Anlässlich des Gallery Weekend Berlin zeigen Lorenzo Agius und Izzy Weissgerber ihre erste Kollaboration in der St. Elisabeth-Kirche. Wir sprachen mit ihnen über Instagram-Bekanntschaften, Kontrollabgabe und die Macht der Farbe
ShareFür dieses Projekt treffen zwei künstlerische Welten aufeinander: die farbintensive, lebendige Bildsprache von Izzy Weissgerber und die Porträtfotografien von Lorenzo Agius. In der gemeinsamen Ausstellung verschmelzen die Ansätze der beiden Kunstschaffenden zu einer Serie von insgesamt 18 Werken, in denen Stars zu modernen Heiligen stilisiert werden. Als Grundlage dienen Porträts aus Agius’ langjähriger Karriere, die Weissgerber in ihren poppigen und bewusst schrillen Stil überführt – und ihnen so eine neue, zeitgenössische Bedeutung verleiht.
Lorenzo Agius: Ich war in den Sozialen Medien unterwegs, und da tauchte dieses eine Bild auf, das Izzy gemacht hatte, und ich dachte: Wow, das ist unglaublich, ich muss mehr über diese Person herausfinden. Also folgte ich ihr und schrieb ihr auf Instagram. So haben wir uns kennengelernt. Das ist wahrscheinlich das Beste, was mir je auf der Plattform passiert ist.
Izzy Weissgerber: Nachdem Lorenzo mir geschrieben hatte, dachte ich: Okay, schauen wir uns ihn mal an. Ich war so beeindruckt von seiner Arbeit, dass ich ihm sofort zurückgeschrieben habe.
LA: Es war ein bisschen seltsam, dass es so rasch ging, denn man erwartet im Leben nicht, dass Dinge so schnell passieren, aber es hat einfach funktioniert.
IW: Immer, wenn ich ein Bild von jemandem sehe, weiß ich sofort, welche Farben ich verwenden werde. Und dies war auch der Fall bei den 18 Ikonen, die ich porträtiert habe. Ich mache das schon seit über 20 Jahren. Ich habe Synästhesie, jedes Werk ist für mich ein Portal und es hat seine eigene Frequenz. (Anm. d. Red.: Synästhesie ist ein neurobiologisches Phänomen, bei dem Sinne gekoppelt sind und Reize simultan mehrere Wahrnehmungen auslösen, etwa Farben beim Hören von Musik oder Tönen) Die Farben haben eine eigene Sprache. Das Wunderbare an dieser Zusammenarbeit und der Ausstellung ist, dass man Lorenzos Originalfoto neben meinem Gemälde sieht, so kann man wirklich in diese Welten eintauchen.
LA: Es ist auch eine Reise. Das Bild von Ewan McGregor habe ich vor 30 Jahren aufgenommen. Es ist ein berühmtes Bild aus dem Film „Trainspotting“. Izzy hat es geschafft, ihren eigenen Stil, ihre eigene Technik und Energie in dieses Foto einfließen zu lassen. Das bringt meine Arbeit in eine zeitgenössische Kunstform.
IW: Ewan McGregor war das Erste.
LA: Izzy hat mir immer ihre Skizzen mit ihren Farbvarianten geschickt. Das war das erste Mal, dass ich meine Arbeit in ihrem Stil gesehen habe, aber es war noch nicht das fertige Werk, das kam natürlich erst viel später. Erst wenn man das Werk in echt sieht, kann es wirken, denn die Bilder haben Leben. Da war ich wirklich überwältigt.
IW: Auf meinen Skizzen sieht man weder die richtige Farbe noch die Struktur der Bruchtechnik, für die ich bekannt bin. In Wirklichkeit sind die Werke dreidimensional.
LA: Ja, ständig. Wenn man eine Zusammenarbeit eingeht, muss man die Kontrolle abgeben. Izzy sollte das Foto auf ihre eigene Weise interpretieren können. Man muss loslassen und es dieser Person anvertrauen, damit sie es aufgreifen und noch magischer machen kann. Aber ich habe keine Sekunde lang gedacht, dass es mir nicht gefallen würde.
LA: Als Fotograf bin ich sehr kontrollierend und nehme meine Arbeit äußerst ernst, wie wahrscheinlich alle Künstler. Das Einzige, worum ich Maler immer beneide, ist ihre Bereitschaft, einfach loszulegen, alle Vorsicht über Bord zu werfen und diese Freiheit zu haben. Ich versuche, das auch in meiner Fotografie anzuwenden; einfach in Bewegung bleiben, den Fluss aufrechtzuerhalten. Aber manchmal muss man dabei auch seine eigenen Ideen loslassen.
IW: Es ist gut, dass Lorenzo so kontrollierend ist, denn es gab bestimmte Porträts, die ich nicht ausgewählt hatte. Er sagte: Komm schon, lass uns noch dieses Bild nehmen, ich liebe es wirklich. Ich bin froh, dass Lorenzo mich in eine andere Richtung gedrängt hat. So entstand eine Symbiose, eine perfekte Mischung beider Energien. Ich verwende in meiner Arbeit viele Pastellfarben, und Pastelltöne mit 24-Karat-Gold – das war genau das Richtige für mich. Und Lorenzo war auch voll und ganz dabei.
