Paula Modersohn-Becker

Ein Leben für die Malerei

Den 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker feiern Museen in Dresden, Bremen und Worpswede in diesem Jahr mit großen Ausstellungen

Von Julia Voss
21.01.2026
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 250

Zu den schönsten Zeilen, in denen Paula Modersohn-Becker je charakterisiert wurde, gehören diese: „für alles offen, wie ein Tag, der anbricht“. Geschrieben hat sie Rainer Maria Rilke, der Dichter, Bewunderer und Freund. Mit wenigen Worten fasste er die Fähigkeit der Künstlerin zusammen, in Anfängen zu denken, neu zu beginnen, sich zu wundern und zu staunen, auch wenn die Welt ihr den Rücken kehrte. Sich wieder zu erfinden, ohne ein Vorbild zu haben und ohne Applaus.

Rilkes mitreißende Zeilen, die aus dem „Requiem. Für ­ eine Freundin“ stammen, haben nur einen Makel. Er schrieb sie im November 1908, fast genau ein Jahr, nachdem Modersohn-­ Becker gestorben war, mit nur 31 Jahren. „Ein ganzes Werk vor sich und ein Baby von achtzehn Tagen neben sich“, heißt es in der großartigen Biografie der französischen Schriftstellerin Marie Darrieussecq. „Wie ­ schade“ sollen die letzten Worte ­ gewesen sein, als Modersohn-Becker zusammenbrach. Sie starb an einer Embolie. Nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde, die sich zwei Tage zog, hatte sie zu lange gelegen. Das Aufstehen vom Bett hätte ein Fest werden sollen, für das Rosen angesteckt und noch im Sitzen die Haare geflochten wurden. Dann war es das Ende.

Modersohn-Beckers Ruhm ist also ein postumes Phänomen. Etwa 750 Bilder und mehr als 1400 Zeichnungen hinterließ sie. Öffentlicher Erfolg oder publikumsstarke Bewunderung aber sind nichts, was sie zu Lebzeiten genießen konnte. Weder kannte sie Rilkes Requiem, in dem er ihre immer berühmter werdenden Bilder beschrieb, die Selbstporträts mit Bernsteinkette, die Kinderbildnisse oder die Stillleben mit Früchten: „Die legtest du auf Schalen vor dich hin / und wogst mit Farben ihre Schwere auf.“ Noch konnte sie ahnen, dass sie zur ersten Künstlerin der Welt aufsteigen würde, der ein Museum gewidmet wurde, ein Haus mit ihrem Namen, gegründet 1927 in der Böttcherstraße in Bremen.

Vor allem im 21. Jahrhundert scheint ihr Stern mit jedem Jahrzehnt noch heller zu strahlen. Zu ihrem hundertsten Todestag wurden 2007 in Bremen bahnbrechende Retrospektiven ausgerichtet. Ihnen folgten internationale Ausstellungen in Kopenhagen, New York, London oder Chicago, und vor allem 2016 zum ersten Mal in Paris. Als Modersohn-Becker 1899 in der Silvesternacht zum ersten Mal von Worpswede nach Paris aufbrach, die Hauptstadt der Kunst, dauerte die Zugfahrt noch siebzehn Stunden. Drei weitere Male kam sie nach Paris, nahm Kurse an weltberühmten Malakademien, mietete Ateliers, besuchte den Louvre und sah Gemälde von Cézanne oder Gauguin. Mehr als hundert Jahre später schloss sich der Kreis, und ihre Werke reisten in die Stadt, der sie so viel verdankte.

Und nun, zu ihrem 150. Geburtstag im kommenden Jahr, stehen neue ehrgeizige Projekte an. Ein Dokumentarfilm über Modersohn-Becker wird in die Kinos kommen, mit dem Titel „Wer weiß schon, was ein Leben ist?“. In Dresden, Bremen und Worpswede eröffnen große ­ Ausstellungen, mit frisch restaurierten Werken und selten ausgestellten Gemälden aus Privatbesitz.

