Eine Schau in Gelsenkirchen feiert die Wiederentdeckung von Rolf Glasmeier. Sein vielseitiges Werk zwischen Strenge und Spiel erzählt auch die Geschichte des Ruhrgebiets
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10.02.2026
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Erschienen in
WELTKUNST Nr. 251
An einem dunklen Oktoberabend des Jahres 1985 fand sich auf einer Insel zwischen Rhein-Herne-Kanal und Emscher, dem schmutzigen Flüsschen im nördlichen Ruhrgebiet, eine illustre Schar ein. Der Mann von den Stadtwerken Gelsenkirchen hielt eine feierliche Rede, sprach von „Sensation“ und „Illumination“, die Lokaljournalisten drängten sich nach vorn, der WDR hatte seine Kameraleute geschickt. Der Künstler rauchte eine Zigarette. Er hatte seiner grauen Stadt eine Attraktion beschert, mithilfe einer riesigen Kugel auf stählernen Trägern, einst errichtet, um Kokereigas zwischenzuspeichern. Die Kokerei war geschlossen, doch die Kugel war noch da, das Gas darin auch, und jetzt schien sie in eine neue Dimension zu entschweben. Gelbe Punkte verteilten sich regelmäßig auf ihrer Oberfläche, die ganz in Blau getaucht war, die Stahlträger in Knallrot. Drei Primärfarben hatten Rolf Glasmeier genügt, um ein Industrieobjekt in ein Spielzeug zu verwandeln, in einen freundlichen Planeten.
Ein alter Fernsehbeitrag dieser Eröffnungszeremonie ist derzeit in einer Ausstellung im Kunstmuseum Gelsenkirchen zu sehen, die dem Lebenswerk von Rolf Glasmeier gewidmet ist. Die Schau feiert die fulminante Wiederentdeckung eines Künstlers der westdeutschen Nachkriegsmoderne, der in jungen Jahren international Aufsehen erregte und heute, mehr als zwei Dekaden nach seinem Tod, nahezu vergessen ist. Glasmeier wurde im März 1945 in Ostfriesland geboren. Sein Vater Ernst Otto stammte aus dem Ruhrgebiet. Ein paar Jahre nach Kriegsende kehrte die Familie in die schwer zerstörte Region zwischen Rhein und Ruhr zurück, nach Gelsenkirchen. Die Stadt, heute ein Armenhaus der Republik, erlebte in den 1950er- und 1960er-Jahren eine inzwischen kaum mehr vorstellbare Blüte. Sie gehörte dank Kohle, Stahl und einer dynamischen Textilindustrie um 1960 zu einer der wirtschaftlich stärksten in Deutschland. Ernst Otto Glasmeier, ein Architekt, baute dort die dringend benötigten Schulen, Kirchen und Wohnhäuser und förderte intensiv die bildende Kunst. Er beauftragte den jungen Günther Uecker mit Kunst am Bau eines Gymnasiums, lud gemeinsam mit seinem Künstlerfreund Ferdinand Spindel Yayoi Kusama zu einem Gastaufenthalt ein, organisierte Ausstellungen, plante mit Uecker, Mack und Piene gar ein Zero-Haus in Gelsenkirchen und sammelte fast alles, was seit den späten Fifties frisch und aufregend war.
Geprägt von diesem Milieu, machte Rolf Glasmeier erst eine Lehre als Schriftsetzer und ging dann zum Designstudium nach Ulm an die wegweisende Hochschule für Gestaltung. Seine ersten künstlerischen Gehversuche sind monochrome Zeichnungen, die sogenannten Zeilen-Bilder, bei denen er mit dichten Buchstabenreihen experimentierte, die sich in abstrakten optischen Strukturen auflösen. Bei anderen, „Überlappung“ genannt, überziehen gleichförmige Raster oder Gitter das Blatt. Sie nehmen mit analogen Mitteln die Ästhetik computergenerierter Pixelbilder vorweg, während sie die Monotonie der Muster immer wieder mit kleinen Störungen durchbrechen. Zeit seines Lebens bezeichnete Glasmeier den französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss als seinen Spiritus Rector. Dieser große Strukturalist hatte die kulturübergreifende Konstanz bestimmter Ordnungen des menschlichen Denkens und Verhaltens erforscht.
Glasmeier studierte in Ulm bei Otl Aicher, dem wichtigsten Erneuerer der Gestaltung in der jungen Bundesrepublik, der mit seinen Piktogrammen für die Olympischen Spiele in München 1972 eine bis heute bewunderte, moderne visuelle Kommunikation erfand. Das Abstrakt-Konkrete, spielerisch Verständliche und zugleich Formschöne lernte Glasmeier bei ihm. Alles veränderte sich, als er zum Ende seines Studiums begann, einfache Alltagsgegenstände künstlerisch einzusetzen. Sein erstes „Kaufhaus-Objekt“ von 1967 besteht aus silbrigen Fenstergriffen im Bauhausstil, die es in jedem Warenhaus zu kaufen gab. Diese schraubte er, gleichmäßig angeordnet, auf ein Brett – mit dem besonderen Kniff, dass man die Griffe weiterhin bewegen konnte. Glasmeiers Kunstwerk war interaktiv: Betrachterinnen und Betrachter sollten zu Akteuren werden und in der Lage sein, selbst immer wieder neue Strukturen hervorzubringen.
Aus seiner Fenstergriffidee entwickelte Glasmeier einen ganzen künstlerischen Kosmos. Er schuf „Kaufhaus-Objekte“ aus Briefkastenklappen und Badutensilien, aus Antennen und Kleiderbügeln, aus Schrubbergriffen und bunten Milchflaschenverschlüssen. In der Gelsenkirchener Ausstellung sind zahlreiche Varianten zu sehen, und die formale Qualität dieser Arbeiten ist beeindruckend. Ihre monochrome Reduktion und die feinen Licht-Schatten-Effekte erinnern an Zero, die geometrischen Strukturen an die konkrete Kunst, während in den Materialien der anarchische Geist von Marcel Duchamps Readymades fortlebt. Auch der Funfaktor beim Öffnen, Drehen, Schieben und Anordnen hat sich erhalten, verstärkt durch die Patina des Materials. In der Ausstellung in Gelsenkirchen weisen kleine Schildchen vorsorglich darauf hin, welche Werke man anfassen darf und welche nicht. Dabei erzählen die Klackergeräusche metallener Briefkastendeckel, das Surren rotierender Milchflaschendeckel oder die kühle Haptik eiserner Lüftungsklappen ein Stück Alltagsgeschichte, an die sich Ältere vielleicht noch erinnern können.