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Christine Sun Kim: Sign oder Nicht-Sign

Die taube Sound-Künstlerin Christine Sun Kim thematisiert in Performances, Videos und Zeichnungen spielerisch ihre Alltagswelt. Wir haben sie in ihrem Berliner Atelier besucht

Von Lisa Zeitz
19.08.2020

Welcher Künstler hat wohl jemals ein größeres Publikum gehabt als Christine Sun Kim am 2. Februar 2020? Mehr als 100 Millionen Menschen sahen sie beim größten amerikanischen Sportereignis des Jahres, dem sogenannten Super Bowl, im Footballstadion von Miami und auf Fernsehbildschirmen auf der ganzen Welt. Da stand sie im silbernen Kleid, mit hochgestecktem Haar und baumelnden Perlenohrringen strahlend auf dem grünen Rasen und bewegte die Hände, die Arme, das Gesicht und den ganzen Körper zur amerikanischen Nationalhymne, während die Sängerin Demi Lovato das Lied akustisch in den Abendhimmel von Florida schmetterte. Christine Sun Kim übersetzte es in die Worte und Grammatik der Gebärdensprache American Sign Language.

„Bring Deinen Laptop mit“, schreibt die Künstlerin mir wenige Wochen zuvor, als wir uns zum ersten Treffen in ihrem Berliner Atelier verabreden. „Damit wir uns besser unterhalten können.“ Ein heller Raum in einem Altbau mit Fischgrätparkett im Wedding dient ihr zum Arbeiten – die weiteren Zimmer bewohnt sie mit ihrem Mann, dem Künstler Thomas Mader, und der gemeinsamen dreijährigen Tochter.

Christine Sun Kim, Foto: Ina Niehoff
Christine Sun Kim, Foto: Ina Niehoff

Ich bin sehr neugierig, die taube Sound-Künstlerin kennenzulernen. Wir platzieren unsere Laptops nebeneinander auf dem Ateliertisch und stellen die Schrift­größe so ein, dass die Wörter in der Größe von Zeitungsschlagzeilen erscheinen. Unsere Finger liegen auf den Tastaturen, der Blick auf dem Bildschirm, dann wieder wenden wir uns einander zu, gestikulieren lachend, fragend oder nickend. Es ist eine andere Art von Interview, leise, aber sehr lebendig. Hastig und ohne auf die Rechtschreibung zu achten, schreiben wir auf Englisch. Die Künstlerin ist 1980 als Tochter koreanischer Eltern in Kalifornien geboren und vor sieben Jahren von New York nach Berlin gezogen. Jetzt erzählt sie von ihrem bevorstehenden Auftritt in Miami: „Ich fühle mich sehr zerrissen.“ Die National Football League, die umsatzstärkste Sportliga der Welt, ist als reaktionärer Verein bekannt. Den Quarterback Colin Kaepernick – Sun Kim ist ein Fan von ihm – hat die Liga fallen lassen, als er mit seinem Kniefall Rassismus anprangerte. Die Künstlerin hat über Monate mit der Entscheidung gehadert, ob sie den Auftrag zur Übersetzung der Nationalhymne annehmen sollte. Sie ist ein politisch aktiver Mensch. Letzten Sommer hat sie an der Whitney Biennale in New York teilgenommen, dem wichtigsten Gradmesser zeitgenössischer Kunst in Amerika, und gehörte zu einer Handvoll Künstler, die aus Protest gegen den in Waffenhandel verstrickten Vorstand Warren Kanders ihre Werke abgezogen. Mit Erfolg: Er trat von seinem Posten zurück.

Was den Super Bowl angeht, will Kim sich die Gelegenheit zu dem Auftritt schließlich nicht entgehen lassen. Zu wichtig ist ihr das Anliegen, die taube Community zu repräsentieren, ihre Sprache und Kultur sichtbar zu machen. „Jemanden wie mich im Fernsehen zu sehen (taub und asiatisch), kann wirklich einen Eindruck hinterlassen. Ich sehe immer weiße, schwarze oder lateinamerikanische taube Menschen, aber keine Asiaten.“

Gibt es eine offizielle Version der Hymne in American Sign Language, kurz ASL? Sofort zeigt sie mir ein Beispiel zu dem Teil des äußerst martialischen Liedes, in dem es um „in der Luft explodierende Bomben“ geht. Kim betont die Interpretationsmöglichkeiten der Gebärdensprache und erweckt den Text zum Leben: Für die „explodierenden Bomben“ hat sie die Backen gebläht und stößt die Luft durch die geschlossenen Lippen aus, während sie die Hände hebt, die Faust öffnet und die Finger wie leuchtende Feuerwerkskörper abspreizt. Diese Gebärde kann in verschiedenen Intensitätsgraden ausgeführt werden – keine Frage, bei Kim stellt man sich die Bomben sehr dramatisch vor.