Werk „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ von Paula Modersohn-Becker
Modersohn-Becker brachte 1906 neue Impulse für die Darstellung von Frauen in der Kunst, unter anderem mit dem „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“. © Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen

Was also gibt es 2026 Neues zu erzählen? In Dresden, Modersohn-Beckers Heimatstadt, wo sie am 8. Februar 1876 geboren wurde, werden ihre Bilder im Dialog gezeigt, in Gegenüberstellung mit einem skandalumwobenen Zeitgenossen, dem Norweger Edvard Munch. Er, der 1944 starb, über­ lebte Modersohn-Becker um fast vier Jahrzehnte. Das Albertinum Dresden konzentriert sich daher in Kooperation mit dem Munch-Museum Oslo auf Schlüsselwerke aus den Jahren, in denen sie parallel arbeiteten. Einige der Überschneidungen sind verblüffend: Als Modersohn-Becker im November 1907 in Worpswede starb, wohnte Munch noch in Deutschland, in einer Fischerhütte in Warnemünde an der Ostsee. Zum Ärger der Bewohner fotografierte er sich nackt am Strand, wie auch andere Männer, die er malen wollte. Munch erlitt bald darauf einen Nervenzusammenbruch und ließ sich in Kopenhagen in einer Klinik behandeln. Danach kehrte er nach Norwegen zurück und zog aufs Land, auf das Gut ­ Ekely bei Oslo.

Auch für Modersohn-­ Becker rückte in den Jahren 1906/7 der Akt ins Zentrum ihres Schaffens. Noch in Paris ­ malte sie sich mehrfach selbst mit nacktem Oberkörper, außerdem unbekleidete Kinder und Mütter mit ihren Babys. Die Gemälde reisten bald darauf nach Deutschland, wie auch die Künstlerin, die im Frühjahr 1907 Paris verließ. Den Entschluss, sich wieder im stillen Worpswede niederzulassen, hatte Modersohn-Becker mit ihrem Mann getroffen, dem Künstler Otto Modersohn. Die Ehe hatte einige Hochs und Tiefs durchlaufen. Auf die Trennung war die Versöhnung gefolgt. Modersohn-Becker fehlte das Geld, um sich alleine durchzuschlagen. Es war Rilke, an den sie in schweren Zeiten ihr erstes Gemälde verkaufte, das Bild eines Säuglings von 1906. Zur Selbstständigkeit reichte es nicht.

Munch wie Modersohn-Becker malten Gegenbilder zur alten Zeit, die sie in ihren Aktdarstellungen abwerfen wollten, wie ein überflüssiges Kleidungsstück. Die Künstlerin und der Künstler versuchten zum Leben selbst vorzudringen, das sie als unverbildete Kraft verstanden, mit den Stadien Geburt, Jugend, Alter und Tod. Zu den merkwürdigsten Zitaten der Künstlerin zählt die Ahnung, die sie 1900 in ihr Tagebuch eintrug: „Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist?“ Munch wiederum vertiefte sich in seine „Dichtung über Leben, Liebe und Tod“, eine Reihe von Bildern, die unter der Bezeichnung „Lebensfries“ in die Kunstgeschichte eingingen. Beide stiegen in den brodelnden Kessel der Nietzsche-Lektüre. Beide lasen Ernst Haeckel, den so schwärmerischen wie grimmigen deutschen Zoologen und Verfechter der Evolutionstheorie. Als Haeckels Anhänger Wilhelm Bölsche seinen Bestseller »Das Liebesleben in der Natur« verfasste, inspirierte er die Künstlerkolonie in Worpswede zu einem gleichnamigen Gemeinschaftswerk. Unter den Mitwirkenden fanden sich Paula Modersohn-Becker, Otto Modersohn, Heinrich und Martha ­ Vogeler sowie deren vierjährige Tochter Mieke. Das Wimmelbild voller vom Mondlicht beschienenen Paare und nackten tanzenden Kindern wird in Dresden zu sehen sein.

Bei allen Parallelen geht es nicht darum, die offenkundigen Unterschiede einzuebnen. Niemand kann Modersohn-Beckers in sich gekehrte, schwere Figuren mit denen Munchs verwechseln, ihre schwingenden Konturen und geisterhaften Durchlässigkeiten. Fast alles Psychologische, das Munch beschäftigte, prallt an ihren Bildern ab. Wo Munch mit Vampiren und Madonnen noch den tradierten Projektionen auf das Weibliche folgte, schuf Modersohn-Becker Körper wie Schutzschilder, mit lehmartigem Farbauftrag, geschlossen und fest. Ein Abwehrzauber scheint ihre Seelen im Inneren vor der Zerrissenheit und Spannung zu bewahren, die auf Munchs Leinwänden toben.

