Interview mit Lorenzo Agius und Izzy Weissgerber

„Wenn man eine Zusammenarbeit eingeht, muss man die Kontrolle abgeben“

Anlässlich des Gallery Weekend Berlin zeigen Lorenzo Agius und Izzy Weissgerber ihre erste Kollaboration in der St. Elisabeth-Kirche. Wir sprachen mit ihnen über Instagram-Bekanntschaften, Kontrollabgabe und die Macht der Farbe

Von Kira Breitbach
29.04.2026

Für dieses Projekt treffen zwei künstlerische Welten aufeinander: die farbintensive, lebendige Bildsprache von Izzy Weissgerber und die Porträtfotografien von Lorenzo Agius. In der gemeinsamen Ausstellung verschmelzen die Ansätze der beiden Kunstschaffenden zu einer Serie von insgesamt 18 Werken, in denen Stars zu modernen Heiligen stilisiert werden. Als Grundlage dienen Porträts aus Agius’ langjähriger Karriere, die Weissgerber in ihren poppigen und bewusst schrillen Stil überführt – und ihnen so eine neue, zeitgenössische Bedeutung verleiht.

Sie beide haben sich international erfolgreiche Karrieren in zwei unterschiedlichen Medien aufgebaut. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? 

Lorenzo Agius: Ich war in den Sozialen Medien unterwegs, und da tauchte dieses eine Bild auf, das Izzy gemacht hatte, und ich dachte: Wow, das ist unglaublich, ich muss mehr über diese Person herausfinden. Also folgte ich ihr und schrieb ihr auf Instagram. So haben wir uns kennengelernt. Das ist wahrscheinlich das Beste, was mir je auf der Plattform passiert ist. 

Izzy Weissgerber: Nachdem Lorenzo mir geschrieben hatte, dachte ich: Okay, schauen wir uns ihn mal an. Ich war so beeindruckt von seiner Arbeit, dass ich ihm sofort zurückgeschrieben habe. 

LA: Es war ein bisschen seltsam, dass es so rasch ging, denn man erwartet im Leben nicht, dass Dinge so schnell passieren, aber es hat einfach funktioniert.

Werk „Jack Nicholson“ aus dem Jahr 2026 von Izzy Weissgerber
Jack Nicholson, 2026 © Izzy Weissgerber

Ihre Arbeiten entstanden nicht parallel, sondern nacheinander. Lorenzo Agius, Sie fotografieren, und Sie, Izzy Wessgerber, arbeiten auf der Grundlage dieser Fotos. Wie kann man sich diesen künstlerischen Dialog vorstellen?

IW: Immer, wenn ich ein Bild von jemandem sehe, weiß ich sofort, welche Farben ich verwenden werde. Und dies war auch der Fall bei den 18 Ikonen, die ich porträtiert habe. Ich mache das schon seit über 20 Jahren. Ich habe Synästhesie, jedes Werk ist für mich ein Portal und es hat seine eigene Frequenz. (Anm. d. Red.: Synästhesie ist ein neurobiologisches Phänomen, bei dem Sinne gekoppelt sind und Reize simultan mehrere Wahrnehmungen auslösen, etwa Farben beim Hören von Musik oder Tönen) Die Farben haben eine eigene Sprache. Das Wunderbare an dieser Zusammenarbeit und der Ausstellung ist, dass man Lorenzos Originalfoto neben meinem Gemälde sieht, so kann man wirklich in diese Welten eintauchen. 

LA: Es ist auch eine Reise. Das Bild von Ewan McGregor habe ich vor 30 Jahren aufgenommen. Es ist ein berühmtes Bild aus dem Film „Trainspotting“. Izzy hat es geschafft, ihren eigenen Stil, ihre eigene Technik und Energie in dieses Foto einfließen zu lassen. Das bringt meine Arbeit in eine zeitgenössische Kunstform.

