Die Kunsthalle München zeigt in einer großen Schau, wie Barcelona um 1900 Anschluss an die europäische Avantgarde fand – und doch eigene Wege ging
Von
28.10.2026
/
Erschienen in
Weltkunst Nr. 261
Barcelona ist anders. Das klingt wie ein abgedroschener Slogan aus der Tourismuswerbung, und tatsächlich braucht man in die Metropole am Mittelmeer keine Urlauber mehr zu locken. Vor allem Antoni Gaudí zieht die Menschen an, im 100. Todesjahr des kauzig-genialen Architekten in nie da gewesenem Ausmaß, deshalb kommt in der Sagrada Família, seinem Opus magnum, keine Seele mehr zur Ruhe. Doch das „Anderssein“ passt schon, nicht nur mit Blick auf Gaudí. Es betrifft den katalanischen Modernisme an sich, der nun in der Kunsthalle München und danach im Museum Barberini in Potsdam groß vorgestellt wird – erstmals in Deutschland.
Wobei das nicht ganz stimmt. Maler wie Ramon Casas, Santiago Rusiñol oder Hermen Anglada Camarasa waren mit ihren Werken um 1900 mehrmals in Berlin, München und Köln präsent und wurden wohlwollend besprochen. Sogar von einer geglückten Imitation Angladas durch Wassily Kandinsky ist zu lesen. Das war’s dann allerdings, die katalanische Variante des Jugendstils oder des Art nouveau geriet nicht nur hierzulande, sondern auch daheim in Vergessenheit. Selbst der 1926 völlig verarmt verstorbene Gaudí wurde erst in den Fünfzigerjahren wieder beachtet und rehabilitiert.
Nur Pablo Picasso ist nie von der Bildfläche verschwunden. Dass er aus Barcelona weit mehr als die fundierte Ausbildung mit nach Paris genommen hat, wird gern unterschlagen. Dabei wirkte der Austausch in den Kreisen um den brillanten Netzwerker Rusiñol nachhaltig: Picasso kopierte dessen Arbeiten, hatte seine ersten Ausstellungen in Barcelona und behielt genauso die Eindrücke der Straße im Gedächtnis. Seine „Demoiselles d’Avignon“ mögen 1906 auf dem Montmartre entstanden sein, der Titel bezieht sich dagegen nicht auf die Stadt in Südfrankreich, sondern eher auf die Carrer d’Avinyó in Barcelona, wo es ein Bordell gab.
Für den katalanischen Modernisme spielt Paris dennoch eine entscheidende Rolle. Nicht nur Rusiñol und Casas verkehrten dort seit den 1880er-Jahren in der Künstlerszene. Man schulte sich natürlich am Impressionismus, laborierte mit dem Montmartre-Mythos und seiner kreativen Weltläufigkeit, um nach der Rückkehr doch eigene Wege zu gehen. Jeder für sich. Es gab keinen einheitlichen Stil, man traf sich aber zum Austausch im Els Quatre Gats, dem Café der Boheme in Barcelona, oder auch im Fischerdorf Sitges südwestlich der Stadt.
Dort hatte sich der betuchte Rusiñol sein Atelierhaus Cau Ferrat eingerichtet, und das Gemisch aus gesammelten Antiquitäten, Malerei und Skulptur sämtlicher Epochen, Kunsthandwerk sowie aktuellen Arbeiten der Kollegen sagt viel über die Voraussetzungen des Modernisme. Man hatte die Vergangenheit abgespeichert, doch der Aufbruch war unübersehbar. Dass Rusiñol sein Domizil 1894 mit der feierlichen Überführung von zwei Gemälden El Grecos eröffnete und dessen Wiederentdeckung maßgeblich vorangetrieben hatte, war ein deutliches Zeichen. Zum einen, weil der Meister des spanischen Manierismus mit seinem kühnen Vertikalzug bald zum Heroen der Avantgarde werden sollte, zum anderen, weil er für die Verbindung zur alten Kunst bürgte.
