Interview mit Tracey Emin

„Es ging nicht nur um Sex“

Nach ihrer schweren Krankheit arbeitet Tracey Emin intensiver denn je und erfährt nun endlich ihre große Würdigung in der Londoner Tate. Ein Gespräch über Missverständnisse, Selbstdisziplin und die Kunst als Rettung

Von Tim Ackermann
23.02.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 251

In Deutschland ist die Abtreibung illegal, wenn die Frau vorher nicht zur einer Schwangerschaftskonfliktberatung geht.

Ich denke, viele Frauen lassen eine Abtreibung vornehmen, ohne die Komplikationen oder die emotionalen Nachwirkungen zu verstehen. Also ist es manchmal sehr gut, wenn vorher eine medizinische Beratung stattfindet. Es sollte aber immer die Frau selbst sein, die entscheidet.

Nach Ihrer ersten Abtreibung hörten Sie für eine längere Zeit mit der Malerei auf, auch weil Sie von Versagensängsten und Schuldgefühlen geplagt waren, wie Sie oft in Interviews erzählt haben. Betrachtet man Ihre heutigen Malereien wirken, diese sehr emotional, aber auch kraftvoll und selbstsicher. Was brachte Sie zur Malerei zurück?

1996 machte ich die Ausstellung „Exorcism of the Last Painting I Ever Made“ in einer Galerie in Stockholm …

… drei Wochen malten Sie nackt in einem Raum, während das Publikum Sie durch Gucklöcher beobachtete.

Tatsächlich war das erfolgreich. Es wurden sehr gute Bilder. Danach begann ich wieder zu malen, aber nur für mich privat: kleine Werke, die ich für Jahre niemandem zeigte. Ich fand erst das Selbstvertrauen, als ich eingeladen wurde, 2007 den Britischen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu gestalten. Da begann ich wieder ernsthaft damit und beschloss, dass ich eine Malerin sein wollte. Dieser Prozess war maßgeblich, weil ich wirklich um meine Identität in der Malerei gekämpft habe. Weil ich erkundet habe, was mir an ihr wichtig ist und warum ich sie verfolge.

Die Ausstellung in der Tate Modern zeigt Emins vielfältiges Schaffen. „The End of Love“ aus dem Jahr 2024 gehört zu den Malereien, die sie seit ihrer Krebsoperation schuf.
Die Ausstellung in der Tate Modern zeigt Emins vielfältiges Schaffen. „The End of Love“ (2024) gehört zu den Malereien, die sie seit ihrer Krebs operation schuf. © Tate Modern, London/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Was meinen Sie damit – Ihre Identität in der Malerei?

Während meiner Zeit in der Kunsthochschule erschien sie mir als ein sehr männerdominiertes Feld. Ich musste sie für mich zurückgewinnen und wirklich an das glauben, was ich tat. Deshalb bin ich froh, dass ich damit gewartet habe, bis ich älter bin. Denn jetzt ergibt sie für mich viel mehr Sinn!

Sehen Sie sich als Feministin?

Ich bin schon immer überzeugte Feministin. Beim Vorstellungsgespräch an der Kunsthochschule wurde ich nach meiner Meinung zum Feminismus gefragt. Meine Antwort war: „Ich denke nicht darüber nach.“ Und damit meine ich: Ich tue es einfach! Die meisten Dinge, die ich in meinem Leben machen wollte, habe ich gemacht. Und ich sehe nicht einfach tatenlos zu, wenn Männer mich herumschubsen oder schikanieren. Viele junge Frauen denken, dass der Feminismus in der heutigen Gesellschaft keine Aufgabe mehr hat. Aber ich stehe weiter dazu und bin der Meinung, dass Frauen lauter und mutiger für ihre Rechte kämpfen müssen. Immer noch! Weil wir keine echte Gleichberechtigung haben.

