Hamburger Kunsthalle

Alles klärt sich auf!

Die Hamburger Kunsthalle erinnert an eine legendäre Ausstellungsreihe zur Kunst des Revolutionszeitalters – und füllt Leerstellen auf, die in den Siebzigerjahren noch klafften

Von Jens Bisky
25.02.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 252

Fast täglich warteten im Herbst 1974 Kunstfreunde bis zu zweieinhalb Stunden vor der Hamburger Kunsthalle auf den Einlass in die Ausstellung zu Caspar David Friedrich. Am Ende zählte man 218.910 Besucherinnen und Besucher, über 45.000 Exemplare des Katalogs wurden in den wenigen Wochen zwischen Mitte September und Anfang November verkauft. Die Ausstellung war in jeder Hinsicht ein Ereignis. Es war gelungen, Leihgaben nicht nur aus Dänemark, Norwegen, Österreich und der Schweiz zu bekommen, sondern auch aus der Tschechoslowakei, der Sowjetunion und der DDR.

So wie in Hamburg waren Friedrichs Werke zuvor nicht gezeigt worden: als Moment eines gesamteuropäischen Aufbruchs in der Kunst, in scharfer Abgrenzung gegen nationalistisches und völkisches Pathos, das über Jahrzehnte das Bild des Künstlers und seine Bilder verschattet hatte. Eine kleine Begleitausstellung informierte über die nationalsozialistische Indienstnahme des Romantikers und darüber, wie hemmungslos sich im Dritten Reich Werbung, Warenästhetik und Plakatkunst seiner Motive bedient hatten. Um Friedrichs Wolken und Nebelmeere klarer zu sehen, mussten ideologische Nebel vertrieben werden.

Verantwortlich für die Ausstellung war in erster Linie Werner Hofmann (1828–2013), der 1969 von Wien als neuer Direktor in die Hamburger Kunsthalle kam und mit einem neunteiligen Zyklus die Museumswelt veränderte. Auf „Ossian und die Kunst um 1800“ sowie die Friedrich-Ausstellung 1974 folgten: Johann Heinrich Füssli, William Blake, Johan Tobias Sergel, William Turner, Philipp Otto Runge, John Flaxman und zum Abschluss 1981 Goya. Das waren Künstler, die auf je eigene Weise versuchten, Kunst zu schaffen, die ihrer Gegenwart angemessen schien, einer Zeit des Umsturzes, der Revolutionen, der Unabhängigkeitserklärungen und Ungewissheiten. Wer sich für die Zeit um 1800 interessiert, hatte auch schon einmal die Kataloge des Zyklus in den Händen.

Im Kuppelsaal der Kunsthalle ist nun eine Ausstellung zu sehen, die Hofmanns unbestrittene Leistungen mit dem Blick von heute vergegenwärtigen, kontextualisieren und kritisch rekonstruieren will. Noch einmal also geht es um Träume, Aufklärung. Freiheit, Natur, Industrie und Gewalt. Dabei sollen der Feminismus, die jüdische Emanzipation und die Anti-Sklaverei-Bewegung auch zu ihrem Recht kommen. Sie spielten um 1800 eine wichtige Rolle, kamen aber in Hofmanns legendärem Zyklus bestenfalls am Rande vor.

Angelika Kauffmann erinnerte in ihrem Selbstporträt an ihre Zeit als zeichnendes Wunderkind, Tusche laviert, um 1770
Angelika Kauffmann erinnerte in ihrem Selbstporträt an ihre Zeit als zeichnendes Wunderkind, Tusche laviert, um 1770. © Christoph Irrgang/bpk, courtesy Hamburger Kunsthalle

Gern sieht man alte Bekannte wieder: Runges „Morgen“, die Eisschollen von Friedrich, Jean-Baptist Regnaults „Freiheit oder Tod“. Wie einst Hofmann profitiert auch das Kuratorenduo Petra Lange-Berndt und Dietmar Rübel von den grandiosen Beständen der Hamburger Kunsthalle. Seit der Gründung des Museums gehört dazu Angelika Kauffmanns „Selbstbildnis als zeichnendes Mädchen“, entstanden um 1770, ein Zeugnis großen Selbstbewusstseins. Kauffmann hatte das Glück, dass ihre Eltern sich um ihre Ausbildung kümmerten. Sie brachte es zu europäischem Ruhm, erzielte stattliche Einnahmen, war 1769 Gründungsmitglied der Royal Academy in London – neben Mary Moser die einzige Frau. Weil sie eine Frau war, durfte sie nicht an den Sitzungen teilnehmen. Man sieht es in Johann Zoffanys Gruppenporträt von 34 Akademiemitgliedern: Die beiden Künstlerinnen sind nur gemalt, als Bilder im Bild, anwesend.

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