Paula Modersohn-Becker

Ein Leben für die Malerei

Den 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker feiern Museen in Dresden, Bremen und Worpswede in diesem Jahr mit großen Ausstellungen

Von Julia Voss
21.01.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 250

Alten Genres gab sie dabei völlig neue Wendungen. Da wäre die erste Mutter, die sie beim Stillen im Liegen zeigt, auf die Seite gedreht, mit schweren Brüsten, ihr Kind wie ein Teigling neben sich. Verschwunden ist Maria, die berühmteste stillende Mutter der Kunstgeschichte, die fast immer kerzengerade sitzt, als wäre ihre größte Sorge, der Stillvorgang könnte für andere nicht gut genug zu sehen zu sein. Hier, bei Modersohn-Becker, sind Mutter und Kind für sich, als gäbe es kein Publikum, kein Außen.

Das Eigengesetzliche ihrer Kunst hat häufig dazu geführt, dass Modersohn-Beckers Weltläufigkeit und Kenntnis unterschätzt wurden. Wo sie mit der Tradition brach, verwischte sie die Spuren, in ihren Bildern gibt es, schreibt Darrieussecq, „keine Rache, keine Belehrung“. Gleichwohl, betont die Kunsthistorikerin Birgit Dalbajewa, die zusammen mit Andreas Dehmer die Ausstellung in Dresden kuratiert, war sie „eine aus­ gezeichnete Ausstellungsgängerin“. Noch hochschwanger in Worpswede ließ sie sich den neuesten Katalog des Salon d’Automne aus Paris schicken.

Rilke bewunderte ihre Fähigkeit, in Anfängen zu denken, sich wieder zu erfinden – ohne ein Vorbild zu haben und ohne Applaus. 

Diese weltliche Seite, das Netzwerk und den Werdegang der Malerin, wird die Ausstellung „Becoming Paula“ im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen ausleuchten. Die Institution feiert gleichzeitig ihr hundertjähriges Bestehen und versammelt neben Selbstbildnissen der Künstlerin die Porträts, die sie von anderen schuf, etwa von der Bildhauerin und Freundin Clara Rilke-Westhoff, der Pianistin Lee Hoetger oder Rilke. Von Modersohn-Beckers unermüd­licher Energie, ihr Handwerk erweitern zu wollen, zeugen die großformatigen Zeichnungen, die sie an den Schulen und Akademien anfertigte, die sich für Frauen geöffnet hatten.

Und weil die Geschichte von „Becoming Paula“ nicht ohne das Phänomen der Nachträglichkeit erzählt werden kann, ohne die jüngere Kunstgeschichte und wachsende Gefolgschaft, geht der Blick bis in die Gegenwart. Die in London arbeitende Chantal Joffe etwa gehört nicht nur zu den herausragenden Malerinnen der Gegenwart, sondern schöpft aus Modersohn-Beckers Werk. Fritz Winter, der deutsche Abstraktionsstar der Nachkriegszeit, schulte sich daran, wie auch Georg Baselitz. Er widmete der Malerin vor einigen Jahren ein Bild, womöglich auch als Entschuldigung dafür, noch 2013 behauptet zu haben: „Frauen malen nicht so gut. Das ist ein Fakt.“

„Ich fühle, dass die Zeit bald kommen wird, in der ich mich nicht mehr dafür schämen und schweigen muss, sondern stolz darauf sein kann, eine Malerin zu sein“, schrieb Modersohn-Becker im Alter von 26 Jahren. Als sie vier Jahre darauf, im Mai 1906, ihr ikonisches „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ malte, hielt sie die Kunstgeschichte an. Noch nie zuvor hatte sich eine Malerin auf der Leinwand nackt verewigt, noch dazu schwanger, mit herausgewölbtem Bauch. Für diese Darstellung hatte sie sich entschieden, obwohl sie zum Zeitpunkt des Selbstporträts kein Kind erwartete. Das Gemälde gehört heute zu den größten Schätzen des Paula Modersohn-Becker Museums, mit denen es im Jubiläumsjahr einmal mehr auftrumpfen kann.

