Anselm Kiefer in Mailand

Die Alchemistinnen

In einer großen Ausstellung im Mailänder Palazzo Reale würdigt Anselm Kiefer das Wirken vergessener Wissenschaftlerinnen von der Antike bis zur Aufklärung

Von Petra Schaefer
05.02.2026

Für seine raumgreifende Installation verzichtete Kiefer, anders als zuvor im Dogenpalast in Venedig 2022 oder im Palazzo Strozzi in Florenz 2024, auf umfangreiche Verhüllungen des vorhandenen Denkmalbestands oder auf eine Petersburger Hängung und belässt die architektonische Umgebung unverändert. Stattdessen reiht er in Mailand mitten im Raum fast deckenhohe Stellwände. Mit jeweils vier Gemälden auf der Vorder- und Rückseite platziert er sie auf Rollwagen so geschickt im Saal, dass die Effekte der Spiegelgalerie an den beiden Seitenwänden maximal genutzt werden. So dominieren die Grundfarben des Zyklus – Gold, Grünspan, Braun und Schwarz – nicht nur den Hauptsaal, sondern schaffen durch die Widerspiegelungen einen in die dreidimensionale Tiefe führenden, illusionistischen Raumeindruck. Hier vollführt der Maler eine beinahe alchemistische Verwandlung, indem er seine Materie, zumeist goldgrundige Leinwände, vervielfacht. 

Fotografie von Künstler Anselm Kiefer
Anselm Kiefer in seinem Atelier in Croissy. © Paolo Pellegrin, 2025

Auf die Frage, welche Rolle die Mailänder Spiegelgalerie für die Installation spielt, führte Anselm Kiefer aus: „In meinem Atelier in Croissy habe ich die Raumsituation nachgebaut. Die Spiegel schaffen eine Wechselwirkung von Verhüllen und Öffnen, einen ähnlichen Effekt also wie die Paravents, mit denen ich arbeite.“ Gleichzeitig treten die Spiegel und die Paravents in einen visuellen Dialog, wenn die Figuren  in der Widerspiegelung aufeinandertreffen. Dort werden neue Konstellationen geschaffen, die freier sind, weil sie nicht mehr über den ‚Titulus‘, die schriftliche Zuschreibung durch den Künstler, definiert werden. Dieser integrale Bestandteil bei Kiefers Kompositionen wird im Alchemistinnen-Zyklus mit Kreide oder Kohle direkt auf die Leinwand geschrieben. Mit seinen Inschriften ruft er die historischen Persönlichkeiten auf und holt deren Geschichte und Mystik in die Gegenwart. 

Werk „Marie-de-Bachimont“ von Anselm Kiefer
„Marie de Bachimont“ aus dem Alchemistinnen-Zyklus von Anselm Kiefer. © Anselm Kiefer

Es sind Frauen jeden Alters, von blutjung an der Schwelle zur Reife bis mattgrau, beinahe schlohweiß an der Schwelle zum Tod. Sie stehen mal aufrecht, kerzengerade wie eine klassische Skulptur und tragen eine Last auf dem Kopf, kein Kapitell, eher einen mit Gold befüllten Korb. Oder sie winden sich, embryonenhaft, oder sie reißen die Arme triumphal zum Himmel. Sie hocken, als pflückten sie Blumen oder springen gen Himmel. Und sie starren geradeaus, oder sie verschließen die Augen. Schließlich drehen sie sich vom Betrachter weg.

Dieser Reigen, „wie ein Tanz“, erklärt Kuratorin Gabriella Belli, ist eher eine Prozession, ein Aneinanderreihen von leidenden Schmerzensfrauen, grotesken Grimassen, wehenden dunklen Fledermaus-Mänteln. Dann kommen plötzlich lichte Momente, man sieht die Frauen als aktiv in den himmelfahrende, ruhig meditierende und stark etwas bewegende Wesen. Das sind die ‚olympischen‘ Momente in Anselm Kiefers Zyklus, hier werden seine Alchemistinnen zu Olympioniken, die schwere goldene Kugeln in die Höhe stemmen, über imaginäre Hürden springen und pirouettenähnlich wirbeln.

In einem hinteren Saal, der fenster- und spiegellos wie eine Kapelle wirkt, stehen Anselm Kiefers Stellwände direkt auf dem schwarz-weißen Mosaikboden: Es sind tiefgoldene, hellglänzende Leinwände mit wenigen figuralen Elementen. Hier schweben Köpfe und lichte Gestalten tanzen zwischen skulpturenartigen Figuren, die teils in Augenhöhe zum Betrachtenden stehen. Wenn man sich Zeit nimmt und sich auf Kiefers Bildkompositionen meditativ und kontemplativ einlässt, entspinnt sich ein wunderbares Zwiegespräch mit seinen Alchemistinnen, die es vermögen, ganz unabhängig von ihrer historischen Zuschreibung fern von Zeit und Raum zu agieren.  

Service

AUSSTELLUNG

Die Ausstellung „Le Alchmiste“ läuft vom 7. Februar bis 27. September im Palazzo reale in Mailand.

Der umfangreiche Katalog ist bei Marsilio Arte erschienen.

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