weitgehend originale Farbfassung rechtfertigen einen sechsstelligen Preis. Abb. Senger Kunsthandel Bamberg.
Der Heilige Georg im Drachenkampf steht im Zentrum des sakralen Hochreliefs des Bamberger Kunsthandels Senger. Es stammt aus der Werkstatt oder dem Umkreis des spätgotischen Bildschnitzers Valentin Lendenstreich, davon zeugt die eindrucksvolle Plastizität der Figuren mit kantigem Faltenwurf und fast puppenhaften Zügen. Der gute Zustand und die weitgehend originale Farbfassung rechtfertigen einen sechsstelligen Preis. Abb. Senger Kunsthandel Bamberg.

Britischer Adel spielt derweil bei dem „Talbot-Beauchamp“-Stundenbuch am Stand von Dr. Jörn Günther Rare Books AG (Basel) eine Rolle, das seit acht Jahrzehnten nicht mehr auf dem Markt war. Zwar ist die illuminierte Handschrift um 1430 in Rouen entstanden. Ihr Auftraggeber aber war Sir John Talbot, der während des Hundertjährigen Krieges im Prozess gegen Johanna von Orléans auftrat.

Mehr Platz für neue Aussteller

Diesmal sorgt ein veränderter Grundriss dafür, dass die Zahl der Aussteller auf 280 wachsen kann; darunter finden sich 25 Debütanten. Der Bereich „Tefaf Modern“, der von Jahr zu Jahr schwergewichtige Namen hinzugewinnt, profitiert vom zusätzlichen Platz: Newcomer wie die Galleria Continua aus Italien bestücken hier zum ersten Mal ihren Stand mit moderner und zeitgenössischer Kunst, ebenso wie die britische Lisson Gallery, Mignoni aus den USA oder Yares Art, deren Spannbreite vom abstrakten Expressionismus bis zur Farbfeldmalerei reicht. Schon im vergangenen Jahr wurden die Segmente „Tefaf Design“ und „Tefaf Tribal“ überarbeitet. Jetzt bündeln sie ihre Kräfte, um möglichst viele Liebhaber etwa von Möbeln des französischen Art déco anzulocken, wie sie die Galerie Lefebvre mitbringt, oder von Stammeskunst aus Afrika und Ozeanien, auf die der Franzose Yann Ferrandin spezialisiert ist.

Antike Vasen und feinstes Porzellan

Auf die Präsentation von Händlern, die sich erst in der nahen Vergangenheit etabliert haben, setzt der Bereich „Tefaf Showcase“. Diesmal ist Plektron Fine Arts dabei: Die Schweizer Galerie hat eine frühe tyrrhenische Amphora im Gepäck, verziert mit Satyrn, Sirenen, Panthern und Mänaden. Vergleichbare Exemplare, heißt es von Seiten des Händlers, seien während der letzten 20 Jahre selten auf dem Markt gewesen. Dieses hier stammt aus der Pariser Sammlung Meyer. Der Preis liegt im sechsstelligen Bereich.

Das fragile Prachtstück von 1730 trägt einen englischen Namen: Miss Cadogan und ihr chinesisches Teekännchen gaben der Meissener Kanne in Pfirsichform, nach chinesischem Original, ihre ­Bezeichnung „Cadogan Teapot
Das fragile Prachtstück von 1730 trägt einen englischen Namen: Miss Cadogan und ihr chinesisches Teekännchen gaben der Meissener Kanne in Pfirsichform, nach chinesischem Original, ihre ­Bezeichnung „Cadogan Teapot". Die 14 Zentimeter hohe Preziose ist so rar, dass Langeloh Porcelain 60 000 Euro dafür verlangt und auf Referenzstücke etwa im Smithsonian Museum in Washington verweist, Abbildung: Langloh Porzellan, Weinheim

Im Herbst feierte der Porzellanhandel Langeloh sein 100-jähriges Bestehen. Friedel Kirsch, die heutige Inhaberin und Enkelin der Firmengründerin Elfriede Langeloh, ist ebenfalls zum ersten Mal dabei – unter anderem mit einem „Cardogan Teapot“, einer 60 000 Euro teuren Meissener Vexierkanne in Form eines Pfirsichs, die 1730 nach chinesischem Vorbild gestaltet wurde. In die Renaissance entführt die Pariser Galerie Les Enluminures mit einer Sonderausstellung von Juwelen, darunter eine sächsische Bandkette, wie man sie auf Gemälden von Lucas Cranach d. Ä. entdecken kann (152 000 Euro). Oder eine Perlmuttmedaille mit dem Porträt von König Heinrich IV. (41 000 Euro) und ein „Gimmel“-Ring, der nach dem Zweiten Weltkrieg der Sammlerdynastie Rothschild zurückgegeben wurde (253 000 Euro).

Die Objekte erzählen ihre Geschichte

Royalen Mehrwert verspricht schließlich das „Porträt von König Charles X in Krönungsrobe“ von 1825 am Stand der Londoner Stair Sainty Gallery. Gemalt wurde es von François Gérard, der ein Schüler von Jacques-Louis David war und sich als flexibler Kopf sowohl mit den Regenten der Französischen Revolution als auch mit Napoleon und den darauffolgenden Bourbonen zu arrangieren wusste. Und natürlich hat dieses Gemälde, das einst im Besitz hochgestellter Persönlichkeiten war und nun um die zwei Millionen Euro kosten soll, eine schillernde Historie, die es gern preisgibt – jedem, der das Gespräch mit dem Kunsthändler sucht.

Service

Messe

Maastricht Tefaf

MECC
7. – 15. März
www.tefaf.com

Dieser Beitrag erschien in

KUNST UND AUKTIONEN Nr. 3/2020