Gefühlvolle Porträtkunst: „Stehender und kniender Mädchenakt vor Mohnblumen II“ (1906). von Modersohn-Becker
Gefühlvolle Porträtkunst: „Stehender und kniender Mädchenakt vor Mohnblumen II“ (1906). © Museum Behnhaus Drägerhaus/Lübecker Museen

Die Kunstgeschichte rätselt bis heute: Wusste die Künstlerin, dass sie die Erste war, die sich in dieser Form malte? Wollte sie den Tabubruch? Warum blickt sie dabei so ruhig und vertrauensvoll aus dem Gemälde? Dass auch Modersohn-Beckers Ehrgeiz nicht unterschätzt werden sollte, unterstreichen Sätze wie die folgenden aus dem Jahr 1898. Während der Lektüre des Tagebuchs der Malerin Marie Bashkirtseff, das zu einem Kultbuch aufgestiegen war, notierte die Künstlerin: „Ich lese jetzt das Tagebuch der Marie Bashkirtseff. Es interessiert mich sehr. Ich werde ganz aufgeregt beim Lesen. Die hat ihr Leben so riesig wahrgenommen. Ich habe meine ersten zwanzig Jahre verbummelt. Oder wuchs ganz in der Stille das Fundament, auf dem die nächsten zwanzig Jahre aufbauen sollen?“

Inzwischen wird ihr Werk routiniert mit dem Pablo Picassos verglichen. Der Spanier und die Deutsche ließen sich von ähnlichen Vorbildern in Paris inspirieren, suchten die Vereinfachung und fanden sie im Maskenhaften. Mehr noch: Die amerikanische Kunsthistorikerin Diane Radycki lieferte 2013 ­ Belege dafür, dass Picasso ein Gemälde Modersohn-Beckers als Vorlage diente. Sein berühmtes Porträt Gertrude Steins entstand 1906, nach ihrem Bildnis Lee Hoetgers – so Radycki.

Wer die Kettenreaktionen weiterverfolgen will, die Modersohn-Beckers Werk angestoßen hat, muss schließlich nach Worpswede fahren. Die heute berühmteste Künstlerin der in Legenden gehüllten Kolonie steht mit ihren Weggefährtinnen im Mittelpunkt der Ausstellungen zum „Impuls Paula. Eine künstlerische Entdeckungsreise“ in den vier Museen vor Ort. Ihre Ausflüge in die angewandte Kunst werden ebenso gezeigt wie die historischen Lebenswelten jenseits der Malerei. Der Alltag der Bäuerinnen und ihrer Kinder, die für Modersohn-Becker Modell standen, wird zum Thema werden. Den An­lass der Spurensuche gibt wieder: eine Darstellung im Halbakt.

Bleibt die Frage, ob Modersohn-Becker geduzt werden kann. Darf sie einfach Paula genannt werden, wenn doch Munch oder Picasso nie Edvard oder Pablo heißen? Das Paula Modersohn-Becker Museum tut es 2026 mit dem Ausstellungtitel „Becoming Paula“. „Es bleibt eine Ausnahme“, versichert Frank Schmidt, der Direktor. Der Titel würde das Phänomen ihres Erfolgs bezeichnen, nicht die Künstlerin selbst. Die Liste von Gründen, die dagegensprechen, Frauen zu duzen und Männer zu siezen, kennt Schmidt, und sie überzeugen ihn. Sein Haus weicht nur beim Titel davon ab – und auch nur für die Dauer der Ausstellung.

Modersohn-Becker haderte selbst mit ihrem Nachnamen. Weder der angenommene Name des Ehemannes noch der Mädchenname leuchteten ihr ein. Im Februar 1906 schrieb sie an Rilke: „Und nun weiß ich gar nicht, wie ich mich unterschreiben soll. Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker, Ich bin Ich, und hoffe es immer mehr zu werden.“ Auch 2026 werden wir staunend dabei zusehen.

Service

INFOS ZU DEN AUSSTELLUNGEN

„Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens“, Albertinum, Dresden, 8. Februar bis 31. Mai 2026

„Becoming Paula“, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen, 8. Februar bis 6. September 2026

„Impuls Paula“, Worpsweder Museen, 7. Februar bis 1. November 2026

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