Christine Sun Kim Notenschrift
Immer wieder tauchen Notenschrift und Liniensystem in ihrer Kunst auf, so auch im Blatt der Serie „Available Spaces for Composers“ aus dem Jahr 2016. © Courtesy the artist and Greene Naftali, New York

Jetzt freut sie sich auf das Spektakel in Miami, das nur wenige Tage später stattfinden wird, und beschreibt das ärmellose Outfit, das sie dafür ausgewählt hat. Es ist von Humberto Leon, einem der Gründer des New Yorker Modelabels Opening Ceremony: „Ich brauchte etwas, in dem ich große Bewegungen machen kann, und wollte zudem ein Kleid von einem asiatischen Designer.“ Christine Sun Kim, die ebenso als Model arbeiten könnte, hat einen furchtlosen Kleidungsstil, der von neonfarbenen Socken mit Badelatschen bis zum transparenten Glitzeranzug reicht.

Auf dem Sportfeld wenige Tage später wird ihre Performance Millionen von Zuschauern bewegen – und doch wird sie den Abend später als „riesige Enttäuschung“ beschreiben. Den Hintergrund dafür erklärt sie am Tag nach dem Ereignis in der New York Times: „Als Kind von Immigranten, als Enkelin von Flüchtlingen, als taube Frau, als woman of color, als Künstlerin und als Mutter, war ich stolz die Nationalhymne zu übersetzen“, wird sie dort zitiert. „Ich wollte meinen Patriotismus ausdrücken und das Land ehren … das im Innersten an gleiche Rechte für alle Bürger glaubt, inklusive derer mit Behinderung.“ Aber leider wurde die Performance zwar vollständig auf den großen Screens im Stadion übertragen, doch für die Millionen Zuschauer an den Fernsehbildschirmen war Christine Sun Kim nur für Sekunden zu sehen – so wurde eine Chance vertan, ihre Community sichtbarer zu machen. Genau das wäre ihr so wichtig gewesen. Sie weist auf die Diskriminierung, die Unsichtbarkeit der Tauben hin, die schreckliche Folgen haben kann, und führt Fälle von Zusammenstößen mit der amerikanischen Polizei auf, die in den vergangenen Jahren für ­Taube sogar tödlich ausgegangen sind.

Bandana Christine Sun Kim
Für die Artists Band Together Kampagne hat Christine Sun Kim dieses goldfarbene Bandana entworfen. Mit der Kampagne soll Aufmerksamkeit auf demokratische Werte und die bevorstehende Wahl in Amerika gelenkt werden. Die Hände auf dem Tuch sagen „wählen" in Gebärdensprache. © Christiane Sun Kim

„Kunst ist biografisch“, erklärt Christine Sun Kim mir in ihrem Atelier. „Man kann kein Werk schaffen, wenn man eine seiner Identitäten ausschließt.“ Die Taubheit thematisiert sie immer wieder: Zu ihrer Performance „Nap Disturbance“ auf der Frieze London 2016 machten sechs Männer und Frauen in grünen Overalls erst leise Schritte auf Zehenspitzen, wurden langsam lauter, bis sie heftig aufstampften. Auch Stühle, Tassen und Besteck nutzten sie für die anschwellende Geräuschkulisse – dass man damit stört, wurde der Künstlerin schon als Kind bewusst. Das Video „Looky Looky“ von 2018 ist eine Zusammenarbeit mit ihrem Mann Thomas Mader: Er lernt von ihr Ausdrücke in ASL, die ohne Hände, nur mit dem Gesicht gesprochen werden.

In ihren Zeichnungen bedient sie sich oft grafischer Darstellungen: In „Degrees of Deaf Rage While Traveling“ hat sie Reiseerfahrungen in unterschiedliche Grade der Wut eingeteilt: von einem Uber-Fahrer, der anruft, anstatt ihr eine SMS zu schreiben, bis zu wichtigen Transit-Informationen, die nur lautsprachlich übermittelt werden, und – hier ist die Wut bei 100 Prozent – einem Koffer, der auf dem Rollfeld stehen bleibt, weil keiner sich gemeldet hat, als die Flugbegleiter die Reisenden nur lautsprachlich fragten, wem das Gepäckstück gehöre. Von Miami reist Christine Sun Kim im Februar weiter nach Cambridge zur Eröffnung ihrer Einzelausstellung am List Visual Arts Center, der renommierten Galerie des Massachusetts Institute of Technology. Ihre Schau dort heißt „Off the Charts“ und erforscht, so heißt es auf der Website der Galerie, „die Welt der Klänge als ein multisensorisches Phänomen, mit auditiven, visuellen, räumlichen und sozial determinierten Qualitäten.“ Unter anderem wird „One Week of Lullabies for Roux“ gezeigt.

