Nach ihrer schweren Krankheit arbeitet Tracey Emin intensiver denn je und erfährt nun endlich ihre große Würdigung in der Londoner Tate. Ein Gespräch über Missverständnisse, Selbstdisziplin und die Kunst als Rettung
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23.02.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 251
Lange hat es gedauert, bis die Kunstwelt sie richtig akzeptiert hat. Und wenn Tracey Emin in wenigen Wochen ihre Überblicksschau in der Londoner Tate Modern eröffnet, erfährt sie eine überfällige krönende Würdigung für ihr Œuvre, das in ganz verschiedenen Medien, aber stets mit radikaler Ehrlichkeit ihre Biografie und ihr Innenleben vor aller Augen ausgebreitet hat. Die wilden Zeiten und Provokationen als Young British Artist sind für die 62-Jährige Geschichte. Nach einer schweren Krebsoperation lebt sie „ohne Blase mit zwei Katzen“, wie sie auf Instagram erklärt, und arbeitet umso intensiver. Die Antworten für das Interview mailt Emin als Sounddateien – und spricht dabei so offen, wie man sie kennt.
Das wird ein großer Moment für mich, ich bin nervös und freue mich gleichzeitig darauf. Ich hatte schon lange keine umfassende Ausstellung mehr in einem Londoner Museum. Ich werde noch mal ein anderes Publikum haben, und alles wird auf einem anderen Niveau stattfinden: Die Schau ist international – und doch zu Hause.
Das stimmt so nicht! Ich habe das Zelt schon 1995 bei der „Minky Manky“-Gruppenausstellung in der South London Gallery gezeigt. Damals wurden auch erstmals die britischen Medien auf mich aufmerksam. Der Kurator der Schau, Carl Freedman, war mein Boyfriend. Er wollte mich zunächst gar nicht dabeihaben, weil es gönnerhaft wirkt, wenn ein Kurator seine Freundin ausstellt. Aber ich habe ihn angebettelt. Ich machte damals winzige Arbeiten. Die Bedingung war dann, dass ich für die Schau etwas Großes schaffe.
Es ging nicht nur um Sex, es ging um Intimität, um Liebe, um Missbrauch, um Vergewaltigung, um das Schlafen neben Menschen auf eine zärtliche, liebevolle Art – wie ich im Bett die Hand meiner Großmutter halte, während wir zusammen Radio hören. Es war eine ziemlich komplexe Idee. Der Hauptgedanke beim Zelt war, dass die Menschen hineinkriechen, um die Namen all jener zu lesen, mit denen ich geschlafen habe, und dann beim Herauskrabbeln an die Personen denken, mit denen sie geschlafen haben.
Das Bett war wie ein Körperabdruck, wie ein Abdruck meines Lebens mit allem, was dazugehörte: dem Chaos, dem Müll, den Zigarettenstummeln, den Flaschen, dem Alkohol, den schmutzigen Unterhosen, den zerwühlten Bettlaken. Alles war ein Abbild meiner damaligen Gefühle. Und es war kein Hilfeschrei! Sondern ganz klar die Illustration einer Verzweiflung – das Bett einer verzweifelten jungen Frau, das ich zeigte, weil ich eben psychisch am Boden war. Anstatt Kunst darüber zu machen, wie ich mich fühlte oder was passiert war, präsentierte ich die Situation in ihrer ganzen Reinheit!
Das kommt daher, weil wir in unserem Alltag die ganze Zeit das Traurige und das Schöne ausbalancieren müssen. Meine Kunst ist nur ein Spiegel meines Lebens. Ich denke, in den Neunzigern war ein Teil von mir sehr traurig und sehr ängstlich. Ich habe das in meinen Werken ausgedrückt.
Tatsächlich war es sehr viel leichter für mich, über die Vergewaltigung zu reden. Es gibt andere Formen des Missbrauchs, als kleines Kind sexuell missbraucht zu werden oder als Kind einsam und verängstigt zu sein, über die sich schwieriger sprechen lässt und die schwerer auszudrücken sind.
Keine Frau wünscht sich, eine Abtreibung zu haben, sondern sie entscheidet sich aus bestimmten Gründen dafür. Und für die meisten Frauen, die zum ersten Mal abtreiben, ist es eine ziemlich schreckliche Erfahrung. Es gibt das Gefühl der Erleichterung, aber auch die Ahnung, dass sie niemals dieses Kind haben wird. Das kann für ein großes Wirrwarr im Kopf sorgen, und da ist niemand, mit dem die Frau darüber reden könnte. Es gibt für sie keine Sympathie, es gibt kein Verständnis. Das ist ein Problem.
Ich denke, viele Frauen lassen eine Abtreibung vornehmen, ohne die Komplikationen oder die emotionalen Nachwirkungen zu verstehen. Also ist es manchmal sehr gut, wenn vorher eine medizinische Beratung stattfindet. Es sollte aber immer die Frau selbst sein, die entscheidet.
