Rolf Glasmeier

Komm, mach mit!

Eine Schau in Gelsenkirchen feiert die Wiederentdeckung von Rolf Glasmeier. Sein vielseitiges Werk zwischen Strenge und Spiel erzählt auch die Geschichte des Ruhrgebiets

Von Simone Sondermann
10.02.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 251

An einem dunklen Oktoberabend des Jahres 1985 fand sich auf einer Insel zwischen Rhein-Herne-Kanal und Emscher, dem schmutzigen Flüsschen im nördlichen Ruhrgebiet, eine illustre Schar ein. Der Mann von den Stadtwerken Gelsenkirchen hielt eine feierliche Rede, sprach von „Sensation“ und „Illumination“, die Lokaljournalisten drängten sich nach vorn, der WDR hatte seine Kameraleute geschickt. Der Künstler rauchte eine Zigarette. Er hatte seiner grauen Stadt eine Attraktion beschert, mithilfe einer riesigen Kugel auf stählernen Trägern, einst errichtet, um Kokereigas zwischenzuspeichern. Die Kokerei war geschlossen, doch die Kugel war noch da, das Gas darin auch, und jetzt schien sie in eine neue Dimension zu entschweben. Gelbe Punkte verteilten sich regelmäßig auf ihrer Oberfläche, die ganz in Blau getaucht war, die Stahlträger in Knallrot. Drei Primärfarben hatten Rolf Glasmeier genügt, um ein Industrieobjekt in ein Spielzeug zu verwandeln, in einen freundlichen Planeten.

Das farbenfrohe „Kaufhausobjekt Milchpropper“ (1968). © Kunstmuseum Gelsenkirchen, VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Ein alter Fernsehbeitrag dieser Eröffnungszeremonie ist derzeit in einer Ausstellung im Kunstmuseum Gelsenkirchen zu sehen, die dem Lebenswerk von Rolf Glasmeier gewidmet ist. Die Schau feiert die fulminante Wiederentdeckung eines Künstlers der westdeutschen Nachkriegsmoderne, der in jungen Jahren international Aufsehen erregte und heute, mehr als zwei Dekaden nach seinem Tod, nahezu vergessen ist. Glasmeier wurde im März 1945 in Ostfriesland geboren. Sein Vater Ernst Otto stammte aus dem Ruhrgebiet. Ein paar Jahre nach Kriegsende kehrte die Familie in die schwer zerstörte Region zwischen Rhein und Ruhr zurück, nach Gelsenkirchen. Die Stadt, heute ein Armenhaus der Republik, erlebte in den 1950er- und 1960er-Jahren eine inzwischen kaum mehr vorstellbare Blüte. Sie gehörte dank Kohle, Stahl und einer dynamischen Textilindustrie um 1960 zu einer der wirtschaftlich stärksten in Deutschland. Ernst Otto Glasmeier, ein Architekt, baute dort die dringend benötigten Schulen, Kirchen und Wohnhäuser und förderte intensiv die bildende Kunst. Er beauftragte den jungen Günther Uecker mit Kunst am Bau eines Gymnasiums, lud gemeinsam mit seinem Künstlerfreund Ferdinand Spindel Yayoi Kusama zu einem Gastaufenthalt ein, organisierte Ausstellungen, plante mit Uecker, Mack und Piene gar ein Zero-Haus in Gelsenkirchen und sammelte fast alles, was seit den späten Fifties frisch und aufregend war. 

Geprägt von diesem Milieu, machte Rolf Glasmeier erst eine Lehre als Schriftsetzer und ging dann zum Designstudium nach Ulm an die wegweisende Hochschule für Gestaltung. Seine ersten künstlerischen Gehversuche sind monochrome Zeichnungen, die sogenannten Zeilen-Bilder, bei denen er mit dichten Buchstabenreihen experimentierte, die sich in abstrakten optischen Strukturen auflösen. Bei anderen, „Überlappung“ genannt, überziehen gleichförmige Raster oder Gitter das Blatt. Sie nehmen mit analogen Mitteln die Ästhetik computergenerierter Pixelbilder vorweg, während sie die Monotonie der Muster immer wieder mit kleinen Störungen durchbrechen. Zeit seines Lebens bezeichnete Glasmeier den französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss als seinen Spiritus Rector. Dieser große Strukturalist hatte die kulturübergreifende Konstanz bestimmter Ordnungen des menschlichen Denkens und Verhaltens ­ erforscht.

