Ausstellungen

Boros im Berghain: Die Musealisierung hat begonnen

Berlins Techno-Club Berghain wird zum spektakulären Ausstellungsort: Die Boros Foundation lädt 105 Künstler ein, aktuelle Arbeiten aus ihren Berliner Ateliers zu zeigen

Von Christiane Meixner
22.08.2020

Das wird ganz sicher keine Corona-Ausstellung. Sagt Christian Boros, der es wissen muss: Schließlich gehört er zu den Initiatoren, die das Berghain in nächster Zeit wiederbeleben. Wenn auch als Kunstort statt als Berlins spektakulärsten Techno-Club.

Die Ausstellung „Studio Berlin“ will das Beste aus beiden Welten zusammenbringen. Die monumentalen Hallen im Berliner Stadtteil Friedrichshain füllen sich mit Arbeiten von Michael Sailstorfer, Raphaela Vogel, Andro Wekua, Manfred Pernice oder Rosemarie Trockel. Das passt, schon imaginiert man Pernices absurde Architekturen oder Sailstorfers brachiale Mobiles im Halbdunkel des alten Heizkraftwerks. Der Performancekünstler Rikrit Tiravanija wird ein monumentales Banner an der Fassade anbringen, in dem es nicht zuletzt um die Zukunft des Clubs geht. Wobei sich das Berghain und die Kunst immer schon nahe waren – dank der fest installierten Fotografie von Wolfgang Tillmans oder Joseph Marrs honiggelben Männerskulpturen aus Zucker im Tresen der „Klobar“. Diesmal aber machen 105 Künstler und Künstlerinnen den Club zu einem riesengroßen Labor, in dem sichtbar wird, woran sie in den vergangenen Monaten oft jenseits aller Öffentlichkeit gearbeitet haben.

Tillmans ist auch bei „Studio Berlin“ dabei, genau wie Bettina Pousttchi, Marc Brandenburg, Isa Genzken oder Mariechen Danz. Was sie – neben der strikt subjektiven Auswahl, die Boros zusammen mit seiner Frau Karen und Juliet Kothe als Leiterin der Boros Foundation im Dialog mit den Künstlern getroffen hat – verbindet: Sie leben und arbeiten in Berlin. Und alle haben in den vergangenen Monaten eine ähnliche Erfahrung gemacht: Der Kunstbetrieb war im Lockdown, während sie selbst in den Ateliers so konzentriert wie wahrscheinlich schon lange nicht mehr arbeiten konnten.

Halle am Berghain Klanginstallation Ausstellung
In der Halle am Berghain war schon mehrfach Kunst zu erleben, wie zuletzt die Klanginstallation „tamtam. eleven songs“. Jetzt wird die Halle mit dem gesamten Club zur Ausstellungsfläche. © Stefan Gnatzy

Diese Kunst strebt nach draußen, meint Christian Boros. Gerade weil in jüngerer Vergangenheit so viele Ausstellungen abgesagt oder verschoben wurden. Auf der Suche nach einem adäquaten Ausstellungsort sind die Boros Foundation und das Berghain zusammengekommen. „Ein Ort der Freiheit“, der das Individualistische feiert. Man kann es auch prosaischer sagen: Berlins wichtigster Club befindet sich in einer existenziellen Krise. Seine legendären Nächte, schwitzende Körper zu Techno-Beats, wird es auf lange Zeit nicht geben. Wie lange sich ein Ort dieser enormen Größe und mit Dutzenden von Mitarbeitern in dieser Situation halten kann, weiß niemand. Auch die „Wilde Renate“ gönnt sich mit „Overmorrow“ bereits eine Schau in ihren Clubräumen, hier wandert man gegen Eintritt durch eine immersives Gesamtkunstwerk.

Im Berghain wird es Führungen geben, dazu Drinks und Gespräche. Der Bedarf, man kann es sich denken, ist da: Auch wenn Boros sich vom vordergründigen Thema Corona distanziert, verhandeln die Arbeiten doch eine Phase der Selbstisolation und Introspektion, die wohl jeden berührt, der seit März ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Diese Intensität der Auseinandersetzung gehört zum Projekt, das teils von der Stiftung und teils vom Berliner Kultursenat finanziert wird. Ein Super-Projekt, das allen gerecht wird: den Künstlern, dem Berghain als Kulturstätte und den Besuchern, die ab dem 9. September endlich wieder Club-Feeling zu spüren bekommen. Eingeschränkt, okay. Aber doch typisch Berghain: Es herrscht auch diesmal striktes Fotoverbot. Wer „Studio Berlin“ besucht, muss die Fotolinse seines Handy an der Tür abkleben lassen. Vielleicht beim legendären Türsteher Sven Marquardt, der ebenfalls in der Ausstellung mit seinen eindringlichen Schwarz-Weiß-Porträts vertreten ist.

Service

AUSSTELLUNG

„Studio Berlin“, Berghain, Berlin

ab 9. September