1996 machte ich die Ausstellung „Exorcism of the Last Painting I Ever Made“ in einer Galerie in Stockholm …
Tatsächlich war das erfolgreich. Es wurden sehr gute Bilder. Danach begann ich wieder zu malen, aber nur für mich privat: kleine Werke, die ich für Jahre niemandem zeigte. Ich fand erst das Selbstvertrauen, als ich eingeladen wurde, 2007 den Britischen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu gestalten. Da begann ich wieder ernsthaft damit und beschloss, dass ich eine Malerin sein wollte. Dieser Prozess war maßgeblich, weil ich wirklich um meine Identität in der Malerei gekämpft habe. Weil ich erkundet habe, was mir an ihr wichtig ist und warum ich sie verfolge.
Während meiner Zeit in der Kunsthochschule erschien sie mir als ein sehr männerdominiertes Feld. Ich musste sie für mich zurückgewinnen und wirklich an das glauben, was ich tat. Deshalb bin ich froh, dass ich damit gewartet habe, bis ich älter bin. Denn jetzt ergibt sie für mich viel mehr Sinn!
Ich bin schon immer überzeugte Feministin. Beim Vorstellungsgespräch an der Kunsthochschule wurde ich nach meiner Meinung zum Feminismus gefragt. Meine Antwort war: „Ich denke nicht darüber nach.“ Und damit meine ich: Ich tue es einfach! Die meisten Dinge, die ich in meinem Leben machen wollte, habe ich gemacht. Und ich sehe nicht einfach tatenlos zu, wenn Männer mich herumschubsen oder schikanieren. Viele junge Frauen denken, dass der Feminismus in der heutigen Gesellschaft keine Aufgabe mehr hat. Aber ich stehe weiter dazu und bin der Meinung, dass Frauen lauter und mutiger für ihre Rechte kämpfen müssen. Immer noch! Weil wir keine echte Gleichberechtigung haben.
Als ich jung war, habe ich sehr viel kathartische Kunst gemacht. Das hat mir geholfen, meine Vergangenheit emotional zu bewältigen. Jetzt mache ich Werke, um meine Zukunft zu bewältigen: Ich nutze meine Kunst, um den Weg nach vorn zu finden. Emotionale Kunst kann verschiedenen Zwecken dienen, aber man muss schon sehr gut wissen, warum man sich ihrer bedient. Sonst droht die Gefahr, dass sie einen überwältigt. Dann verliert man die Kontrolle und ist am Ende nur noch ein Häufchen Elend ohne Kontext.
Ich wundere mich über diese Frage. Vielleicht lautet die Antwort ja: „Nein! Ich bin nicht hart genug!“ Als ich jung war, hätte ich härter zu mir sein sollen. Ich habe so große Fehler gemacht, die ich einfach nicht gesehen habe. Ich war leichtsinnig. Heute ärgere ich mich darüber. Also muss jemand hart mit mir sein. Ich lebe ein möglichst selbstbestimmtes Leben. Und ich will 24 Stunden am Tag Künstlerin sein, für den Rest meiner Tage. Davon dürfen mich meine stinknormalen Gewohnheiten nicht abbringen. Ich muss also streng zu mir sein, sonst gehe ich über Tische und Bänke.
Während meiner Krebserkrankung 2020, als ich dachte, ich hätte nur noch sechs Monate zu leben, lag ich im Bett und dachte: „Oh Gott, werde ich jetzt sterben und nicht mehr als eine durchschnittliche Neunzigerjahre-Künstlerin gewesen sein?“ Das erschien mir nicht genug, und ich wünschte mir, das zu ändern. Dann erzählte mir Carl Freedman von diesem leer stehenden Gebäude hier. Und danach ging alles ganz schnell – die Idee kam praktisch aus dem Nichts. Nun habe ich die Kunstschule, die mir so viel Freude bereitet: Ich kann jeden Tag über Kunst reden mit Menschen, die ebenso enthusiastisch sind wie ich und die Kunst lieben. Junge Menschen, die ihre ganze Zukunft noch vor sich haben!
Wir benutzen das Wort „Gott“, um eine Omnipräsenz zu erklären, den Klebstoff, der alles verbindet: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, die Bäume, die Sonne, den Himmel, die Erde, alles! Gott. Liebe. Kunst. Die Kunst fügt für mich alles zusammen, sie erfüllt mein Leben mit Sinn, gibt mir Antrieb, Glauben und Stärken. In Zeiten, in den ich dachte zu sterben, kam die Kunst. Sie hat mir aufgeholfen, mich in ihre Arme geschlossen und auf mich aufgepasst.
„Tracey Emin: A Second Life“,
Tate Modern, London,
27. Februar bis 31. August