Kinder spielen 1970 im Hallen- bad in Gelsenkirchen mit Glasmeiers Mitmach- kunst aus Gardinenringen.
Kinder spielen 1970 im Hallenbad in Gelsenkirchen mit Glasmeiers Mitmach- kunst aus Gardinenringen. © Kunstmuseum Gelsenkirchen, VG Bild-Kunst, Bonn 2026 / Foto: Dieter Grundmann

Glasmeier studierte in Ulm bei Otl Aicher, dem wichtigsten Erneuerer der Gestaltung in der jungen Bundesrepublik, der mit seinen Piktogrammen für die Olympischen Spiele in München 1972 eine bis heute bewunderte, moderne visuelle Kommunikation erfand. Das Abstrakt-Konkrete, spielerisch Verständliche und zugleich Formschöne lernte Glasmeier bei ihm. Alles veränderte sich, als er zum Ende seines Studiums begann, einfache Alltagsgegenstände künstlerisch einzusetzen. Sein erstes „Kaufhaus-Objekt“ von 1967 besteht aus silbrigen Fenstergriffen im Bauhausstil, die es in jedem Warenhaus zu kaufen gab. Diese schraubte er, gleichmäßig angeordnet, auf ein Brett – mit dem besonderen Kniff, dass man die Griffe weiterhin bewegen konnte. Glasmeiers Kunstwerk war interaktiv: Betrachterinnen und Betrachter sollten zu Akteuren werden und in der Lage sein, selbst immer wieder neue Strukturen hervorzubringen.

Aus seiner Fenstergriffidee entwickelte Glasmeier einen ganzen künstlerischen Kosmos. Er schuf „Kaufhaus-Objekte“ aus Briefkastenklappen und Badutensilien, aus Antennen und Kleiderbügeln, aus Schrubbergriffen und bunten Milchflaschenverschlüssen. In der Gelsenkirchener Ausstellung sind zahlreiche Varianten zu sehen, und die formale Qualität dieser Arbeiten ist beeindruckend. Ihre monochrome Reduktion und die feinen Licht-Schatten-Effekte erinnern an Zero, die geometrischen Strukturen an die konkrete Kunst, während in den Materialien der anarchische Geist von Marcel Duchamps Readymades fortlebt. Auch der Funfaktor beim Öffnen, Drehen, Schieben und Anordnen hat sich erhalten, verstärkt durch die Patina des Materials. In der Ausstellung in Gelsenkirchen weisen kleine Schildchen vorsorglich darauf hin, welche Werke man anfassen darf und welche nicht. Dabei erzählen die Klackergeräusche metallener Briefkastendeckel, das Surren rotierender Milchflaschendeckel oder die kühle Haptik eiserner Lüftungsklappen ein Stück Alltagsgeschichte, an die sich Ältere vielleicht noch erinnern können.

Rolf Glasmeier traf mit seinen Kaufhausobjekten den Nerv der Zeit. Er stellte mit der internationalen Künstlergruppe Neue Tendenzen in Zagreb aus und gründete mit Gleichgesinnten die Gruppe B1, benannt, typisch Ruhrgebiet, nach einer Bundesstraße. Der Kritiker Wulf Herzogenrath begeisterte sich für ihn. Der legendäre Düsseldorfer Galerist Hans Mayer und die Pariser Kunsthändlerin Denise René präsentierten ihn der rheinischen und internationalen Kunstszene. Neben Reliefbildern schuf Glasmeier aus seinem Kaufhausmaterial auch Skulpturen. Mit einem Kubus aus silbrig glänzenden Kleiderbügelhaltern, aus dem sich die metallenen Streben wie technoide Engelsflügel herausschieben lassen, vertrat er Deutschland 1968 auf der Biennale von Paris und gewann den ersten Preis für Skulptur, da war er gerade mal 23. Eine internationale Karriere zeichnete sich ab.

