Ausstellungen

Schaufenster: Zähne zeigen im Idyll

Das Werk des Objektkünstlers Michael Sailstorfer entfaltet in der ländlichen Atmosphäre der Galerie Zink ganz neue Seiten

Von Christiane Meixner
23.04.2020

Wer die Kunst von Michael Sailstorfer im Regen stehen lässt, der hat Pech: Sie schwindet, löst sich auf, vergeht. Auch Kühe und Ziegen, die rund um die Galerie Zink im bayerischen Waldkirchen leben, machen es den Skulpturen schwer. Viel zu lecker ist das vom Künstler verwendete Salz, als dass die Tiere so ein monumentales Ohr einfach links liegen ließen.

Sailstorfer hat damit kein Problem: Es gibt Fotos, auf denen hält er den Vierbeinern seine neuesten Arbeiten zum Rundlecken hin. Denn die Ohren und Zähne, um die es ihm in seiner aktuellen Ausstellung „1-32“ geht, handeln vom Kreislauf des Lebens: Der Hörsinn, symbolisiert durch die vielfach vergrößerte Ohrmuschel, verabschiedet sich im Alter, die 32 menschlichen Zähne zerbröseln mit der Zeit wie das Salz. Auch wenn Sailstorfers wunderbare, verstreut auf dem Boden der Galerie liegenden Skulpturen wie ewiger Marmor wirken.

Steinsalz als Material der Vergänglichkeit

Der Künstler, Jahrgang 1979, der in Berlin lebt und vielfach mit Preisen ausgezeichnet wurde, bedient sich häufiger direkt aus der Natur. Er hat Bäume auf den Kopf gestellt, um mit ihren Kronen den Boden zu fegen. Bewegt wurden sie von einer Maschine. Und exakt dieser Widerspruch zwischen Natur und Technik, ihr konträres Zusammenwirken, kennzeichnet sein gern wuchtiges Werk.

Diesmal ist es anders. In Waldkirchen steht Steinsalz als Material für Transformation und Vergänglichkeit, im Galerieraum herrscht Stille. Zähne und ihre tief im Fleisch siedelnden Wurzeln – auch das ein symbolhaftes Bild für die Verbundenheit der Menschen hier mit ihrer Region – tauchen als Motiv in Sailstorfers Gemälden wieder auf. Und „Brenner RO2“, ein raketenähnliches Objekt am Eingang zur Galerie, fungiert als simpler Holzofen.

Einzig im Entrée leistet sich der Künstler mit einem großen, von Bierflaschen bekrönten Leuchter einen Scherz. „Hangover“ heißt das über den Köpfen der Besucher baumelnde Werk, doch die Parallelen zum gleichnamigen Blockbuster, in dem vier Freunde schwer verkatert im Chaos aufwachen, liegen auf der Hand.

Der Künstler und die Galerie arbeiten seit langem zusammen. Zinks Umzug 2016 aus Berlin ins Ländliche entlockt Sailstorfer nun aber andere Töne als die gewohnten. In der Natur nimmt er Abstand von seinen lärmenden Interventionen. Und ja, es gibt auch eine Serie von Pistolen namens „Gun“, deren absurd lange Läufe den Weg der Kugeln nachzuzeichnen scheinen. Doch auch sie machen keinen Krach, sondern erinnern an die trügerische Stille und Fragilität von Idyllen.

Service

AUSSTELLUNG

„Michael Sailstorfer: 1-32“

Galerie Zink, Waldkirchen
nach Voranmeldung, bis 7. Juni