The Sound of Obsessing Christine Sun Kim
Wie klingt „Besessenheit“? Christine Sun Kim stellt es sich zeichnerisch mit dem „p" für „piano" bis „pianissimo possibile" vor. Die Zeichnung aus der Serie „The Sound of Non-Sounds" (2017) beschreibt den Klang von Begriffen, die -eigentlich keine akustische Qualität haben – wie „Temperatur" oder „Inaktivität". © Christine Sun Kim

Seit ihre Tochter Roux auf der Welt ist, denkt die Künstlerin darüber nach, mit welchen Tönen und Geräuschen ihr Kind konfrontiert wird. Die Vorstellung, dem Baby beliebte, aber ihr unbekannte Wiegenlieder („Lullabies“) vorzuspielen, war ihr unangenehm. So hat sie diese aus Roux’ „Klangdiät“ gestrichen. Kim regelt, was, wann und wie viel ihre Tochter hören soll. Sie bat Freunde, die selbst Eltern sind, Wiegenlieder für Roux zu kreieren, und hatte genaue Instruktionen, etwa „Länge egal; keine Reime, keine gesprochene Sprache; niedrige Frequenzen“ und „Sie sollen meinem Baby helfen, zwischen 19 und 20 Uhr einzuschlafen“. Die Ergebnisse sind im List Center über Kopfhörer zu hören. Aus der „Sound Diet“ hat Kim auch eine Zeichnungsserie entwickelt.

Mit Beginn ihrer Schwangerschaft bekam sie es mit der Angst zu tun, als sie sah, wie wenig Unterstützung arbeitende Mütter in vielen Wirtschaftszweigen erhalten, besonders in der Kunst. Da war es von Vorteil, in Berlin zu leben, nicht nur wegen der kostenlosen Kinderbetreuung, sondern auch wegen der Einstellung Müttern gegenüber. Hier kann sie ungestört ihrer Arbeit nachgehen. „Ich liebe es, meine Erfahrungen als Mutter in meine Kunst einfließen zu lassen.“

Christine Sun Kim Deutsche Oper
„Another Day Rising into Being“ zeigt die Werke von Christine Sun Kim in der Deutschen Oper. Foto: Privat

Wie sieht es aus mit ihren eigenen frühesten Erlebnissen mit der Kunst? „Zählt Garfield?“, fragt sie. Als Kind habe sie unermüdlich die Comics mit dem dicken Kater abgezeichnet. Bei ihr zu Hause spielte Kunst keine Rolle. Sie erinnert sich, dass sie und ihre ebenfalls taube ältere Schwester als Kinder in der Sonntagsschule Malbücher hatten, während ein Lehrer in Gebärdensprache biblische Geschichten erzählte. Die ersten Erfahrungen mit Kunst in großen Museen hat sie als unangenehm in Erinnerung. Kim hatte den Eindruck, dass ein „Museumsbesuch eine Aktivität für weiße Menschen sei“. Doch diese Spannung, das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, und ein bisschen Ärger waren ihr auch eine Herausforderung. ­Ärger sei nichts Schlechtes, sagt sie, er könne durchaus motivierend wirken. Als es nach der Highschool an ihre weitere Ausbildung ging – lange vor ihren Master-Abschlüssen vom Bard College und der School of Visual Arts in New York, wo der Kritiker Jerry Saltz zu ihren Professoren zählte –, fühlte sie sich verloren. „Ich war nur durcheinander, hatte keine Ahnung, was ich werden wollte.“ Das begründet sie auch mit psychischen Schranken, „mit der alten Mentalität“. Mit dem Gedanken, es wäre für Menschen wie sie unmöglich, Schauspielerin, Chefkoch oder alles Mögliche andere zu werden. Bevor sie zur Kunst kam, dachte sie an „die üblichen Karriereoptionen für unsere Community, Gebärdensprachenlehrer, Designer, Buchhalterin etc.“ Und ergänzt: „Es ist so wichtig, jungen Tauben zu zeigen, was alles möglich ist!“

Ihren ersten Aufenthalt in Berlin verdankt sie einem Künstlerstipendium. Sie verbrachte viel Zeit mit anderen Künstlern, fuhr mit dem Fahrrad durch die Stadt und sah viel Kunst. „In Berlin begann ich, über Sound als Medium nachzudenken.“ Zu dieser Zeit, holt sie aus, wurde Sound in der bildenden Kunst populär. In vielen Ausstellungen gab es nichts zu sehen, keine physischen oder visuellen Objekte, nur Ton. „Ich erinnere mich, dass ich eine Galerie betrat und dachte: Ich sehe nichts außer Lautsprechern. Da habe ich mich gefragt, was das für mich als Künstlerin bedeutet.“

Während ihres zweiten Stipendiums in Berlin traf sie ihren Mann, Thomas Mader, und beim dritten entschied sie zu bleiben. „Jetzt haben wir eine Tochter. ­Berlin ist voller Überraschungen und wird mich nicht so schnell loslassen.“

Tortendiagramm Kohlezeichnung Christine Sun Kim
Biografisches Tortendiagramm – Christine Sun Kims Kohlezeichnung von 2018 zählt die Gründe auf, warum ihre hörende Tochter die Zeichensprache lernt. 
© Yang Hao/ Courtesy the artist and White Space Beijing, Beijing

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Weltkunst Nr. 168/2020