Anselm Kiefer in Mailand

Die Alchemistinnen

In einer großen Ausstellung im Mailänder Palazzo Reale würdigt Anselm Kiefer das Wirken vergessener Wissenschaftlerinnen von der Antike bis zur Aufklärung

Von Petra Schaefer
05.02.2026

Just zum Auftakt der Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina eröffnet in der lombardischen Hauptstadt eine Ausstellung der Superlative: der Maler Anselm Kiefer gestaltet die historische „Sala delle Cariatide“, den Karyatiden-Saal, im Palazzo Reale, dem Königsschloss, das die Habsburger im 18. Jahrhundert umfassend restaurieren ließen. Im Herzen der Stadt, am Domplatz vor der imposanten Marmorkathedrale, informieren Schautafeln über die Wettkämpfe. Vor dem Schlossensemble, das heute als Museumskomplex genutzt wird, steht ein riesiges Plexiglashaus mit einer abstrakten roten Skulptur, auf die Kunstschnee rieselt. Es handelt sich um die Werbefläche einer weltbekannten Uhrenmarke.

Kiefers Ausstellung im gegenüberliegenden Seitenflügel des Schlossbaus fügt sich zwar in die Mailänder „Kulturolympiade“ ein, dreht sich aber um ganz andere Themen. Unter dem Titel „Die Alchemistinnen“ beschäftigt sich der Maler mit Frauenfiguren von der Antike bis zum Zeitalter der Aufklärung, die mit naturwissenschaftlichen und spirituellen Experimenten versuchten, die Zustände, in denen sie lebten, zu verbessern.

Installationsansicht „The Women Alchemists“ von Anselm Kiefer in Mailand
Blick in Anselm Kiefers Schau „The Women Alchemists“ im Palazzo Reale in Mailand. © Ela Bialkowska, OKNO Studio

Fast alle der von Anselm Kiefer auf monumental in Szene gesetzten Figuren sind heute unbekannt. Der Maler hatte über diese Wesen „früher schon mal gelesen“ und vertiefte seine Studien, nachdem er vor zwei Jahren erstmals den hallenartigen Karyatiden-Saal besuchte. Denn dieser wird am oberen Fries, unterhalb korinthischer Halbsäulen, von einer Galerie weiblicher Stuckskulpturen gesäumt. Besser gesagt, von verstümmelten Fragmenten mit rudimentären Gesichtszügen, teils bis auf den Rumpf reduziert. Zerstört wurden die klassizistischen Karyatiden im Frühjahr 1943 durch Bomben der Alliierten, danach blieben sie lange ungeschützt vor Wind und Wetter, bis sie ab 1950 sukzessive gesichert wurden. 

Installationsansicht von Anselm Kiefers „The Women Alchemists“, im Palazzo Reale, Sala delle Cariatidi in Mailand
Anselm Kiefer „Alchemistinnen“ im Karyatidensaal des Palazzo Reale. © Ela Bialkowska, OKNO Studio

Bis heute gelten die zerbombten Skulpturen als Mahnmal. Sie erinnern ebenso wie die teils zersplitterten Wände und die Ersatzkapitelle aus Rohzement an den Zweiten Weltkrieg. „In Deutschland hätte man das Ensemble längst restauriert“, sagt Anselm Kiefer. Es war dieser schonungslose Umgang mit Kriegsverlusten, das Zur-Schau-Stellen von Zerstörung, das Kiefer an den Räumlichkeiten reizte. Zunächst plante er, die verlorenen Antikenfiguren zu ersetzen, eigentlich wollte er rund vierzig Gemälde mit Karyatiden in der oberen Fensterreihe anbringen.

Doch ausgerechnet der Denkmalschutz schob einen Riegel vor, Kiefer durft die Wände nicht nutzen. Seine bereits vollendeten Karyatiden-Gemälde blieben in Paris, und Kiefer widmete sich ausschließlich dem Alchemistinnen-Zyklus, wobei er sich zuweilen formal auf die Karyatiden bezieht. So lassen sich die drapierten Stoffe des antik anmutenden Baudekors in den weiten Mänteln erkennen, mit denen sich seine Alchemistinnen verhüllen, die sie in die Höhe strecken oder unter denen sie hocken. Auch die teils mit expressivem Pinselduktus ausgeführten Augen seiner Frauen – mal geschlossen, mal halboffen, mal frontal zum Betrachtenden geöffnet – erwecken den Eindruck, als habe er die verlorenen Karyatiden wieder zum Leben erweckt. „Der Maler ist ein Alchemist“, kommentiert Kiefer lächelnd.  

