05.02.2020 Bernhard Schulz

Wettkampf der Grazien

Geburt der modernen Skulptur: Die Gallerie d’Italia in Mailand bringt Werke von Antonio Canova und Bertel Thorvaldsen zusammen

Rom als kosmopolitisches Zentrum der Künste führte in den Jahrzehnten um 1800 die beiden bedeutendsten Bildhauer ihrer Zeit in die Stadt. Der ältere, Antonio Canova, kam 1781 als 24-Jähriger aus Venedig, der jüngere, Bertel Thorvaldsen, 1797 als 26-Jähriger aus Kopenhagen. Beide hatten bereits erste Erfolge zu verzeichnen und eine glänzende Zukunft vor sich. Sie unterhielten bald große Werkstätten in der Ewigen Stadt, die zu Treffpunkten der Oberschicht und vor allem der Besucher aus ganz Europa wurden. Bis zu ­Canovas Tod 1822 bestimmten die zwei Bildhauer in freundschaftlicher Konkurrenz das Kunstleben Roms, wiewohl beide oft und ausgiebig auf Reisen waren und andernorts Aufträge erfüllten; Thorvaldsen blieb noch bis 1842, ehe er, als Nationalkünstler gefeiert, nach Dänemark zurückkehrte.

In Mailand treffen die Konkurrenten aufeinander

Die Parallelen sind vielfältig, sie gehen bis ins Detail. Umso unverständlicher ist es, dass es bislang keine große Ausstellung gab, die die Künstler gemeinsam vorstellt. Den Mangel behebt nun die private Bankenstiftung Intesa Sanpaolo, die in ihrem prächtigen Mailänder Sitz an der Piazza della Scala eine Doppelschau zeigt, die es auf viele Jahre hinaus kein zweites Mal geben wird. Denn was hier zusammengetragen wurde, ist allein vom logistischen und finanziellen Aufwand her außergewöhnlich. Museen trennen sich nicht gern von transportempfindlichen Marmorarbeiten. Und doch sind in Mailand rund 150 Werke versammelt.

Mythologische Themen

Eine gewisse Routine hat die Petersburger Eremitage entwickelt, deren Canova-Skulpturen in den zurückliegenden Jahren bereits mehrfach zu sehen waren. So bilden Canovas „Drei Grazien“ von 1817 den einen Glanzpunkt im Mittelsaal der auf zehn Räume verteilten Ausstellung – den anderen ihr Gegenstück, die von Thorvaldsen im Jahr von Canovas Fertigstellung begonnenen, 1823 vollendeten „Grazien mit Cupido“. Hier hat man die Künstler so nah beieinander wie sonst kaum, mögen sich auch ihre Themen oft gleichen, denn beide schöpften aus dem Fundus der Antike und ihrer Mythologie.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Man rechnet beide Bildhauer dem Neoklassizismus zu, der mit ihnen seinen Gipfel und auch sein Ende erreichte. Aber an den Grazien lassen sich die Unterschiede buchstäblich mit Händen greifen. Canovas Marmor ist der sinnlichere, vom Bildhauer gezielt mit einem wächsernen Überzug geglättet, zum Darüberstreichen auffordernd. Thorvaldsen lässt bei aller Feinheit der Oberfläche das Material erkennbar und damit die physische Arbeit des Bildhauers. Und die Kompositionen der beiden Gruppen unterscheiden sich. Canova lässt seine Grazien in fließender Bewegung verschmelzen und fordert den Betrachter zugleich auf, die Gruppe zu umschreiten. Thorvaldsen hingegen zeigt drei räumlich voneinander abgesetzte Charakterstudien, hier weniger, in anderen Arbeiten sehr viel stärker, will er den Betrachter auf Frontalansicht verpflichten.

Service

Ausstellung

„Canova – Thorvaldsen: Die Geburt der mo­dernen Skulptur“

Gallerie d’Italia, Mailand, 
bis 15. März

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 167/2020