17.06.2019 Sebastian Preuss

Männerkopf mit Lorbeerkranz

Andrea della Robbia betört in der Londoner Daniel Katz Gallery mit einem Medaillon der Renaissance

Wer hier dargestellt ist, wissen wir nicht. Das Gesicht des Mannes ist markant und voller sinnlicher Ausstrahlung. Die festen Locken zeugen von jugendlicher Frische, während der Bart auf Reife und Erfahrung weist. Unverkennbar ist es ein antikisches Antlitz und bei aller lebensechten Sinnlichkeit wohl eher ein Typenbild. Der Lorbeerkranz weist den Mann als einen laureatus aus, einen preisgekrönten, hochverehrten Dichter oder Philosophen, vielleicht auch einen Maler, Bildhauer oder Architekten.

Andrea della Robbia, Männerkopf mit Lorbeerkranz, Terrakotta, Zinnglasur, Florenz, um 1492, Daniel Katz Gallery, Bild: Daniel Katz Gallery
Andrea della Robbia, Männerkopf mit Lorbeerkranz, Terrakotta, Zinnglasur, Florenz, um 1492, Daniel Katz Gallery, Bild: Daniel Katz Gallery

Zwei weitere Pendants aus der womöglich 18 Majolika-Medaillons umfassenden Serie sind bekannt, eines im Louvre, eines im Museo di Capodimonte in Neapel. Keines der drei erhaltenen Tondi gibt dem Dargestellten ein Attribut bei: Hier geht es nicht um die konkrete Tätigkeit, sondern ganz allgemein um die Kunst und die humanistische Gelehrsamkeit.

Innovative Terrakotten aus Familienbetrieb della Robbia

Wir befinden uns im 15. Jahrhundert, als der Rückgriff auf die Kultur der Antike ganz Italien erfasste und sich von Florenz aus eine neue, naturnahe Kunst entwickelte. Luca della Robbia, der Onkel unseres Künstlers, war einer der prägenden Bildhauer in der Frühzeit der Florentiner Renaissance. Sein Markenzeichen wurden Reliefs aus glasierter Terrakotta, meist im effektvollen Kontrast von Weiß und Blau. Der geniale Kunstgriff lag darin, dass Luca das Töpferhandwerk und die Zinnglasur der Fayence (oder Majolika, das ist das Gleiche) auf die Großskulptur übertrug. Rasch waren die bunt schimmernden Madonnen, die Fassadenreliefs oder sogar ganze Altäre überall gefragt. Als Luca 1481 starb, hatte sein Neffe Andrea bereits die Leitung des florierenden Betriebs übernommen; und auch den Stil zwischen sanften Heiligen und römisch wirkenden Figuren.

Entstehung und Provenienz 

Anfang der 1490er-Jahre lieferte Andrea della Robbia den Lorbeerkranzträger und seine Pendants nach Neapel, wo sich König Alfons II. auf Empfehlung der Medici von Giuliano da Maiano die Sommervilla Poggioreale errichten ließ. Die runden Majolika-Reliefs saßen zwischen den Bögen und über den Türen, wie es ein Besucher im späten 17. Jahrhundert beschrieb. Da war die Villa mit ihrem Bildprogramm, das die Kunst und die Gelehrsamkeit der Antike feierte, längst eine Ruine, die Ausstattung zerstört oder geplündert. Die beiden Laureaten in Paris und Neapel sind stark beschädigt. So war es fast ein Wunder, als der Florentiner Stefano Bardini kurz nach 1900 diese sehr gut erhaltene Büste aus dem Zyklus präsentierte. Wo er sie gefunden hatte, ist unbekannt, dafür weiß man, dass sie nach seinem Tod nach Amerika gelangte und dort verschiedenen Sammlern gehörte. Als das Stück vor zwei Jahren bei Christie’s in New York versteigert wurde, ­vervierfachte ein spannendes Bietgefecht die Schätzung. Wer damals nicht zum Zug kam, hat jetzt bei Daniel Katz die Gelegenheit zum Erwerb dieser bedeutenden Plastik.

Andrea della Robbia, Männerkopf mit Lorbeerkranz, Terrakotta, Zinnglasur, Florenz, um 1492, Daniel Katz Gallery, Bild: Daniel Katz Gallery
Andrea della Robbia, Männerkopf mit Lorbeerkranz, Terrakotta, Zinnglasur, Florenz, um 1492, Daniel Katz Gallery, Bild: Daniel Katz Gallery

Es ist kein kunsthistorisches Kriterium, aber gewiss ein Kaufanreiz: Für heutige Augen wirkt der Mann ziemlich erotisch, mit seinem Bart und der lässigen Frisur könnte er sich mühelos unter die Hipster in Berlin-Kreuzberg einreihen.

Service

Informationen im Überblick

Männerkopf mit Lorbeerkranz

Andrea della Robbia (1435–1525)

Florenz, um 1492
Terrakotta, Zinnglasur
Durchmesser: 41 cm

Daniel Katz Gallery
6 Hill Street
London W1J 5NF
+44 20 7493 0688

1,6 Millionen Euro

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST 158/2019