Eine Schau in Gelsenkirchen feiert die Wiederentdeckung von Rolf Glasmeier. Sein vielseitiges Werk zwischen Strenge und Spiel erzählt auch die Geschichte des Ruhrgebiets
Von
10.02.2026
/
Erschienen in
WELTKUNST Nr. 251
Rolf Glasmeier traf mit seinen Kaufhausobjekten den Nerv der Zeit. Er stellte mit der internationalen Künstlergruppe Neue Tendenzen in Zagreb aus und gründete mit Gleichgesinnten die Gruppe B1, benannt, typisch Ruhrgebiet, nach einer Bundesstraße. Der Kritiker Wulf Herzogenrath begeisterte sich für ihn. Der legendäre Düsseldorfer Galerist Hans Mayer und die Pariser Kunsthändlerin Denise René präsentierten ihn der rheinischen und internationalen Kunstszene. Neben Reliefbildern schuf Glasmeier aus seinem Kaufhausmaterial auch Skulpturen. Mit einem Kubus aus silbrig glänzenden Kleiderbügelhaltern, aus dem sich die metallenen Streben wie technoide Engelsflügel herausschieben lassen, vertrat er Deutschland 1968 auf der Biennale von Paris und gewann den ersten Preis für Skulptur, da war er gerade mal 23. Eine internationale Karriere zeichnete sich ab.
Von Beginn an war ihm wichtig, dass seine Arbeiten in den gesellschaftlichen Raum hineinwirken. Seine Vorstellung von Kunst bildete sich in einer Zeit, in der der Kanzlerkandidat Willy Brandt seinen Wahlkampf mit dem Slogan „Mehr Demokratie wagen“ betritt. Demokratische Strukturen, den Deutschen nach dem verlorenen Weltkrieg übergestülpt, sollten sich nun endlich auch in den Breiten und Tiefen der Gesellschaft verankern. Diese Demokratisierungsidee lebte Glasmeier künstlerisch. Nach seiner Rückkehr aus Ulm ins Ruhrgebiet gesellten sich zu seinen „Kaufhaus-Objekten“ die „Bergbau-Objekte“ aus Kugellagern, Zahnrädern oder Ofenklappen. Es gibt zahlreiche Fotos und Filmaufnahmen, die den langhaarigen Glasmeier mit dunkler Sonnenbrille und Lederjacke zu Besuch bei Industrielehrlingen zeigen, mit denen er Arbeitsmaterialien sortiert oder Werkzeugkästen zu Installationen aufreiht. Dass sich mancher dabei verwundert die Augen reibt oder „meckert“, wie er im Off erzählt, und fragt, „wie so was denn Kunst sein kann“, schien ihm zu gefallen. Rührend ist auch eine Fotoserie mit Kindern, die 1970 im örtlichen Hallenbad mit einem seiner Objekte aus Gardinenschienen und -röllchen spielen und diese zu Sternen oder Strichmännchen verschieben. Seine Kunst ist ein Gesprächsangebot, eine Einladung zur Teilhabe und gern auch zur Reibung.
Rolf Glasmeier hätte sein Markenzeichen, industriell gefertigte Gegenstände, vermutlich noch lange weiterentwickeln können, der Kunstmarkt, der gern auf Wiedererkennbarkeit setzt – man denke nur an Günther Ueckers Nägel –, hätte es ihm gedankt. Doch dafür war er zu vielseitig und auch zu radikal. Stattdessen wagte er früh die Abkehr von seinem Erfolgsrezept. Sein Bruder, der Lyriker und Kunsthistoriker Michael Glasmeier, der auch mit ihm zusammengearbeitet hat, erzählt, er hätte nicht mehr „schrauben“ wollen, auch wenn seine Arbeiten gefragt waren. „Er fand, dass er damit kein richtiger Künstler sei, so hat er das empfunden“, erinnert er sich. Glasmeiers Vater, der die Kunstszene gut kannte, riet ihm damals von diesem Bruch ab, ergänzt Julia Höner, die Direktorin des Kunstmuseum Gelsenkirchen. Doch der Künstler ließ sich nicht beirren.
Mitte der 1970er-Jahre veränderte er zunächst sein Materialspektrum. Die Dinge, die er künstlerisch verarbeitete, wurden weicher, fragiler, er verwendete Briefumschläge, Papiertüten, Gummi, die serielle Anordnung blieb. Sehr schön ist sein Arrangement von „Obstpflückern“ aus dem Jahr 1979, bei dem rund fünfzig Jutesäckchen eine dynamische dreidimensionale Wirkung entfalten. In „Kosmos“ von 1974 packte er zusammengeknülltes Papier hinter Draht in einen großen runden Holzrahmen, ein Werk, das sowohl an einen Blick durchs Mikroskop als auch an einen per Fernglas ins Universum erinnert. Es lässt an die Mandelbrot’sche Theorie der Selbstähnlichkeit denken, die in den Seventies aufkam und sich um unendlich wiederkehrende Strukturen im ganz Kleinen und ganz Großen drehte.
