Mit ihren Polka Dots hat Yayoi Kusama längst die Welt erobert. Nun würdigt eine große Retrospektive in Basel ihr epochales Werk
Von
22.12.2025
/
Erschienen in
WELTKUNST Nr. 249
Am Anfang steht der Punkt. Durch das Aufsetzen des farbgetränkten Pinsels auf der Leinwand taucht er auf. Und provoziert das Auge mit seinem grenzenlosen Potenzial. Was wird aus diesem Punkt folgen? Er kann sich zu einer Linie erweitern und damit zur komplexeren Form. Oder er bleibt in sich geschlossen. Dann erscheint neben ihm vielleicht ein zweiter, dritter, vierter Punkt. Ein Meer aus Punkten.
Die Künstlerin Yayoi Kusama hat die Linie nicht abgelehnt – und sich doch in den wichtigen Momenten ihrer Karriere immer wieder für den anderen Weg entschieden: Mit ihren Punktmustern hat sie Leinwände, Großskulpturen, Möbel, Bekleidung, ganze Räume oder Hausfassaden sowie menschliche Körper bedeckt. Ihre farbigen „Polka Dots“ wurden so zu wichtigen Bausteinen ihrer Philosophie. Die hat kosmische Ausdehnung: „Wer sieht, dass unsere Erde nur ein Punkt unter Millionen anderen ist, wird begreifen, was ich mit Unendlichkeit meine“, erklärte Kusama in einem Interview. Das war 1969 und ihr Bestreben, nach den Sternen zu greifen, damals schon fest in ihr verankert.
Nun ist Yayoi Kusamas Retrospektive in der Fondation Beyeler in Riehen/Basel zu sehen. So wie die Philosophie der Künstlerin sprengt auch diese Schau alle Dimensionen: Mehr als 300 Werke werden gezeigt, über 130 Arbeiten davon zum ersten Mal in Europa. Zudem sind sämtliche Schaffensphasen vertreten, von frühesten Kinderzeichnungen bis zu ganz neuen Arbeiten. Diese beeindruckende Gesamtschau ihres Œuvres entstand in Kooperation mit dem Kölner Museum Ludwig und dem Stedelijk Museum in Amsterdam. Ein enormer Publikumszulauf steht bei Kusamas großem Gastspiel außer Frage – die 96-jährige Japanerin ist ohne Zweifel die berühmteste lebende Künstlerin dieses Planeten. Unvergesslich gerieten nicht zuletzt ihre zwei Kooperationen mit Louis Vuitton in den Jahren 2012 und 2023. Wobei sie beim zweiten Mal nicht nur Taschen, Hüte, Schuhe und Accessoires mit ihren Punkten verzierte, sondern auch mit gigantischen Selbstbildnis-Skulpturen vor dem Pariser Hauptquartier des Modehauses und dem Londoner Nobelkaufhaus Harrods souverän das Terrain markierte. Kusamas charakteristisches Auftreten mit Polka-Dot-Gewand und feuerroter Perücke hat etwas Ikonenhaftes. Seit 1977 lebt sie freiwillig in einer psychiatrischen Klinik, wo sie mittlerweile auch arbeitet. Ihr öffentliches Image hat Kusama jedoch stets kontrolliert gesteuert, so, wie sie mit enormem Willen ihren künstlerischen Weg gesucht hat. Dabei hat sie als Einzige das erreicht, was vor ihr niemand schaffte: Sie hat das Grundelement der Malerei erfolgreich als eigenes Markenzeichen reklamiert. Wenn wir heute im Museum Punkte erblicken, denken wir an Kusama.
Die Retrospektive in der Fondation Beyeler macht allerdings auch deutlich, dass der Erfolg der japanischen Künstlerin – besonders in den Anfangsjahren – verdammt hart erkämpft wurde: Als Yayoi Kusama im Frühjahr 1958 in New York aus dem Flugzeug steigt, steht niemand bereit, sie zu empfangen. Die 29-jährige Malerin mietet sich ein billiges Atelier und versucht, im Zentrum der Kunstwelt Aufmerksamkeit zu erlangen. Schnell ist ihr Geld aufgebraucht. So kocht sie Fischköpfe zu dünnen Suppen aus, um ihren Hunger zu mildern. Unter solch prekären Umständen entstehen allerdings bemerkenswerte Bilder: Wohl inspiriert von der amerikanischen Abstraktion bedeckt Kusama ihre Leinwände mit Tausenden kleinen, monochromen Farbbögen. Die Bögen umfassen in ihrer Mitte stets eine Leerstelle, die den dunklen Maluntergrund durchschimmern lässt. Es sieht aus, als hätte sie Netze über die Bilder geworfen. Mit ihrem weißen „Infinity Nets (1)“ von 1958 zeigt die Fondation Beyeler eine der frühesten Arbeiten aus dieser Phase neben anderen großartigen Beispielen wie dem blutroten „No. N2“ (1961). Kusama malt damals ohne Pause, steigert sich ins Obsessive hinein. Die Leinwände werden immer größer, bis zu zehn Meter lang. „Tatsächlich litt ich häufig unter neurotischen Zuständen“, erinnert sich die Künstlerin 2002 in ihrer Autobiografie: „Ich stand vor der Leinwand und malte meine Netze, ich malte auf dem Tisch und auf dem Boden, und schließlich bedeckte ich meinen Körper damit. Immer und immer weiter malte ich diese Netze, bis sie sich ins Unendliche ausbreiteten. Ich vergaß mich selbst, war von Netzen umschlossen, meine Arme und Beine, alles, was ich trug, alles im Raum war bedeckt mit Netzen.“