Mit ihren Polka Dots hat Yayoi Kusama längst die Welt erobert. Nun würdigt eine große Retrospektive in Basel ihr epochales Werk
Von
22.12.2025
/
Erschienen in
WELTKUNST Nr. 249
Halluzinationen ereilten Yayoi Kusama schon als junges Mädchen. Die 1929 in Matsumoto geborene Künstlerin führt sie auch auf die seelischen Anspannungen einer unglücklichen Kindheit zurück. Ihr Vater hatte viele Affären, ihre Mutter war ihr gegenüber gefühlskalt und wollte ihr nicht erlauben, Malerin zu werden. Dabei war die Kunst eine Zuflucht für Yayoi, wenn Visionen von sprechenden Hunden oder Veilchen mit Gesichtern sie zu übermannen drohten. „Das Zeichnen beruhigte mich, ich erholte mich von meinem Schreck und meiner Furcht“, schreibt sie in ihrer Autobiografie. Früheste Bilder in der Basler Ausstellung wie „Dead Corn Leaves“ (1945) oder „Harvest“ (um 1945) lassen Kusamas Talent erkennen, auch wenn die Naturstudien vertrockneter Blätter recht konventionell angefertigt sind. Gegen den Willen der Familie studiert sie dann doch Kunst und malt Anfang der Fünfzigerjahre Bilder im Stil eines stark abstrahierten Surrealismus. Nach ersten Ausstellungserfolgen wagt sie den Befreiungssprung nach Amerika. Ihre Eltern leihen ihr ein bescheidenes Startkapital.
In New York schließt Kusama mit ihren neu entwickelten „Infinity Nets“ plötzlich zur vordersten Reihe der Avantgarde auf: Das Publikum ist dank der amerikanischen Farbfeldmalerei bestens auf ihre ungegenständlichen Bilder, die ohne große Gestik auskommen, vorbereitet. In Europa etabliert sich parallel die monochrome Malerei von Yves Klein, Piero Manzoni, Lucio Fontana und den deutschen Zero-Künstlern. Unter ihnen findet die Japanerin wichtige Verbündete, sodass sie auch auf der anderen Seite des Atlantiks an Ausstellungen teilnimmt. Dabei bleibt sie jedoch stetig auf der Suche, wie die Basler Ausstellung zeigt, und sie entwickelt sich rasend schnell weiter: Die Halbmondformen aus ihren „Infinity Nets“ verwandeln sich in phallische Stoffskulpturen, mit denen sie Objekte wie einen Anzug, Schuhe oder einen Sessel überzieht. Und die Leerstellen der Netze werden zu einem Muster von Punkten. Mit diesen „Accumulations“ genannten Skulpturen, die sie ab 1962 zeigt, erklärt sie, ihre Angst vor Penissen bekämpfen zu wollen. Kunstgeschichtlich lässt sich konstatieren, dass Kusama hier den Gedanken des seriellen Arbeitens von ihren Bildern auf die Dingwelt des Alltags überträgt. Eine Pop-Strategie. Andy Warhols erste Suppendosenbilder entstehen kurz zuvor und Claes Oldenburgs erster Riesenburger aus Stoff wohl kurz danach. Wieder ist Kusama Teil des Zeitgeists, und als sie 1965 ihr „Phalli’s Field“ – ein Feld aus gepunkteten Stoffpenissen – in einem komplett verspiegelten Raum installiert, verlängert sich die Serienproduktion ins visuell Unendliche. Damit ist der erste „Infinity Mirror Room“ entstanden.