Für seine raumgreifende Installation verzichtete Kiefer, anders als zuvor im Dogenpalast in Venedig 2022 oder im Palazzo Strozzi in Florenz 2024, auf umfangreiche Verhüllungen des vorhandenen Denkmalbestands oder auf eine Petersburger Hängung und belässt die architektonische Umgebung unverändert. Stattdessen reiht er in Mailand mitten im Raum fast deckenhohe Stellwände. Mit jeweils vier Gemälden auf der Vorder- und Rückseite platziert er sie auf Rollwagen so geschickt im Saal, dass die Effekte der Spiegelgalerie an den beiden Seitenwänden maximal genutzt werden. So dominieren die Grundfarben des Zyklus – Gold, Grünspan, Braun und Schwarz – nicht nur den Hauptsaal, sondern schaffen durch die Widerspiegelungen einen in die dreidimensionale Tiefe führenden, illusionistischen Raumeindruck. Hier vollführt der Maler eine beinahe alchemistische Verwandlung, indem er seine Materie, zumeist goldgrundige Leinwände, vervielfacht. 

Fotografie von Künstler Anselm Kiefer
Anselm Kiefer in seinem Atelier in Croissy. © Paolo Pellegrin, 2025

Auf die Frage, welche Rolle die Mailänder Spiegelgalerie für die Installation spielt, führte Anselm Kiefer aus: „In meinem Atelier in Croissy habe ich die Raumsituation nachgebaut. Die Spiegel schaffen eine Wechselwirkung von Verhüllen und Öffnen, einen ähnlichen Effekt also wie die Paravents, mit denen ich arbeite.“ Gleichzeitig treten die Spiegel und die Paravents in einen visuellen Dialog, wenn die Figuren  in der Widerspiegelung aufeinandertreffen. Dort werden neue Konstellationen geschaffen, die freier sind, weil sie nicht mehr über den ‚Titulus‘, die schriftliche Zuschreibung durch den Künstler, definiert werden. Dieser integrale Bestandteil bei Kiefers Kompositionen wird im Alchemistinnen-Zyklus mit Kreide oder Kohle direkt auf die Leinwand geschrieben. Mit seinen Inschriften ruft er die historischen Persönlichkeiten auf und holt deren Geschichte und Mystik in die Gegenwart. 

Werk „Marie-de-Bachimont“ von Anselm Kiefer
„Marie de Bachimont“ aus dem Alchemistinnen-Zyklus von Anselm Kiefer. © Anselm Kiefer

Es sind Frauen jeden Alters, von blutjung an der Schwelle zur Reife bis mattgrau, beinahe schlohweiß an der Schwelle zum Tod. Sie stehen mal aufrecht, kerzengerade wie eine klassische Skulptur und tragen eine Last auf dem Kopf, kein Kapitell, eher einen mit Gold befüllten Korb. Oder sie winden sich, embryonenhaft, oder sie reißen die Arme triumphal zum Himmel. Sie hocken, als pflückten sie Blumen oder springen gen Himmel. Und sie starren geradeaus, oder sie verschließen die Augen. Schließlich drehen sie sich vom Betrachter weg.

Dieser Reigen, „wie ein Tanz“, erklärt Kuratorin Gabriella Belli, ist eher eine Prozession, ein Aneinanderreihen von leidenden Schmerzensfrauen, grotesken Grimassen, wehenden dunklen Fledermaus-Mänteln. Dann kommen plötzlich lichte Momente, man sieht die Frauen als aktiv in den himmelfahrende, ruhig meditierende und stark etwas bewegende Wesen. Das sind die ‚olympischen‘ Momente in Anselm Kiefers Zyklus, hier werden seine Alchemistinnen zu Olympioniken, die schwere goldene Kugeln in die Höhe stemmen, über imaginäre Hürden springen und pirouettenähnlich wirbeln.

In einem hinteren Saal, der fenster- und spiegellos wie eine Kapelle wirkt, stehen Anselm Kiefers Stellwände direkt auf dem schwarz-weißen Mosaikboden: Es sind tiefgoldene, hellglänzende Leinwände mit wenigen figuralen Elementen. Hier schweben Köpfe und lichte Gestalten tanzen zwischen skulpturenartigen Figuren, die teils in Augenhöhe zum Betrachtenden stehen. Wenn man sich Zeit nimmt und sich auf Kiefers Bildkompositionen meditativ und kontemplativ einlässt, entspinnt sich ein wunderbares Zwiegespräch mit seinen Alchemistinnen, die es vermögen, ganz unabhängig von ihrer historischen Zuschreibung fern von Zeit und Raum zu agieren.  

Service

AUSSTELLUNG

Die Ausstellung „Le Alchmiste“ läuft vom 7. Februar bis 27. September im Palazzo reale in Mailand.

Der umfangreiche Katalog ist bei Marsilio Arte erschienen.

Zur Startseite