04.09.2019 Lisa Zeitz

Göttlicher Funke in Bamberg

Ai Weiwei, Jorinde Voigt und weitere zeitgenössische Künstler mischen die sakralen Schätze des Bamberger Diözesanmuseums auf

Das gab es noch nie: Zwischen den beiden Türmen des altehrwürdigen Bamberger Doms ist eine zehn Meter breite Neonskulptur von Via Lewandowsky angebracht. Mal leuchten die vier Buchstaben GOOD durch die Nacht, mal nur GOD – „good God“ das ist im Englischen nicht nur der gütige Gottvater, sondern wird im Alltag auch ausgerufen wie hierzulande „Ach du lieber Himmel!“. Die ganze Bandbreite von Überraschung, Staunen und Glauben an göttliche Inspiration bestimmt die aktuelle Ausstellung „Der Funke Gottes!“ im Diözesanmuseum, dessen Barockbau sich direkt an den Dom anschmiegt und den gotischen Kreuzgang integriert. Als Kuratoren haben sich der schon lange in Berlin ansässige Bamberger Kunsthändler Alexander Ochs und der Direktor des Diözesanmuseums, Holger Kempkens, zusammengetan, der eine für die moderne und zeitgenössische Kunst, der andere für die alten Meister.

Blick in die Ausstellung „Der Funke Gottes!
Blick in die Ausstellung „Der Funke Gottes!" im Diözesanmuseum in Bamberg, Foto: Uwe Gaasch

Kunst aus unterschiedlichen Epochen

Es ist eine beeindruckende Schau geworden. Einerseits regt sie mit dem verblüffenden Import junger Werke und den daraus resultierenden Gegenüberstellungen zum Nachdenken an, andererseits ermöglicht sie einen frischen Blick auf die alte Kunst. Und was für fantastische Objekte beherbergt das Museum – von einer anrührenden Madonna aus Tilman Riemenschneiders Werkstatt bis zum goldbestickten Sternenmantel Kaiser Heinrichs II. aus der Zeit um 1020.

Blick in die Ausstellung „Der Funke Gottes!
Blick in die Ausstellung „Der Funke Gottes!" im Diözesanmuseum in Bamberg, Foto: Uwe Gaasch

Dem kostbaren Textil liegt jetzt Leiko Ikemuras bronzene Figur „Memento Mori“ aus dem Jahr 2013 zu Füßen. Das hohläugige, geisterhafte Mädchen scheint zu schlafen, oder ist es tot? Halb Mensch, halb Pflanze, öffnet sich sein Kleid wie eine Blüte. Viele Skulpturen der Künstlerin haben sichtbare Hohlräume, manche erinnern sogar an eine Schutzmantelmadonna. Im Saal der kaiserlichen Mäntel sind die Phänomene des Verhüllens und des Vergehens so besonders präsent, bei den mittelalterlichen Textilien ebenso wie in der Kunst der Gegenwart. 

Anregende Gegenüberstellungen

Alexander Ochs hat schon in dreißig Kirchen, unter anderem im Berliner Dom, Ausstellungen organisiert, aber die im Diözesanmuseum, so sagt er selbst, ist die schönste von allen. Die inszenierten Zusammenhänge wirken intuitiv, ästhetisch, manchmal geradezu spielerisch, etwa wenn Jorinde Voigts abstrakte Papierarbeiten mit Gold und Chinatusche vor Votivbildern aus Wachs, Rosenkränzen und anderen Zeugnissen des Volksglaubens angebracht sind. 

Hier treffen barocke Reliquiaren auf eine „Coca-Cola-Vase
Hier treffen barocke Reliquiaren auf eine „Coca-Cola-Vase" von Ai Weiwei, Foto: Uwe Gaasch

In einer anderen Vitrine steht zwischen barocken Reliquiaren eine „Coca-Cola-Vase“ von Ai Weiwei. Indem der chinesische Regimekritiker das aus der Han-Dynastie stammende, mehr als 2000 Jahre alte Tongefäß mit dem Schriftzug des amerikanischen Getränkekonzerns versieht, begeht er einen Tabubruch: Kritik an Kunstkonsum oder Geschichtsvergessenheit? Die Nachbarschaft mit den Monstranzen erinnert daran, dass der blühende Reliquienhandel vergangener Jahrhunderte ebenfalls zu Diskrepanzen zwischen Beschriftung und Inhalt führte.

Neue Perspektiven auf den Bamberger Domschatz

Unzählige interessante Dialoge entspinnen sich: Gegenüber einem Krippenpanorama, das die Heiligen Drei Könige in Anbetung des Christuskindes darstellt, zeigt Andréas Langs Fotografie das „Tal von Jerusalem“ heute, inklusive Stacheldraht. Ein Multiple von Joseph Beuys aus dem Jahr 1977, die weiße Emailschüssel „Für Fußwaschung“, trifft eine überbordend prächtig gerahmte Reliquie, die seit mehr als 600 Jahren zum Bamberger Domschatz zählt: Mit dem simplen Stück Stoff soll Christus einst „seinen Jüngern die Füs gewaschen“ haben. Einen engen Bezug zur Stadt hat schließlich auch Marino Marini, der seine frühe Bronze „Cavaliere“ selbst dem Museum vermacht hat: Der Bamberger Reiter hat ihn als jungen Mann einst so beeindruckt, dass ihn das Thema sein Leben lang nicht mehr losgelassen hat.

Service

Ausstellung

„Der Funke Gottes!“

Bamberger Diözesanmusem
bis 10. November

Dieser Beitrag erschien in

WELTKUNST Nr. 161/2019