„Der Ball“ von Rolf Glasmeier aus dem Jahr 1985, ein bemalter Kugelgasbehälter, steht noch heute in seiner Heimatstadt Gelsenkirchen
„Der Ball“ von 1985, ein bemalter Kugelgasbehälter, steht noch heute in seiner Heimatstadt Gelsenkirchen ­© Kunstmuseum Gelsenkirchen, VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Von Beginn an war ihm wichtig, dass seine Arbeiten in den gesellschaftlichen Raum hineinwirken. Seine Vorstellung von Kunst bildete sich in einer Zeit, in der der Kanzlerkandidat Willy Brandt seinen Wahlkampf mit dem Slogan „Mehr Demokratie wagen“ betritt. Demokratische Strukturen, den Deutschen nach dem verlorenen Weltkrieg übergestülpt, sollten sich nun endlich auch in den Breiten und Tiefen der Gesellschaft verankern. Diese Demokratisierungsidee lebte Glasmeier künstlerisch. Nach seiner Rückkehr aus Ulm ins Ruhrgebiet gesellten sich zu seinen „Kaufhaus-Objekten“ die „Bergbau-Objekte“ aus Kugellagern, Zahnrädern oder Ofenklappen. Es gibt zahlreiche Fotos und Filmaufnahmen, die den langhaarigen Glasmeier mit dunkler Sonnenbrille und Lederjacke zu Besuch bei Industrielehrlingen zeigen, mit denen er Arbeitsmaterialien sortiert oder Werkzeugkästen zu Installationen aufreiht. Dass sich mancher dabei verwundert die Augen reibt oder „meckert“, wie er im Off erzählt, und fragt, „wie so was denn Kunst sein kann“, schien ihm zu gefallen. Rührend ist auch eine Fotoserie mit Kindern, die 1970 im örtlichen Hallenbad mit einem seiner Objekte aus Gardinenschienen und -röllchen spielen und diese zu Sternen oder Strichmännchen verschieben. Seine Kunst ist ein Gesprächsangebot, eine Einladung zur Teilhabe und gern auch zur Reibung.

Rolf Glasmeier hätte sein Markenzeichen, industriell gefertigte Gegenstände, vermutlich noch lange weiterentwickeln können, der Kunstmarkt, der gern auf Wiedererkennbarkeit setzt – man denke nur an Günther Ueckers Nägel –, hätte es ihm gedankt. Doch dafür war er zu vielseitig und auch zu radikal. Stattdessen wagte er früh die Abkehr von seinem Erfolgsrezept. Sein Bruder, der Lyriker und Kunsthistoriker Michael Glasmeier, der auch mit ihm zusammengearbeitet hat, erzählt, er hätte nicht mehr „schrauben“ wollen, auch wenn seine Arbeiten gefragt waren. „Er fand, dass er damit kein richtiger Künstler sei, so hat er das empfunden“, erinnert er sich. Glasmeiers Vater, der die Kunstszene gut kannte, riet ihm damals von diesem Bruch ab, ergänzt Julia Höner, die Direktorin des Kunstmuseum Gelsenkirchen. Doch der Künstler ließ sich nicht beirren.

Seine Kunst ist ein Gesprächsangebot, eine Einladung zur Teilhabe und gern zur Reibung.

Mitte der 1970er-Jahre veränderte er zunächst sein Materialspektrum. Die Dinge, die er künstlerisch verarbeitete, wurden weicher, fragiler, er verwendete Briefumschläge, Papiertüten, Gummi, die serielle Anordnung blieb. Sehr schön ist sein Arrangement von „Obstpflückern“ aus dem Jahr 1979, bei dem rund fünfzig Jutesäckchen eine dynamische dreidimensionale Wirkung entfalten. In „Kosmos“ von 1974 packte er zusammengeknülltes Papier hinter Draht in einen großen runden Holzrahmen, ein Werk, das sowohl an einen Blick durchs Mikroskop als auch an einen per Fernglas ins Universum erinnert. Es lässt an die Mandelbrot’sche Theorie der Selbstähnlichkeit denken, die in den Seventies aufkam und sich um unendlich wiederkehrende Strukturen im ganz Kleinen und ganz Großen drehte.

Neben seiner künstlerischen Arbeit betätigte sich Rolf Glasmeier nicht nur als Gebrauchsgrafiker, sondern schon seit den frühen 1970er-Jahren auch als höchst aktiver Ausstellungsmacher. In seine Atelierwohnung, wenige Schritte vom Museum entfernt, und in das Wohn- und Arbeitshaus, das sein Vater für ihn baute, nachdem er geheiratet und einen Sohn bekommen hatte, lud er regelmäßig zu Ausstellungen befreundeter Künstlerinnen und Künstler aus Europa ein – während er selbst fast sein ganzes Leben in Gelsenkirchen blieb, holte er die internationale Kunstwelt zu sich nach Hause und zu seinen feucht-fröhlichen Vernissagen. In einem Buch, das ein mit ihm befreundeter Journalist nach seinem Tod veröffentlichte, lautet ein reich bebildertes Kapitel: „Und freitags zu Rolf“.