Porträt von Ewan McGregor aus dem Jahr 2003
Ewan McGregor, 2003 © Lorenzo Agius

Herr Agius, erinnern Sie sich an den ersten Moment, als Sie eines Ihrer Fotos in Izzy Weissgerbers Werk gesehen haben? 

IW: Ewan McGregor war das Erste. 

LA: Izzy hat mir immer ihre Skizzen mit ihren Farbvarianten geschickt. Das war das erste Mal, dass ich meine Arbeit in ihrem Stil gesehen habe, aber es war noch nicht das fertige Werk, das kam natürlich erst viel später. Erst wenn man das Werk in echt sieht, kann es wirken, denn die Bilder haben Leben. Da war ich wirklich überwältigt. 

IW: Auf meinen Skizzen sieht man weder die richtige Farbe noch die Struktur der Bruchtechnik, für die ich bekannt bin. In Wirklichkeit sind die Werke dreidimensional. 

Izzy Weissgerber
Ewan McGregor, 2026. © Izzy Weissgerber

Gab es Momente, in denen Sie von der Arbeit des anderen überrascht waren? 

LA: Ja, ständig. Wenn man eine Zusammenarbeit eingeht, muss man die Kontrolle abgeben. Izzy sollte das Foto auf ihre eigene Weise interpretieren können. Man muss loslassen und es dieser Person anvertrauen, damit sie es aufgreifen und noch magischer machen kann. Aber ich habe keine Sekunde lang gedacht, dass es mir nicht gefallen würde. 

War es leicht, loszulassen? 

LA: Als Fotograf bin ich sehr kontrollierend und nehme meine Arbeit äußerst ernst, wie wahrscheinlich alle Künstler. Das Einzige, worum ich Maler immer beneide, ist ihre Bereitschaft, einfach loszulegen, alle Vorsicht über Bord zu werfen und diese Freiheit zu haben. Ich versuche, das auch in meiner Fotografie anzuwenden; einfach in Bewegung bleiben, den Fluss aufrechtzuerhalten. Aber manchmal muss man dabei auch seine eigenen Ideen loslassen. 

IW: Es ist gut, dass Lorenzo so kontrollierend ist, denn es gab bestimmte Porträts, die ich nicht ausgewählt hatte. Er sagte: Komm schon, lass uns noch dieses Bild nehmen, ich liebe es wirklich. Ich bin froh, dass Lorenzo mich in eine andere Richtung gedrängt hat. So entstand eine Symbiose, eine perfekte Mischung beider Energien. Ich verwende in meiner Arbeit viele Pastellfarben, und Pastelltöne mit 24-Karat-Gold – das war genau das Richtige für mich. Und Lorenzo war auch voll und ganz dabei. 

LA: Eines der Bilder, dass wir eigentlich nicht nehmen wollten, war das von Keith Richards. 

IW: Das ist nun mein bestes Bild, mein Lieblingsbild! 

LA: Dieses Bild ist wirklich elektrisierend, es steckt so viel Energie darin. Wir alle müssen offen dafür sein, unsere Denkweise zu ändern und nicht immer so festgefahren zu sein. Denn nur dann kann man etwas Großartiges schaffen. 

Porträt von Keith Richards
Keith Richards, 2026 © Izzy Weissgerber

Was schätzen Sie an Ihrer eigenen Arbeit am meisten? 

IW: Die Energie und wie die Leute reagieren, wenn sie meine Arbeit sehen, dass sie wirklich fasziniert sind. Es macht mich glücklich, denn alles, was ich tue, soll Menschen glücklich machen. Meine Kunst soll einen Raum erhellen und den Menschen auf die positivste Art und Weise Energie geben.

LA: Mir geht es genauso. Wenn ich porträtiere, versuche ich in die Tiefe zu gehen. Ich versuche, die Energie einzufangen, sei es Traurigkeit, Glück oder Freude. Sobald man das eingefangen hat, weiß man, dass man ein fantastisches Porträt hat. 

Nächste Seite