Alten Genres gab sie dabei völlig neue Wendungen. Da wäre die erste Mutter, die sie beim Stillen im Liegen zeigt, auf die Seite gedreht, mit schweren Brüsten, ihr Kind wie ein Teigling neben sich. Verschwunden ist Maria, die berühmteste stillende Mutter der Kunstgeschichte, die fast immer kerzengerade sitzt, als wäre ihre größte Sorge, der Stillvorgang könnte für andere nicht gut genug zu sehen zu sein. Hier, bei Modersohn-Becker, sind Mutter und Kind für sich, als gäbe es kein Publikum, kein Außen.

Das Eigengesetzliche ihrer Kunst hat häufig dazu geführt, dass Modersohn-Beckers Weltläufigkeit und Kenntnis unterschätzt wurden. Wo sie mit der Tradition brach, verwischte sie die Spuren, in ihren Bildern gibt es, schreibt Darrieussecq, „keine Rache, keine Belehrung“. Gleichwohl, betont die Kunsthistorikerin Birgit Dalbajewa, die zusammen mit Andreas Dehmer die Ausstellung in Dresden kuratiert, war sie „eine aus­ gezeichnete Ausstellungsgängerin“. Noch hochschwanger in Worpswede ließ sie sich den neuesten Katalog des Salon d’Automne aus Paris schicken.

Rilke bewunderte ihre Fähigkeit, in Anfängen zu denken, sich wieder zu erfinden – ohne ein Vorbild zu haben und ohne Applaus. 

Diese weltliche Seite, das Netzwerk und den Werdegang der Malerin, wird die Ausstellung „Becoming Paula“ im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen ausleuchten. Die Institution feiert gleichzeitig ihr hundertjähriges Bestehen und versammelt neben Selbstbildnissen der Künstlerin die Porträts, die sie von anderen schuf, etwa von der Bildhauerin und Freundin Clara Rilke-Westhoff, der Pianistin Lee Hoetger oder Rilke. Von Modersohn-Beckers unermüd­licher Energie, ihr Handwerk erweitern zu wollen, zeugen die großformatigen Zeichnungen, die sie an den Schulen und Akademien anfertigte, die sich für Frauen geöffnet hatten.

Und weil die Geschichte von „Becoming Paula“ nicht ohne das Phänomen der Nachträglichkeit erzählt werden kann, ohne die jüngere Kunstgeschichte und wachsende Gefolgschaft, geht der Blick bis in die Gegenwart. Die in London arbeitende Chantal Joffe etwa gehört nicht nur zu den herausragenden Malerinnen der Gegenwart, sondern schöpft aus Modersohn-Beckers Werk. Fritz Winter, der deutsche Abstraktionsstar der Nachkriegszeit, schulte sich daran, wie auch Georg Baselitz. Er widmete der Malerin vor einigen Jahren ein Bild, womöglich auch als Entschuldigung dafür, noch 2013 behauptet zu haben: „Frauen malen nicht so gut. Das ist ein Fakt.“

„Ich fühle, dass die Zeit bald kommen wird, in der ich mich nicht mehr dafür schämen und schweigen muss, sondern stolz darauf sein kann, eine Malerin zu sein“, schrieb Modersohn-Becker im Alter von 26 Jahren. Als sie vier Jahre darauf, im Mai 1906, ihr ikonisches „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ malte, hielt sie die Kunstgeschichte an. Noch nie zuvor hatte sich eine Malerin auf der Leinwand nackt verewigt, noch dazu schwanger, mit herausgewölbtem Bauch. Für diese Darstellung hatte sie sich entschieden, obwohl sie zum Zeitpunkt des Selbstporträts kein Kind erwartete. Das Gemälde gehört heute zu den größten Schätzen des Paula Modersohn-Becker Museums, mit denen es im Jubiläumsjahr einmal mehr auftrumpfen kann.

