30.05.2017 Christoph Amend

Hans Ulrich Obrist in Italien

Die Venedig-Biennale mit interessanten Pavillons aus Antigua und des Irak sowie einer großartigen Ausstellung des Künstlers Wade Guyton im Madre Museum in Neapel.

Was haben Sie geehen, Herr Obrist?
Italien. Ich war auf Rundreise dort, habe Venedig, Neapel und Mailand besucht. Vielleicht fangen wir mit der Biennale in Venedig an, wobei ich sagen muss: Die beste Ausstellung ist in Neapel.

Ein guter Cliffhanger für das Ende dieses Gesprächs.
Ja. Es ist bereits viel über die Biennale berichtet worden, über die zentralen Pavillons innerhalb der vollen Giardini …

… etwa über die deutsche Gewinnerin des Goldenen Löwen, Anne Imhof …
… sodass ich dachte, wir reden über die Pavillons an der Peripherie, die nicht so im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Weil es innerhalb der Giardini so dicht ist, ist ja längst die ganze Stadt Venedig selbst zum Austragungsort geworden. Es kann ja auch niemand ernsthaft rechtfertigen, dass nur die wenigen Länder, die immer schon ihre Pavillons innerhalb der Giardini hatten, ausstellen dürfen.

Welche Pavillons haben Sie besonders begeistert?
Einer der interessanteste ist aus Antigua.

Das Land nimmt zum ersten Mal an der Biennale teil.
Viele haben den verpasst, aber der Besuch lohnt sich! Der Pavillon ist ganz klein, liegt auf einer ebenso kleinen Insel und zelebriert den vor acht Jahren verstorbenen Künstler Frank Walter. Er hat in extremer Armut gelebt, er war das Kind eines Sklavenbesitzers und einer Sklavin, eine zerrissene Identität. Er ist in den Fünfziger- und Sechzigerjahren viel nach Europa gereist, ist heftigem Rassismus begegnet und hat sich anschließend auf dem Land in Antigua intensiv mit Landwirtschaft und Fragen der Ökologie auseinandergesetzt. Er war ein Pionier. Und er hat über 5000 Bilder gemalt! Ein unglaubliches Werk, das bislang nicht zu sehen war. Er hat auch Gedichte geschrieben, fast alle Künste betrieben: Er war der Leonardo da Vinci von Antigua.

Die Ausstellung heißt passenderweise „The Last Universal Man“. Was haben Sie noch gesehen?
Von dort ging mein Spaziergang weiter zum Pavillon des Irak. Im Auftrag der Ruya Stiftung haben Tamara Chalabi und Paolo Colombo die Ausstellung „Archaic“ kuratiert, die vom Einfluss des alten Mesopotamien auf unsere Kunst heute erzählt. Sie präsentieren einerseits irakische Künstler der Moderne, die wegen der Kriege vergessen sind. Den einflussreichsten von allen, Jewad Selim, der von 1919 bis 1961 gelebt hat, und seinen Schüler Shakir Hassan Al Said, der 2004 gestorben ist. Andererseits ist die heutige Generation von irakischen Künstlern zu sehen, von denen viele durch die Kriege vertrieben mittlerweile in Europa leben, Sadik Kwaish Alfraji etwa in den Niederlanden, Nadine Hattom in Deutschland. Ein weiterer unglaublicher Pavillon war Taiwan: der Performance-Künstler Tehching Hsieh und seine Ausstellung „Doing Time“. Sein Werk hatte einen wichtigen Einfluss auf Marina Abramović. Seine Performances dauern oft ein ganzes Jahr, er ist wirklich radikal. Ach, und bevor wir über Neapel reden, noch ein Tipp: Die V-A-C Foundation zeigt in Venedig über 100 Arbeiten von russischen Avantgarde-Künstlern der Zwanziger- und Dreißigerjahre und stellt sie in einen Dialog mit Bildern von zeitgenössischen Künstlern wie ­Barbara Kruger und Wolfgang Tillmans.

Titel der Ausstellung
Titel der Ausstellung "Siamo Arrivati", gleichnamiger Slogan, mit dem McDonalds Werbung gemacht hat (Foto: Ron Amstutz/Wade Guyton)

Und zum Schluss: Neapel!
Das Madre Museum zeigt eine großartige Ausstellung des amerikanischen Künstlers Wade Guyton, geboren 1972, er lebt in New York. Guyton arbeitet nicht mit dem Pinsel, er malt, wenn man so will, mit Scannern und Druckern. Er stellt im dritten Stock des Museums Arbeiten aus, die während seiner Residency in Neapel entstanden sind. Schon jetzt eine der Ausstellungen des Jahres. Der Titel „Siamo Arrivati“, auf Deutsch: „Wir sind angekommen“, verwendet den Slogan, mit dem McDonald’s die Eröffnung neuer Restaurants beworben hat.

Und was beschäftigt Sie außerhalb der Kunstwelt?
Ich lese gerade „Climate of Hope“, geschrieben vom früheren New Yorker Bürgermeister und Unternehmer Michael Bloomberg und dem Umweltaktivisten Carl Pope. Die beiden erklären ganz konkret, wie wir das Klima retten können, was zu tun ist.