05.09.2017 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist sieht ein Foto

Auf den ersten Blick scheint es wenig, was dem Leiter der Serpentine Gallery ins Auge fiel, aber dieser Star war „bigger than life“

Ein Foto?

Ja, ich habe mir gerade ein Foto von Jeanne Moreau angesehen, das ich vor sechs Jahren von ihr gemacht habe.

Die Schauspielerin Jeanne Moreau, Grande Dame der Nouvelle Vague, ist vor Kurzem mit 89 Jahren gestorben.

Sie war, wie man auf Englisch so schön sagt, larger than life. Ich habe sie über den Schauspieler Melvil Poupaud kennengelernt, einen Freund aus meiner Pariser Zeit. Vor zwölf Jahren spielte er in dem Film „Die Zeit, die bleibt“ von François Ozon die Hauptrolle; einen Modefotografen, der früh stirbt. Jeanne Moreau spielte seine Großmutter. Melvil hat uns damals vorgestellt, und von da an haben wir ziemlich regelmäßig telefoniert.

Längere Telefonate? 

Ja, und es ging auch immer darum, noch mehr Zeit zu finden und einen Ort, an dem wir uns für ein längeres Gespräch treffen könnten. Jeanne Moreau war selbst in ihrem hohen Alter so beschäftigt, dass es zwei oder drei Jahre gedauert hat, bis es schließlich klappte. Sie hat ja nicht nur Filme gedreht, sie war am Theater, hat gesungen, Workshops gegeben. Sie hatte einfach keine Zeit!

Wo hat das Interview schließlich stattgefunden?

In der Brasserie Wepler am Place de Clichy, die ganz in der Nähe ihrer Wohnung lag. Durch unsere zahlreichen Telefonate hatten wir beide das Gefühl, uns schon zu kennen, als wir uns trafen. Das Gespräch wurde in der Zeitschrift Another Magazine veröffentlicht und war Teil von Francesco Vezzolis 24-Stunden-Projekt für die Fondazione Prada. Es ist mir aus mehre-ren Gründen lebendig in Erinnerung. Wir haben uns zunächst über ihre Zusammenarbeit mit so legendären Regisseuren wie Louis Malle unterhalten …

… mit dem sie unter anderem „Fahrstuhl zum Schafott“ drehte.

Dann erwähnte ich, dass sie mir bei einem unserer Telefonate erzählt hatte: Im Leben einer Schauspielerin oder eines Schauspielers seien die Rollen, die man nicht spielt, genauso wichtig wie die Angebote, die man annimmt. Sie sagte: „Ich bereue nie, bestimmte Rollen nicht angenommen zu haben.“

Jeanne Moreau
Jeanne Moreau (Foto: Hans Ulrich Obrist)

Aber beschäftigt hat sie sich offenbar doch damit?

Sie erzählte, ich zitiere jetzt aus der Abschrift des Interviews: „Der amerikanische Film, in dem er mit der Mutter und der Tochter schläft, der Film mit Dustin Hoffman …“

„Die Reifeprüfung“?!?

Ja, sie hat tatsächlich die Rolle der Mrs. Robinson abgelehnt, die Simon & Garfunkel besungen haben.

Warum? 

Sie war, so hat sie es mir erzählt, „schockiert von der Vorstellung“ dieser Dreiecksbeziehung. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass daraus ein guter Film werden könnte. Es ging noch weiter: „Ich habe die Rolle der fiesen Krankenschwester in einem Irrenhaus abgelehnt, in dem Film mit Jack Nicholson.“ Sie meinte natürlich „Einer flog übers Kuckucksnest“.

Eine überaus amüsante Art, über Filme zu reden.

Ich habe sie selbstverständlich gefragt, ob es noch andere bekannte Filme gab, die sie hätte drehen können, aber abgelehnt hat, und ihre Antwort war: „Spartakus“.

Einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Warum hat sie abgelehnt?

Die Begründung ist typisch Moreau: „Der Typ schlief einfach mit jeder, wie hieß er noch gleich? Sein Sohn ist später auch ein Star geworden.“ Sie redete von Kirk Douglas und seinem Sohn Michael. Das Interview mit ihr ist mir aber vor allem aus einem anderen Grund unvergesslich. Als unser Gespräch zu Ende war, fragte sie mich: „Wo ist eigentlich der Fotograf?“ Es gab allerdings gar keinen Fotografen. Das war mir so peinlich, dass ich mein iPhone rauszog und einfach anfing, sie damit zu fotografieren.

Wie hat sie reagiert?

Sie hat sich meine Bemühungen eine Weile angesehen und kommentierte trocken: „So macht man das übrigens nicht.“ Dann erklärte sie mir, worauf man bei einem guten Porträt achten muss. Seitdem fotografiere ich alle meine Freunde, und die Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster ist derzeit -dabei, aus diesen Fotos ein Buch zu machen. All das verdanke ich nur Jeanne! Daran habe ich gedacht, als ich mir das Foto von ihr noch einmal angesehen habe.

Und wofür interessieren Sie sich derzeit noch außerhalb der Kunstwelt?

Ich lese Homo Deus von Yuval Noah Harari, das sich zwar mit der Zukunft beschäftigt, aber sich den großen Fragen der Gegenwart stellt. In Deutschland ist es bei C.H. Beck erschienen. Großartig!