LA: Eines der Bilder, dass wir eigentlich nicht nehmen wollten, war das von Keith Richards.
IW: Das ist nun mein bestes Bild, mein Lieblingsbild!
LA: Dieses Bild ist wirklich elektrisierend, es steckt so viel Energie darin. Wir alle müssen offen dafür sein, unsere Denkweise zu ändern und nicht immer so festgefahren zu sein. Denn nur dann kann man etwas Großartiges schaffen.
IW: Die Energie und wie die Leute reagieren, wenn sie meine Arbeit sehen, dass sie wirklich fasziniert sind. Es macht mich glücklich, denn alles, was ich tue, soll Menschen glücklich machen. Meine Kunst soll einen Raum erhellen und den Menschen auf die positivste Art und Weise Energie geben.
LA: Mir geht es genauso. Wenn ich porträtiere, versuche ich in die Tiefe zu gehen. Ich versuche, die Energie einzufangen, sei es Traurigkeit, Glück oder Freude. Sobald man das eingefangen hat, weiß man, dass man ein fantastisches Porträt hat.
IW: Lorenzo ist so ein Perfektionist, und er ist mehr als nur ein Fotograf. Für mich ist er so etwas wie ein Renaissance-Maler. Seine Porträts sind einfach atemberaubend und haben so viel Tiefe, und genau das liebe ich. Es ist einfach fesselnd.
LA: Izzys Energie. Ich bin ein ganz anderer Typ Mensch, aber mir gefällt, dass es bei ihr einfach nur um Licht und Energie geht. Je besser ich Izzy kennengelernt habe, desto mehr habe ich sie als Person entdeckt. Und mir ist klar geworden, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt. Wir führen vielleicht unterschiedliche Leben, aber wir sind definitiv auf demselben Weg und auf eine seltsame Art und Weise fast wie eins.
IW: Wir sind Yin und Yang, es ist eine perfekte Kombination. Es ist beruhigend, mit Lorenzo zu arbeiten und mit ihm zu kommunizieren. Alles ist auf eine wunderschöne, spirituelle Weise miteinander verflochten, unsere Herzen sind am rechten Fleck.
IW: Ich hatte bis jetzt noch nie mit jemandem zusammengearbeitet – und habe das mit Lorenzo wirklich manifestiert. Denn ich möchte mit jemandem arbeiten, der eine Vision hat. In meiner Kunst verbinde ich Fotografie mit meiner Technik, meiner zeitgenössischen Pop-Art. Ich habe vorher niemanden gehabt, mit dem ich arbeiten wollte.
LA: Wir lieben beide Pop-Art, und ich habe mir Bilder von Andy Warhol und insbesondere seine Serie mit all diesen berühmten Persönlichkeiten wie Monroe und Mick Jagger angesehen. Er hat es geschafft, seinen farbenfrohen Stil an diese Porträts anzupassen. Das wollte ich auch gerne machen. Da ich Künstler sehr schätze und respektiere, wurde mir klar, dass ich jemanden für eine Zusammenarbeit suchen muss. Diese Person zu finden, ist schwer. Aber wenn es klappt, kann man Großes erreichen.
IW: Unsere Zusammenarbeit und die Tatsache, dass es nicht nur eine Schau sein wird, sondern ein Erlebnis.
LA: Die Ausstellung wird alle Sinne ansprechen: Sie ist visuell, sie duftet, es gibt Musik, es gibt Essen. Und Izzy hat sogar Parfums für die Ausstellung kreiert.
LA: Ich gehe immer mit der Idee an Fotoshootings heran, etwas zu schaffen, das hoffentlich ein bisschen anders ist. Ich fotografiere berühmte Menschen, seien es Musiker, Künstler, Politiker, Mitglieder des Königshauses oder Filmstars. Die Sache ist: Man hat schon Millionen von Bildern von Menschen gesehen, was kann ich also tun, das anders ist? Wie kann ich mich von anderen abheben? Ich versuche immer, etwas zu schaffen, worauf sich die Menschen später beziehen werden. Unsere Idee für diese Ausstellung war es, moderne Ikonen zu schaffen.
IW: Das ist das Wunderbare an der Kunst: Jeder hat seine eigene Interpretation. Es ist tatsächlich ein Heiligenschein, und die porträtierten Personen sind Heilige. Deshalb heißt die Ausstellung „ICONIC“. Heilige und Engel sind Ikonen. Meine Kunst ist spirituell, weil ich sehr spirituell bin und es dabei um Energie und Frequenz geht.
IW: Ja, man sieht bei mir normalerweise nie die Augen, weil ich die Seele schützen möchte. So konzentriert man sich auf die Lippen, auf die Symbolik, auf die Bildkomposition. In diesen neuen Werken kann man die Augen zwar noch sehen, aber sie sind eingefärbt, sie sind wie von einem Schleier bedeckt. Es handelt sich nicht einfach um Schwarz-Weiß-Fotografien von Lorenzo; sie alle haben einen Schutzschild. Diese Ausstellung ist etwas Besonderes, weil es sich um Ikonen handelt, die hervorstechen und sie wollen, dass man ihnen in die Augen schaut. Aber ich wollte ihnen dennoch diesen Schutz und meine Handschrift geben.
„ICONIC“
1. bis 3. Mai 2026 in der St. Elisabeth-Kirche, Berlin.