Mitten im winterlichen Venedig eröffnet Olaf Nicolai im Palazzo Diedo eine Bahn zum Schlittschuhlaufen. Wir sprachen mit dem deutschen Künstler über künstliches Eis, performative Inszenierungen und Widersprüche in der Kunst
ShareDarüber bin ich selbst etwas erstaunt. Der Aufkleber mit dem „Enjoy / Survive“-Motiv, der in der Ausstellung auf dem Boden liegt, stammt ja aus einem bestimmten Kontext. DIE ZEIT hat Ende 1999 Künstlerinnen und Künstler gebeten, für die Millennium-Ausgabe ein Motiv zu gestalten, das so eine Art visueller Kommentar zum neuen Jahrtausend sein könnte. Ich habe diese Grafik vorgeschlagen, damals noch in Schwarzweiß, und sie wurde angenommen und abgedruckt. In „Enjoy / Survive / Enjoy / Survive …“ wird für mich eine Dynamik lesbar, deren rasante Ausformungen ich selbst erlebt habe und für prägend halte. Ich hätte nicht gedacht, dass einmal etwas wie das iPhone erfunden wird und dass mit dem Internet eine fast internale Struktur des „Persönlichen“ entsteht, die uns durchdringt – sie ist nicht außen, sondern innen. Selbst jemand, der nie im Netz war, ist Bestandteil des Netzes. Wir müssen an dieser Technologie teilnehmen, die uns nicht nur umgibt, sondern zunehmend konstituiert.
Ich bin mir bewusst, in welchem Rahmen ich hier arbeite. Ich kenne Mario Codognato sehr lange, wir haben oft zusammengearbeitet und ich schätze ihn als Kurator sehr. Als er mich eingeladen hat, haben wir über die Bedingungen gesprochen und ich vertraue ihm. Er hatte 2001 das Eisfeld gesehen und sagte mir, dass er seitdem darauf gewartet hatte, es noch einmal zeigen zu können – und sich für ihn jetzt die einmalige Chance ergeben hat, es in dieser Konstellation, die eine einmalige Inszenierung ermöglicht, zu zeigen. Als ich den Palazzo dann besuchte, war ich überzeugt – wenn wir dies im Piano Nobile tun. Dem stimmte Mario Codognato sofort zu. Ich weiß, wir sind in einem Kontext, in dem mit sehr viel Geld eine Struktur geschaffen wurde, die sich philanthropisch präsentiert, aber nicht widerspruchsfrei ist. Man kann sicher fragen, ob man diese finanziellen Mittel nicht anders einsetzen könnte. Ich sehe die Ambivalenz, die ja auch in meiner Arbeit thematisiert wird. „Enjoy / Survive“. Wie genießen wir? Woran nehmen wir warum teil? Aus diesem Grund sehe ich diese Präsentation auch als eine Reflexion des Kontextes. Dinge und Handlungen werden durch Widersprüche konstituiert. Insofern ist das konstatieren wichtig, wenn wir sie verändern wollen – um zu verstehen, warum wir sie annehmen. Die Lösung eines Widerspruchs kreiert auch neue Widersprüche. Welche Widersprüche wollen wir?
Im Palazzo sieht man die Wandbilder und die Graffitis, die aus der Zeit stammen, als in dem Palast mal eine Schule war. Mario Codognato möchte den Ort öffnen, so verstehe ich seine Aktivitäten, der in Venedig eine Bedeutung für die Menschen hat, die hier leben und sie damit verbindet. Das Eislaufen steht jetzt im Mittelpunkt, aber auch mit anderen Aktivitäten, wie Lesungen, Vorführungen, Konzerte können hier stattfinden. Denn solche Orte, an denen sich die Gesellschaft treffen kann, werden zunehmend wichtiger. Und die kann und muss das gemeinsame Erleben auch einfordern. Ohne das, was ich als Kunst verstehe, wäre das Leben eine relativ sinnlose Veranstaltung – nicht nur wegen des Genusses, den sie ermöglicht, sondern auch deshalb, weil durch die Art und Weise, wie man eine Arbeit genießt, über das Widersprüchliche, von dem ich sprach, reflektiert werden kann. Der Künstler Lewis Baltz, der selbst in Venedig lebte, hat dies einmal sehr schön formuliert: „The spectacle can only be critiqued in spectacular terms“.
Olaf Nicolai: „Eisfeld II“
Palazzo Diedo, Berggruen Arts & Culture, Venedig
bis 22.Februar 2026, Freitag bis Sonntag, während den Weihnachtsfeiertagen und zu Karneval 15–19 Uhr
Im Kontext der Ausstellung kooperiert institutionell das Deutsche Studienzentrum in Venedig, bei dem Olaf Nicolai im Jahr 1993 Kunststipendiat war und für das die Autorin als Referentin für Kunstförderung tätig ist.