Mir gefällt ganz besonders Ihr autobiografisches Videokunstwerk „Why I Never Became a Dancer“ (1995), weil es mit einer so positiven Stimmung endet: Sie tanzen allein und ausgelassen zu den Klängen von Sylvesters Disco-Hit „You Make Me Feel (Mighty Real)“ – als triumphierendes Signal an alle Männer in Margate, die Sie erniedrigt und ausgelacht haben. Kann Kunst dabei helfen, Traumata zu überwinden?

Als ich jung war, habe ich sehr viel kathartische Kunst gemacht. Das hat mir geholfen, meine Vergangenheit emotional zu bewältigen. Jetzt mache ich Werke, um meine Zukunft zu bewältigen: Ich nutze meine Kunst, um den Weg nach vorn zu finden. Emotionale Kunst kann verschiedenen Zwecken dienen, aber man muss schon sehr gut wissen, warum man sich ihrer bedient. Sonst droht die Gefahr, dass sie einen überwältigt. Dann verliert man die Kontrolle und ist am Ende nur noch ein Häufchen Elend ohne Kontext.

Glauben Sie, dass Sie manchmal zu hart zu sich selbst sind?

Ich wundere mich über diese Frage. Vielleicht lautet die Antwort ja: „Nein! Ich bin nicht hart genug!“ Als ich jung war, hätte ich härter zu mir sein sollen. Ich habe so große Fehler gemacht, die ich einfach nicht gesehen habe. Ich war leichtsinnig. Heute ärgere ich mich darüber. Also muss jemand hart mit mir sein. Ich lebe ein möglichst selbstbestimmtes Leben. Und ich will 24 Stunden am Tag Künstlerin sein, für den Rest meiner Tage. Davon dürfen mich meine stinknormalen Gewohnheiten nicht abbringen. Ich muss also streng zu mir sein, sonst gehe ich über Tische und Bänke.

Das Werk „No chance (WHAT A YEAR)“ von 1999 erinnert an 1977 und das schreckliche Erlebnis einer Verge- waltigung als 13-Jähri- ge. © Tate Modern, London/VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Das Werk „No chance (WHAT A YEAR)“ von 1999 erinnert an 1977 und das schreckliche Erlebnis einer Vergewaltigung als 13-Jährige. © Tate Modern, London/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Sie haben in Margate ein Atelierstipendium mit Ausbildungsprogramm, die Tracey Emin Artist Residency, eingerichtet. Was hat Sie dazu motiviert?

Während meiner Krebserkrankung 2020, als ich dachte, ich hätte nur noch sechs Monate zu leben, lag ich im Bett und dachte: „Oh Gott, werde ich jetzt sterben und nicht mehr als eine durchschnittliche Neunzigerjahre-Künstlerin gewesen sein?“ Das erschien mir nicht genug, und ich wünschte mir, das zu ändern. Dann erzählte mir Carl Freedman von diesem leer stehenden Gebäude hier. Und danach ging alles ganz schnell – die Idee kam praktisch aus dem Nichts. Nun habe ich die Kunstschule, die mir so viel Freude bereitet: Ich kann jeden Tag über Kunst reden mit Menschen, die ebenso enthusiastisch sind wie ich und die Kunst lieben. Junge Menschen, die ihre ganze Zukunft noch vor sich haben!

Ein Satz, den Sie 1997 in großen Buchstaben über eine Ausstellung geschrieben und auch in Werken verwendet haben, ist „I need Art like I need God“. Was meinen Sie damit?

Wir benutzen das Wort „Gott“, um eine Omnipräsenz zu erklären, den Klebstoff, der alles verbindet: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, die Bäume, die Sonne, den Himmel, die Erde, alles! Gott. Liebe. Kunst. Die Kunst fügt für mich alles zusammen, sie erfüllt mein Leben mit Sinn, gibt mir Antrieb, Glauben und Stärken. In Zeiten, in den ich dachte zu sterben, kam die Kunst. Sie hat mir aufgeholfen, mich in ihre Arme geschlossen und auf mich aufgepasst.

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Tracey Emin: A Second Life“,

Tate Modern, London,

27. Februar bis 31. August

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