Glasmeiers Plakatwand zum Ostermarsch 1984 in Gelsenkirchen
Glasmeiers Plakatwand zum Ostermarsch 1984 in Gelsenkirchen. © Kunstmuseum Gelsenkirchen, VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Irgendwann kehrte sich Glasmeier von seinen industriell gefertigten Materialien ab: „Er wandte sich gegen, wie er es nannte, die Überbetonung des Rational-Technischen“, berichtet Julia ­ Höner. Nun fand er sein Ausgangsmaterial am Wegesrand, in natürlichen Objekten wie Ästen oder Zweigen und in Abfallprodukten. Interessanterweise reagierte Glasmeier damit auch auf eine veränderte Wirklichkeit in Europa und besonders im Ruhrgebiet. Der kapitalistische Optimismus der Sixties mit seinen cool designten Alltagsobjekten und seinem Glauben an den technischen Fortschritt war verblasst, während in den Industrienationen ein Bewusstsein für die Folgen der Umweltzerstörung wuchs. Gerade im Ruhrgebiet starb die Schwerindustrie einen langsamen, aber sicheren Tod und hinterließ seit den Achtzigerjahren Massen von Arbeitslosen, die nur noch mit Trauer und Wehmut auf Zahnräder und Kugellager blicken konnten.

Rolf Glasmeier hatte ein sehr feines Gespür für diese gesellschaftliche Transformation, den Strukturwandel, der die Region bis heute beschäftigt und belastet, der aber auch Raum für Neues schuf. Er veranstaltete Symposien auf verwilderten Industrieflächen, eines der ersten 1983 auf der verlassenen Zeche Carl in Essen, bei denen aus dem Zivilisationsmüll In-situ-Installationen entstanden, begleitet von Musik, Gedichten und allerlei Vorträgen und Angeboten, hippieske Meditationsoasen eingeschlossen. Heute sind viele dieser Orte die touristischen Vorzeigeprojekte des Ruhrgebiets, die Zechenarchitektur wurde zum Unesco-Welterbe geadelt. Doch zu Glasmeiers Zeit war der Wandel noch im vollen Gange, aus dem einst stolzen Bergbau wurden stückweise traurige Brachen, die er als großen Abenteuerspielplatz für Erwachsene erkannte und nutzte. 

Jede Anordnung der Fenstergriffe ergibt ein neues Bild: „Kaufhausobjekt Ganzoliven“ von 1969
Jede Anordnung der Fenstergriffe ergibt ein neues Bild: „Kaufhausobjekt Ganzoliven“ von 1969. © Kunstmuseum Gelsenkirchen, VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Nicht alle Werke, die er in dieser Phase schuf, reichen an die Innovationskraft und Formvollendung seiner frühen Arbeiten heran. Großartig und auch seherisch sind seine „Ikonen des Recyclings“, die in loser Folge in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren entstanden. Eine Art visuelles Tagebuch, bei dem er alle nur erdenklichen Materialien, vom Bonbonpapier über Baumrinde bis zum eigenen Sperma und Blut, zu berührenden, humorvollen, poetischen Momentaufahmen arrangierte und in schlichten Holzrahmen festhielt.

Im Jahr 2003 starb Rolf Glasmeier an den Folgen einer Krebserkrankung, nur wenige Tage nach seinem 58. Geburtstag. Sein Nachlass ging an die Stiftung für Konkrete Kunst und Design in Ingolstadt, doch inzwischen bemüht sich sein Sohn Jan, Architekt wie sein Großvater, darum, in Gelsenkirchen, dem Lebens- und Arbeitsort des Vaters, eine eigene Glasmeier-Stiftung zu gründen und einen Teil der Werke zurückzuholen. Auch weil in der Stadt nach Jahren der Stagnation kulturelle Aufbruchstimmung herrscht, allen politischen Wirren zum Trotz. Das Kunstmuseum wurde umfassend saniert, in Problemvierteln eröffnen auf einmal Bars und Off-Spaces, und die Manifesta, die diesen Sommer im Ruhrgebiet stattfindet, hat ausgerechnet Gelsenkirchen zu ihrem Headquarter erkoren. Einige der erwarteten 300.000 Besucherinnen und Besucher werden sicher auch an dem fröhlich gepunkteten Kugelgasbehälter vorbeikommen, der noch immer am Ufer der Emscher steht. Der kleine Fluss ist heute kein Abwasserkanal mehr wie 1985, er wurde renaturiert, es tummeln sich Forellen darin. Alles ist veränderbar. Rolf Glasmeier wusste das.

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Rolf Glasmeier: Frieden im Kopf“,

Kunstmuseum Gelsenkirchen,

bis 8. März 2026

Der umfangreiche Katalog erschien im Snoeck-Verlag

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