Yayoi Kusama in Basel

Planet der Punkte

Mit ihren Polka Dots hat Yayoi Kusama längst die Welt erobert. Nun würdigt eine große Retrospektive in Basel ihr epochales Werk

Von Tim Ackermann
22.12.2025
/ Erschienen in WELTKUNST Nr. 249

Kusamas immersive Environments, in denen das Publikum seine eigene Präsenz im Austausch mit der Kunst reflektieren kann, verblüfften damals hippe Kunstkritiker wie Peter Schjeldahl und lassen das heutige Publikum in Warteschlangen für ein gelungenes Instagram-Selfie verharren. Die Fondation Beyeler zeigt zwei ganz neue dieser Räume: „Infinity Mirrored Room – Illusion Inside the Heart“ (2025) ist im Garten des Museums aufgebaut, sodass die Besuchenden sich in der verspiegelten Außenfassade inmitten der Natur sehen. Im Inneren wartet auf sie ein Trip durch einen unendlichen Kosmos bunter Polka Dots – ausgelöst durch das Tageslicht, das durch farbige Öffnungen fällt. So verändert sich der Raum stetig. Nicht weniger spektakulär wirkt das zweite Werk im Untergeschoss der Fondation Beyeler: In diesem gigantischen Environment zieht sich ein gelbes Punktemuster auf schwarzem Grund über alle Wände und über riesige Tentakel, zwischen denen das Publikum umherläuft.

Yayoi Kusama
„Pumpkin“ (1991). Kürbisse mit Punkten, zum Teil als Großskulpturen, gehören zu den bekanntesten Werken der Künstlerin. Copyright YAYOI KUSAMA

Wer nun beginnt, sich selbst als einen Punkt im großen kunterbunten Kaleidoskop des Lebens zu sehen, denkt im Sinne der Künstlerin. Das revolutionäre Potenzial ihrer Polka Dots erkundet Kusama Ende der Sechzigerjahre in einer Reihe politischer „Naked Happenings“, in denen sie Punkte auf ihre eigene Kleidung malt, aber vor allem professionelle Tänzerinnen und Tänzer einsetzt, die ihre nackten Körper mit Farbe bepunkten lassen. Die Performances in der Wall Street oder auf der Brooklyn Bridge sind ein Protest gegen Krieg und Kapital und treffen den Nerv der Hippie-Bewegung, die Presse ist von den schrillen Auftritten entzückt. „Löscht eure Persönlichkeit mit Polka Dots aus“, fordert Kusama als „Oberpriesterin der Punkte“ in einem Artikel: „Werdet eins mit der Unendlichkeit. Werdet Teil eurer Umwelt. Zieht eure Kleider aus. Vergesst euch selbst. Macht Liebe. Selbstzerstörung ist der einzige Weg zum Frieden.“

Es gehört zu den wunderbaren Widersprüchlichkeiten im Œuvre Kusamas, dass sie in diesen „Self-Obliteration“-Werken die Selbstauflösung des Egos im kosmischen großen Ganzen behauptet und sich doch in sehr vielen Fotografien dieser Schaffensperiode bewusst als Person selbst inszeniert. Dieser Gegensatz bleibt über ihre weitere Karriere hinweg bestehen: Einerseits entwickelt sie in vielen miteinander verbundenen Werkfindungen eine Bildsprache, die universell ist und niemanden ausschließt. Und andererseits werden diese ästhetischen Erfindungen von ihr eben doch eher biografisch und intuitiv-emotional begründet. Ein Beispiel sind die seit ihrer Rückkehr nach Japan 1973 entstandenen Bilder von gepunkteten Kürbissen oder ihre berühmten Skulpturen von Riesenkürbissen, die sie seit Mitte der Neunzigerjahre zeigt: Kusama verbindet die Werke mit naturalistischen Bildern dieser „liebreizenden Früchte“, die sie als Studentin malte, weil ihr das „großmütige Aussehen und die solide seelische Stärke“ der Kürbisse zusagten. Ganz ähnlich sieht sie ihre jüngsten monumentalen Werkgruppen „My Eternal Soul“ (2009–2021) und „Every Day I Pray for Love“ (seit 2021): Die tägliche Arbeit an diesen farbenfrohen Bildern voller Punkte und biomorpher Formen bietet ihr einen Halt im Leben. „Ich wollte mir mit meinen künstlerischen Mitteln eine Zukunft schaffen und zugleich eine gesellschaftliche Revolution entfachen, die meinen Vorstellungen entsprach. Meine Kunst diente aber auch zur Selbstheilung meiner psychosomatischen Krankheit“, hat Kusama selbst erklärt. Auch wenn die Revolution am Ende nicht kam und es weiterhin Kriege auf dieser Welt gibt, so hat sie es doch immerhin geschafft, mit ihren radikalen Werken als Künstlerin viele ihrer männlichen Kollegen zu überflügeln und dabei alle persönlichen Hindernisse auf dem Weg zu meistern. Wir können sie dafür gar nicht genug bewundern.

Ausstellung

AUSSTELLUNG

„Yayoi Kusama“

Fondation Beyeler, Basel/Riehen

bis 25. Januar 2026

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