Gefühlvolle Porträtkunst: „Stehender und kniender Mädchenakt vor Mohnblumen II“ (1906). von Modersohn-Becker
Gefühlvolle Porträtkunst: „Stehender und kniender Mädchenakt vor Mohnblumen II“ (1906). © Museum Behnhaus Drägerhaus/Lübecker Museen

Die Kunstgeschichte rätselt bis heute: Wusste die Künstlerin, dass sie die Erste war, die sich in dieser Form malte? Wollte sie den Tabubruch? Warum blickt sie dabei so ruhig und vertrauensvoll aus dem Gemälde? Dass auch Modersohn-Beckers Ehrgeiz nicht unterschätzt werden sollte, unterstreichen Sätze wie die folgenden aus dem Jahr 1898. Während der Lektüre des Tagebuchs der Malerin Marie Bashkirtseff, das zu einem Kultbuch aufgestiegen war, notierte die Künstlerin: „Ich lese jetzt das Tagebuch der Marie Bashkirtseff. Es interessiert mich sehr. Ich werde ganz aufgeregt beim Lesen. Die hat ihr Leben so riesig wahrgenommen. Ich habe meine ersten zwanzig Jahre verbummelt. Oder wuchs ganz in der Stille das Fundament, auf dem die nächsten zwanzig Jahre aufbauen sollen?“

Inzwischen wird ihr Werk routiniert mit dem Pablo Picassos verglichen. Der Spanier und die Deutsche ließen sich von ähnlichen Vorbildern in Paris inspirieren, suchten die Vereinfachung und fanden sie im Maskenhaften. Mehr noch: Die amerikanische Kunsthistorikerin Diane Radycki lieferte 2013 ­ Belege dafür, dass Picasso ein Gemälde Modersohn-Beckers als Vorlage diente. Sein berühmtes Porträt Gertrude Steins entstand 1906, nach ihrem Bildnis Lee Hoetgers – so Radycki.

Wer die Kettenreaktionen weiterverfolgen will, die Modersohn-Beckers Werk angestoßen hat, muss schließlich nach Worpswede fahren. Die heute berühmteste Künstlerin der in Legenden gehüllten Kolonie steht mit ihren Weggefährtinnen im Mittelpunkt der Ausstellungen zum „Impuls Paula. Eine künstlerische Entdeckungsreise“ in den vier Museen vor Ort. Ihre Ausflüge in die angewandte Kunst werden ebenso gezeigt wie die historischen Lebenswelten jenseits der Malerei. Der Alltag der Bäuerinnen und ihrer Kinder, die für Modersohn-Becker Modell standen, wird zum Thema werden. Den An­lass der Spurensuche gibt wieder: eine Darstellung im Halbakt.

Bleibt die Frage, ob Modersohn-Becker geduzt werden kann. Darf sie einfach Paula genannt werden, wenn doch Munch oder Picasso nie Edvard oder Pablo heißen? Das Paula Modersohn-Becker Museum tut es 2026 mit dem Ausstellungtitel „Becoming Paula“. „Es bleibt eine Ausnahme“, versichert Frank Schmidt, der Direktor. Der Titel würde das Phänomen ihres Erfolgs bezeichnen, nicht die Künstlerin selbst. Die Liste von Gründen, die dagegensprechen, Frauen zu duzen und Männer zu siezen, kennt Schmidt, und sie überzeugen ihn. Sein Haus weicht nur beim Titel davon ab – und auch nur für die Dauer der Ausstellung.

Modersohn-Becker haderte selbst mit ihrem Nachnamen. Weder der angenommene Name des Ehemannes noch der Mädchenname leuchteten ihr ein. Im Februar 1906 schrieb sie an Rilke: „Und nun weiß ich gar nicht, wie ich mich unterschreiben soll. Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker, Ich bin Ich, und hoffe es immer mehr zu werden.“ Auch 2026 werden wir staunend dabei zusehen.

Service

INFOS ZU DEN AUSSTELLUNGEN

„Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens“, Albertinum, Dresden, 8. Februar bis 31. Mai 2026

„Becoming Paula“, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen, 8. Februar bis 6. September 2026

„Impuls Paula“, Worpsweder Museen, 7. Februar bis 1. November 2026

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