Neben seiner künstlerischen Arbeit betätigte sich Rolf Glasmeier nicht nur als Gebrauchsgrafiker, sondern schon seit den frühen 1970er-Jahren auch als höchst aktiver Ausstellungsmacher. In seine Atelierwohnung, wenige Schritte vom Museum entfernt, und in das Wohn- und Arbeitshaus, das sein Vater für ihn baute, nachdem er geheiratet und einen Sohn bekommen hatte, lud er regelmäßig zu Ausstellungen befreundeter Künstlerinnen und Künstler aus Europa ein – während er selbst fast sein ganzes Leben in Gelsenkirchen blieb, holte er die internationale Kunstwelt zu sich nach Hause und zu seinen feucht-fröhlichen Vernissagen. In einem Buch, das ein mit ihm befreundeter Journalist nach seinem Tod veröffentlichte, lautet ein reich bebildertes Kapitel: „Und freitags zu Rolf“.
Irgendwann kehrte sich Glasmeier von seinen industriell gefertigten Materialien ab: „Er wandte sich gegen, wie er es nannte, die Überbetonung des Rational-Technischen“, berichtet Julia Höner. Nun fand er sein Ausgangsmaterial am Wegesrand, in natürlichen Objekten wie Ästen oder Zweigen und in Abfallprodukten. Interessanterweise reagierte Glasmeier damit auch auf eine veränderte Wirklichkeit in Europa und besonders im Ruhrgebiet. Der kapitalistische Optimismus der Sixties mit seinen cool designten Alltagsobjekten und seinem Glauben an den technischen Fortschritt war verblasst, während in den Industrienationen ein Bewusstsein für die Folgen der Umweltzerstörung wuchs. Gerade im Ruhrgebiet starb die Schwerindustrie einen langsamen, aber sicheren Tod und hinterließ seit den Achtzigerjahren Massen von Arbeitslosen, die nur noch mit Trauer und Wehmut auf Zahnräder und Kugellager blicken konnten.
Rolf Glasmeier hatte ein sehr feines Gespür für diese gesellschaftliche Transformation, den Strukturwandel, der die Region bis heute beschäftigt und belastet, der aber auch Raum für Neues schuf. Er veranstaltete Symposien auf verwilderten Industrieflächen, eines der ersten 1983 auf der verlassenen Zeche Carl in Essen, bei denen aus dem Zivilisationsmüll In-situ-Installationen entstanden, begleitet von Musik, Gedichten und allerlei Vorträgen und Angeboten, hippieske Meditationsoasen eingeschlossen. Heute sind viele dieser Orte die touristischen Vorzeigeprojekte des Ruhrgebiets, die Zechenarchitektur wurde zum Unesco-Welterbe geadelt. Doch zu Glasmeiers Zeit war der Wandel noch im vollen Gange, aus dem einst stolzen Bergbau wurden stückweise traurige Brachen, die er als großen Abenteuerspielplatz für Erwachsene erkannte und nutzte.
Nicht alle Werke, die er in dieser Phase schuf, reichen an die Innovationskraft und Formvollendung seiner frühen Arbeiten heran. Großartig und auch seherisch sind seine „Ikonen des Recyclings“, die in loser Folge in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren entstanden. Eine Art visuelles Tagebuch, bei dem er alle nur erdenklichen Materialien, vom Bonbonpapier über Baumrinde bis zum eigenen Sperma und Blut, zu berührenden, humorvollen, poetischen Momentaufahmen arrangierte und in schlichten Holzrahmen festhielt.
Im Jahr 2003 starb Rolf Glasmeier an den Folgen einer Krebserkrankung, nur wenige Tage nach seinem 58. Geburtstag. Sein Nachlass ging an die Stiftung für Konkrete Kunst und Design in Ingolstadt, doch inzwischen bemüht sich sein Sohn Jan, Architekt wie sein Großvater, darum, in Gelsenkirchen, dem Lebens- und Arbeitsort des Vaters, eine eigene Glasmeier-Stiftung zu gründen und einen Teil der Werke zurückzuholen. Auch weil in der Stadt nach Jahren der Stagnation kulturelle Aufbruchstimmung herrscht, allen politischen Wirren zum Trotz. Das Kunstmuseum wurde umfassend saniert, in Problemvierteln eröffnen auf einmal Bars und Off-Spaces, und die Manifesta, die diesen Sommer im Ruhrgebiet stattfindet, hat ausgerechnet Gelsenkirchen zu ihrem Headquarter erkoren. Einige der erwarteten 300.000 Besucherinnen und Besucher werden sicher auch an dem fröhlich gepunkteten Kugelgasbehälter vorbeikommen, der noch immer am Ufer der Emscher steht. Der kleine Fluss ist heute kein Abwasserkanal mehr wie 1985, er wurde renaturiert, es tummeln sich Forellen darin. Alles ist veränderbar. Rolf Glasmeier wusste das.
„Rolf Glasmeier: Frieden im Kopf“,
Kunstmuseum Gelsenkirchen,
bis 8. März 2026
Der umfangreiche Katalog erschien im Snoeck-Verlag