Mitten im winterlichen Venedig eröffnet Olaf Nicolai im Palazzo Diedo eine Bahn zum Schlittschuhlaufen. Wir sprachen mit dem deutschen Künstler über künstliches Eis, performative Inszenierungen und Widersprüche in der Kunst
ShareAn einem sonnigen Dezembertag stellt der deutsche Künstler Olaf Nicolai im Prunkgeschoss des Palazzo Diedo in Venedig seine Installation „Eisfeld II“ vor. Unter hohen Decken dreht auf einer zwanzig Meter langen Bahn eine Eislaufkünstlerin im Glitzerdress zu einem elektronischen Soundscape gewagte Pirouetten. Ihre Figur fügt sich perfekt in die illusionistische Architektur ein, und für einen Moment sieht es so aus, als sei sie ein Teil der freskierten Innenausstattung.
Die Besucherinnen und Besucher sind fasziniert, trauen sich aber nicht gleich aufs Eis. Erst später ziehen einige junge Leute fröhlich ihre Bahnen, manche halten sich an den Händen. Dabei hallt ein minimalistischer Synthie-Pop durch den Raum und zwei riesige psychedelische Neon-Kreise blinken von den Hauptwänden. Dort ploppt in Orange und Pink mantraartig das Leitmotiv „Enjoy / Survive“ auf. In einer Ausstellung mit diesem Titel hatte Olaf Nicolai sein erstes „Eisfeld“ im Jahr 2001 im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich gezeigt. In Venedig spricht der Künstler darüber, wie es zu der Neuauflage kam und was jetzt, über zwanzig Jahre später, anders und doch gleich ist.
Weil eine Bahn zum Schlittschuhlaufen, die wir Eisbahn nennen, heute aus künstlichen Materialien besteht – man spürt sofort, wie sich etwas, das wir als natürlich annehmen, auf einmal verändert. Wir gehen auf einem Material – Eisskaten, Eislaufen, Eishockey spielen – das zwar die Qualitäten von Eis hat, aber kein Eis mehr ist. Die Oberfläche scheint gleich, aber was hinter der künstlichen Herstellung steckt – die Chemie, die Energie – ist eine komplexe Technologie. Zwar wirbt die Schweizer Firma, die die Platten herstellt, für Nachhaltigkeit und Klimaneutralität, aber wenn wir genauer fragen, wie es bei der Herstellung mit dem Energieverbrauch von Materialbeschaffung bis Verarbeitung, Transport und Entsorgung ist, dann wird das Bild wohl etwas vielfältiger. Diese Widersprüchlichkeit erstmal als solche zu akzeptieren, ist ein wichtiger Schritt für mich. Wir können den Widerspruch, wie er in dem Wortspiel „Enjoy / Survive / Enjoy / Survive…“ steckt, nicht lösen, aber wir können uns bewusst machen, wie wir ihn wieder neu artikulieren.
Die künstliche Eisproduktion, mit der hier jetzt gearbeitet wird, aktualisiert meine Arbeit wunderbar. Im neuen Stand der Technologie übersetzt sich auch ein neuer Stand der Inszenierung. Es sieht aus wie Eis, und es ist, wenn man es adäquat installiert, eben „Eis“. Es ist gar nicht mehr wichtig, welche Art von Eis es ist, denn es muss funktionieren – vor allem als mediales Ereignis.
Schon für das „Eisfeld“, das 2001 im Migros Museum in Zürich gezeigt wurde, hatte ich die Idee, mit der Musik eine Animationsebene zu schaffen. Damals kamen in den Shoppingmalls und auch in Fahrstühlen die Soundscapes auf, um Kunden mit einem emotionalen Erlebnis zu binden. Die Produktbindung auf der Emotionsebene wurde auf einmal viel wichtiger als die über die Ebene des Praktischen.
Das „Eisfeld“ nun als neue Variante „Eisfeld II“ in Venedig zu zeigen, ist etwas Besonderes, da diese Stadt selbst eine fantastische Konstellation des Widerspiels von Künstlichkeit und Natürlichkeit verkörpert. Die Gegebenheiten, unter denen die Lagune besiedelt wurde, sind bemerkenswert. Wenn wir hier sind, fragen wir uns, wie das eigentlich funktionieren konnte. Deshalb macht diese Inszenierung für mich hier ganz besonders Sinn. Ich hätte nie gedacht, dass ich die Arbeit noch einmal zeige. Wir Künstlerinnen und Künstler haben eine gesellschaftliche Relevanz und zwar nicht dadurch, dass wir direkte politische Botschaften aussenden, sondern dadurch, wie wir durch unsere Formen Sinnlichkeit formatieren und vergesellschaften. Das Politische an der Kunst ist für mich in diesem Sinne nicht der Inhalt, sondern die Form. Denn in der Form wird die Sinnlichkeit formatiert.
Ja, denn es ist interessant zu sehen, was mit dem Körper passiert. Die skulpturale Haltung der Eisläuferin geht so weit, dass sie die Figuration der Wandmalereien imitiert. Das wirkt im ersten Moment „staged“ und artifiziell, aber es artikuliert auf extreme Weise etwas, das sowieso stattfindet: die performative Inszenierung. Und die ist heute eines der wichtigsten Instrumente, um ökonomisch aktiv zu sein.