Berlinische Galerie

Immer für einen Skandal gut

Eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie zeigt, was der Maler Lovis Corinth der Stadt Berlin verdankt

Von Tim Ackermann
03.11.2026
/ Erschienen in Weltkunst Nr. 262

Im Sommer 1902 ist Lovis Corinth monumental verliebt: Während eines Ostseeurlaubs malt er seine Schülerin Charlotte Berend auf einer Leinwand, die imposante 1,78 Meter in der Höhe misst. Die 22-jährige Tochter einer Berliner Kaufmannsfamilie steht so in ungefährer Lebensgröße am linken Bildrand. Sie trägt Hut und ein nachtblaues Kleid, ihre Augen lächeln sanft ihrem Publikum zu, während sie in selbstbewusster Geste in der Hand ein rosa Band hält, das am Nasenring eines Stiers befestigt ist. Man meint, dass die junge Frau das Tier nicht über eine Wiese, sondern durch die Manege führt.

Der Stier ist natürlich der Maler selbst, dem Selbstironie und Selbstinszenierung nicht fremd sind. Sein immenser Liebesbeweis nimmt im Frühjahr 1903 bei der siebten Kunstausstellung der Berliner Secession eine Menge Wandplatz ein. Corinth macht mit „Der Stier” gewissermaßen seine Beziehung zu Berend offiziell. So wird das Bild, natürlich, zur Attraktion. Heiraten werden die beiden erst ein Jahr später.

In unserer Gegenwart hat die Hamburger Kunsthalle das heute „Mädchen mit Stier” betitelte Werk an die Berlinische Galerie verliehen, die gerade eine große Lovis-Corinth-Schau zeigt. Das Bild ist besonders interessant, weil es einige Entwicklungen des Malers aufzeigt: Zum Beispiel sieht man im Hintergrund an Bäumen und Häusern den flirrenden Pinselstrich, den er sich erst kurz zuvor angeeignet hatte. Der Berliner Impressionismus um Max Liebermann und Walter Leistikow dürfte ein Einfluss gewesen sein. Gleichzeitig beweist Corinth hier sein Talent als Porträtkünstler – das ihm in Berlin einige Aufträge bescheren wird. Beim ebenfalls ausgestellten „Porträt Frau Douglas (Irma Hübner)” aus dem Jahr 1909 reicht ihm das fein ausgeführte Gesicht der Dargestellten, um ein charaktervolles Werk zu erzeugen. Den Rest der Leinwand füllt er mit Andeutungen in wirbelnden farbigen Strichen.

Zu guter Letzt belegt „Mädchen mit Stier” auch noch die These der aktuellen Ausstellung, dass Berlin für Corinth zur Stadt des späten Glücks wird. Er ist schon 41 Jahre alt, als er 1900 bei der zweiten Schau der Berliner Secession mit seinem Bild „Salome II” einen Skandal erzeugt, der ihm zum Durchbruch verhilft. Corinth lebt da noch in München, aber 1901 kommt er dauerhaft nach Berlin. Hier eröffnet er in seinem Atelier eine Malerschule, Berend bewirbt sich bei ihm, er gründet mit ihr eine Familie – unterstützt seine Frau aber auch in ihren beruflichen Ambitionen: In der Berlinischen Galerie ist jetzt die Ölstudie ihres heute verschollenen Gemäldes „Die schwere Stunde” von 1908 zu sehen, das schonungslos eine Frau bei einer schmerzhaften Geburt zeigt.

Während Corinths eigene Karriere in Berlin Fahrt aufnimmt, unterrichtet er auch zahlreiche Schülerinnen und Schüler. Das ist ein selten beachteter Aspekt, dem die Berlinische Galerie ein eigenes Kapitel widmet. Und ebenso werden in der Schau die Verbindungen des Malers ins Theatermilieu neu beleuchtet: Denn neben den berühmten Porträtbildern von Schauspielerinnen wie „Gertrud Eysoldt als Salome” zeigen die Kuratorinnen Stefanie Heckmann und Janina Nentwig auch kaum bekannte Zeichnungen mit Kostümentwürfen, die Corinth 1903/1904 für Max Reinhardts Inszenierung von Lessings „Minna von Barnhelm” anfertigte. Wer also meint, alles über den Maler zu wissen, wird in dieser Ausstellung einige Überraschungen erleben.

Service

Infos zur Ausstellung

„Lovis Corinth. Dann kam Berlin!”

Berlinische Galerie,

bis 25. Januar 2027;

Am 20. November findet dort ein Live-Podcast der Weltkunst zur Ausstellung statt: „Was macht die Kunst?”

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