Rusiñol selbst machte dann durch eine Reihe farbintensiver Gartenbilder von sich reden. In turbulenten und von Umbrüchen geprägten Jahrzehnten sind es Sehnsuchts- und Rückzugsorte zugleich, meistens etwas vernachlässigt, aber heute, in Zeiten des Klimawandels, entwickeln sie eine geradezu poetisch-melancholische Anziehungskraft.
Genauso darf man die Landschaften Joaquim Mirs als Gegenentwurf zu einem nervenzehrend laut gewordenen Leben in der Stadt begreifen. Mir konzentrierte sich von 1900 an auf die noch halbwegs unberührte Natur Mallorcas und fand durch die Kontraste zwischen Wasser und Felsen zu einer sehr eigenen, stellenweise bizarren Bildsprache. Eine geografisch präzise Wiedergabe interessierte ihn nicht, vielmehr ging es um den subjektiven Eindruck, den ein Abgrund oder eine Wiese bei ihm hinterließ. Anders als die französischen Impressionisten überführte er nicht das Licht, sondern die Form in Farbe. Das ist auch im Hinblick auf die Abstraktion eine erstaunliche Variante, die mehr Beachtung verdient.
Noch so ein Dompteur der Farbe ist Hermen Anglada Camarasa. Zunächst hatte das Nachtleben in Paris seine Themen bestimmt, 1904 weckte eine Reise nach Valencia in ihm plötzlich Begeisterung für die Bräuche der dortigen Landbevölkerung. Doch nicht im Sinne einer Genremalerei oder eines realistischen Dokumentierens. Anglada ließ sich von den Trachten und ihren Mustern zu einer bildumfassenden Ornamentierung anregen. Sein der Fantasie entsprungener Ästhetizismus kam beim französischen Publikum gut an und fügt sich im Grunde am besten in die europäischen Strömungen der Zeit.
Der an sich politische Ramon Casas ist mit seinen Bildern dagegen ganz von dieser Welt: Nolens volens zum Maler der Schönen und Reichen avanciert, stattete er den noblen Círculo del Liceo neben dem Gran Teatre mit einem außergewöhnlichen Gemäldezyklus aus und überschritt dabei Konventionen. Herausfordernd lasziv posierte seine spätere Ehefrau auf einem zentralen Porträt, und die einfachen Modelle von der Straße wurden im Círculo zu Stilikonen einer neuen Ära.
Aber auch die Not der einfachen Fabrik- und Hafenarbeiter blieb dem Künstler nicht verborgen, Casas war in jungen Jahren genauso zur Stelle, wenn die Massen protestierten oder eine Bombe hochging. Und in der Tat war die Stimmung hochexplosiv. Die rasante Industrialisierung hatte die Stadtplaner zur Erweiterung Barcelonas, dem Eixample, gezwungen. Dort boten die neuen Boulevards dem wohlhabenden Bürgertum freilich auch den Raum, sich zu präsentieren. Gaudí und seine Kollegen Lluís Domènech i Montaner und Josep Puig i Cadafalch realisierten im Eixample nicht nur individuelle Wohnträume, sie schufen grandiose Gesamtkunstwerke. Und gerade Gaudí fasziniert bis heute durch eine alles umfassende Planung, von der Fassadengestaltung bis zum Wasserhahn.
In der Schau begnügt man sich mit Mobiliar und Entwürfen, für die Bauten muss man weiterhin nach Barcelona pilgern. Doch die Malerei des Modernisme dürfte in dieser Fülle und Qualität auch in Katalonien kaum an einem Ort zu sehen sein.
„Barcelona Moderna. Von Gaudí bis Picasso”,
Kunsthalle München,
bis 21. Februar 2027;
Museum Barberini, Potsdam,
20. März bis 20. Juni 2027