Hamburger Kunsthalle

Alles klärt sich auf!

Die Hamburger Kunsthalle erinnert an eine legendäre Ausstellungsreihe zur Kunst des Revolutionszeitalters – und füllt Leerstellen auf, die in den Siebzigerjahren noch klafften

Von Jens Bisky
25.02.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 252

Die Inszenierung der Schau ermöglicht es, Kontraste wie Korrespondenzen zu entdecken. Spätestens vor Daniel Chodowieckis „Göttin der Toleranz“ mag man sich fragen, wie es zusammenhängt, dass die Leitbilder der Zeit – Natur, Vernunft, Aufklärung, Toleranz, Freiheit – zwar als weibliche Personen dargestellt, aber Frauen Gleichberechtigung verweigert wurde. Obwohl manche wie die Schriftstellerin und Revolutionärin Olympe de Gouges diese damals vehement einforderten. Bei Chodowiecki breitet die Göttin der Toleranz, gerüstet wie Athene, ihren Mantel über Vertretern verschiedener Religionen und Konfessionen aus: Es sind sämtlich Männer. Es lohnt sich auch, die vielen Vulkane in der Ausstellung genauer zu betrachten. Sie sollen sehr Unterschiedliches, auch Gegensätzliches bedeuten. Mark Dions Zeichnung „In Sachen Oligarchie“ aus dem Jahr 2025 ist eines der wenigen, gekonnt ausgewählten Beispiele von Gegenwartskunst. Wie ein Schaubild in der Schule, allerdings ganz in Schwarz, zeigt Dion eine Guillotine. Sollen wir uns heute wieder an staatlich verordnete Hinrichtungen gewöhnen?

Auguste Desperet prophezeite in der Lithografie „Dritter Ausbruch des Vulkans von 1789“ aus dem Jahr 1833 nach der Märzrevolution von 1830 ein erneutes politisches Erdbe- ben – 1848 entlud es sich
Auguste Desperet prophezeite in der Lithografie „Dritter Ausbruch des Vulkans von 1789“ aus dem Jahr 1833 nach der Märzrevolution von 1830 ein erneutes politisches Erdbe- ben – 1848 entlud es sich. © Privatsammlung, Hamburg, courtesy Hamburger Kunsthalle

Gleich zum Auftakt sind zwei Kupferstiche nach Louis-Simon Boizot, der vor allem als Leiter der Modellwerkstatt in der Porzellanmanufaktur von Sèvres bekannt ist, zu sehen: Bildnisse eines freigelassenen Sklaven und einer freigelassenen Sklavin aus dem Jahr 1794. „Moi libre aussi“ – auch ich frei – steht darunter. Es handele sich, heißt es kritisch im Begleitheft, nicht um Porträts von Individuen, sondern um „zwei idealisierte Typen“. Eben darin lag die programmatische Absicht: Freiheit kam allen zu, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft, unabhängig von persönlichen Eigenschaften. Dasselbe ließe sich über die Geistlichen bei Chodowiecki sagen. Dass der große Karikaturist James Gillray auch im Auftrag der britischen Regierung arbeitete, dass seine Werke über die Schrecken der Revolution zugleich Propaganda in der die Epoche prägenden Konkurrenz zwischen England und Frankreich waren, müssen die Besucherinnen und Besucher wissen. Es fehlt an Kontext.

Hofmann lenkte mit seinem Ausstellungszyklus „Kunst um 1800“ den Blick auf die inneren Widersprüche der Moderne, auf die Dialektik von Aufklärung. Dabei sprach er der Kunst wie dem Museum eine entscheidende Rolle für die Gestaltung der Welt und die Selbstreflexion moderner Gesellschaften zu. Die jetzt den Zyklus von damals reflektierende Ausstellung addiert vor allem Themen, Leerstellen, Fragen. Das Gespräch darüber, was moderne Kunst damals war, wie es um Kunst und Moderne heute bestellt ist, könnte davon profitieren. 

Service

INFOS ZUR AUSSTELLUNG

„Kunst um 1800“,

Hamburger Kunsthalle,

bis 29. März

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